Archiv für den Monat: März 2016

Sprichwörter

Willst Du etwas gelten, mach dich selten. Meine Güte! Ein Sprichwort, dass ins Herz trifft. Selten machen, wo doch unsere ganze vernetzte Welt darauf angelegt ist, sich sichtbar zu machen? Und auch ich, indem ich blogge, mache mich sichtbar. Ein Sprichwort, das auf den ersten Blick den Zeitgeist nicht mehr zu entsprechen scheint.

Und doch, wir ahnen es. Auch an diesem Sprichwort ist viel Richtiges dran. Derjenige, der sich stets präsentiert, ob im Internet oder in einer Talkshow, langweilt, wirkt aufdringlich. Wenn wir uns daran erinnern dürfen, dass wir jemanden schon lange nicht mehr gesehen haben, entsteht Freude an dem plötzlichen Wiederauftauchen dieser vermissten Persönlichkeit. Die stete Selbstvergewisserung durch Präsenz ist nicht nur anstrengend, sondern aus Empfängersicht uninteressant.

Was sollte sich in wenigen Stunden und Minuten geändert haben, welch Gedanke oder welches Gefühl oder welche Pose ist denn meganeu? Wer zu viel Präsenz zeigt, macht sich zudem verdächtig, dass er nichts wirklich anderes Wichtiges zu tun habe, psychische narzisstische Probleme ihn plagten und Verlustängste. Wer möchte schon in diesen Verdacht geraten. Sprichwörter haben oft einen richtigen Kern. Beherzigen wir sie also, wenn wir durch sie berührt werden.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Chaos

Als der Anwalt seinem Mandanten die Frage stellte, welche Beweise er denn für seine Behauptungen besitze, antwortete dieser: „Die sind alle hier in meinem Computer.“ Als der Anwalt dann darauf hinwies, dass er wohl kaum den Computer dem Gericht vorlegen könne, ob für die Beurteilung des Streitgegenstandes etwas Relevantes sich darin befände und darauf drängte, die Beweismittel schriftlich vorzulegen, erklärte der Mandant: „Dann maile ich Ihnen alles und Sie drucken dann aus, was sie glauben, dass es für diesen Rechtsstreit relevant sein könnte.“

Unterstellen wir einmal, der Anwalt hätte sich darauf eingelassen, was hätte vorgefunden? Mailschreiben mit etwa folgendem Inhalt: „Wir machen es so, wie wir es besprochen haben.“ „Es wird gemacht, wie immer.“ und „Das verstehe ich jetzt gar nicht, ich hatte sie doch cc gesetzt.“??? Menschlich ist das verständlich, denn per E-Mail wurde nur sprachlich fortgeschrieben, was Gegenstand diverser Besprechungen war. Beweisverwertbar ist dabei allerdings nichts.

In einem oder in ähnlicher Form veranlassten E-Mailverkehr, schieben die Beteiligten Informationen hin- und her, dies immer in dem Bewusstsein, möglichst umgehend wieder die Last des Antwortens loszuwerden und dabei die Verantwortung anderen überzubürden, und zwar nicht nur dem unmittelbaren Korrespondenzpartner, sondern auch all denjenigen, die sie bei dieser Gelegenheit cc gesetzt haben. Der Vorteil ist, dass man später ja möglicherweise damit punktet, dass ein Drittbeteiligter ebenfalls hätte Kenntnis nehmen können von einem Vorgang und hätte einschreiten müssen, falls Einwände gegen die in der E-Mail getroffenen Ausführungen bestünden.

Da es ohnehin besser ist, den Ball in der Luft zu halten, werden meist nur Bruchstücke von Informationen weitergegeben mit dem Zusatz, doch nachzufragen, falls weitere Informationen erforderlich sein sollten. Ein vernünftiges Arbeiten ohne exorbitanten Zeitaufwand ist damit nicht gewährleistet, aber wahrscheinlich kommt es darauf auch gar nicht an, denn in einer Haftungsgemeinschaft findet sich immer ein Schuldiger für das Misslingen des Vorhabens. Alles ist wieder korrigierbar. Zeit, insbesondere die Zeit desjenigen, der das Chaos zu entwirren versucht, spielt dabei überhaupt keine Rolle. Im Zweifel wird er ja dafür bezahlt, der ratlose Rechtsanwalt.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski