Virtuelle Realität

Die Einstellung der Kamera weist uns den Weg zu einem Verbrechen, das gleich geschehen wird. Wir erkennen die Bedrohung und können doch nicht eingreifen. Wir sind die Zuschauer. 3-D-Effekte machen zudem unsere Wahrnehmung fast greifbar. Und doch, nur Illusion. Es gibt nichts zu greifen oder zu gestalten. Es ist nur Film. Eine andere Welt. Diese andere Welt rückt uns noch näher durch Brillen, die das Geschehen sozusagen direkt in unseren Kopf hineinverlagern, kaum noch Distanz zulassen zwischen Geschehen und unserer Wahrnehmung.

Was macht das mit uns? In der realen Welt dürfen wir stets auch dann noch Akteure sein, wenn wir keine Chance haben. Wir können versuchen, wegzulaufen, uns zu ducken, Gegenaktionen einleiten. Wir können versuchen, Dinge argumentativ zu verändern, eine gefährliche Situation zu beruhigen oder eskalieren lassen.

Im wirklichen Leben sind wir immer Handelnde, selbst dann, wenn wir uns passiv verhalten. Was geschieht, wenn wir selbst nur Nutzer fremder Bilder geworden sind und diese Bilder noch nicht mal unsere eigenen darstellen, keine Ausgeburt unserer Phantasie und unserer Träume sind?

Ja, wir können den Stecker ziehen, die virtuelle Welt abschalten, zumindest für den Moment, wohlwissend aber, dass diese virtuelle Welt auch ohne unser Eingreifen existiert und sich alles merkt. Sie merkt sich unsere Gewohnheiten des An- und Abschaltens, des präferierten Erlebens bzw. unseres Lebens in der virtuellen Realität. Auch wenn wir in dieser nicht wirklich handeln, sondern allenfalls ersatzweise ohne Vollzugsmeldung in die reale Welt, schaffen dann nicht doch die Erfahrungen in der virtuellen Welt Handlungsmuster für die reale?

Wie sind die Interdependenzen zwischen der realen und der virtuellen Welt ausgestaltet und wie bleibt unsere Identität erhalten trotz des Aufenthalts in verschiedenen Räumen mit unterschiedlichen Erlebnisoptionen. In der virtuellen Welt können scheinbar Dinge gelingen, die in der realen Welt völlig undenkbar sind. Wie bleiben wir uns dieser Unterschiede bewusst? Wir müssen uns immer wieder von neuem entscheiden. Wer überwiegend sein Leben in der virtuellen Realität zubringt, wird zunehmend Fremder in der analogen Realität werden. So verlockend die virtuelle Realität aber ist, sie ersetzt nie das richtige Leben, welches so herrlich unvorsichtig und chaotisch ist.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski