Nächstenliebe

Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst. So steht es in der Bibel bei Galater 5 14.2 „Mir wohl und keinem übel“ ist ein alter Familienspruch meiner Familie. Beides klingt wohlvertraut und beinhaltet eine Anforderung, der wir uns gerne gewachsen sehen würden, aber auch über etliche Gründe berichten könnten, warum es dennoch nicht klappt.

Warum klappt es nicht? Ich meine deshalb, weil es schwerfällt andere Menschen zu lieben. Es ist schon schwer, mit sich selbst auszukommen. Wenn wir also den eigens für uns erdachten Maßstab an anderen Menschen anlegen würden, dann wäre es mit der Liebe nicht weit her. Die meisten von uns sind mit sich selbst in der Liebe deshalb nicht vereint, weil sie keine Distanz zu sich selbst aufbauen können, sondern die Selbstbetrachtung ein stetes Rechtfertigungsmoment für Unzufriedenheit darstellt.

Fast jedem Menschen geht es schlecht, irgendwie. Wie soll da Liebe entstehen? Der Familienspruch trifft unsere Haltung schon eher. Ich wünsche, dass es mir gut geht. Und wenn das so ist, soll es anderen auch nicht schlecht gehen. Natürlich darf deren Gutgehen nicht dazu führen, dass es mir schlechter geht. Eine solche Einstellung hat etwas mit Realismus zu tun. Es gilt das Prinzip des „Check and Balances“ auch in allen menschlichen Beziehungen. Ich muss nicht nur erlauben, sondern auch mir wünschen, dass es anderen Menschen gut geht, denn nur so habe ich eine Chance, an deren Errungenschaft zumindest indirekt teilzuhaben. Diese Rückbezüglichkeit wird oft verkannt. Kämen die heute vielgescholtenen vermögenden Men­schen auf die Idee darüber zu reflektieren, dass es ihnen möglicherweise noch besserginge, wenn es den anderen auch gut geht, dann würden sie etwas dafür tun, diesen Zustand herbeizuführen.

Was steht dagegen? Sicher nicht die Vernunft, sondern das Gefühl. Das Gefühl lieber nichts zu teilen, denn man weiß ja nicht, was kommt, ist der Nächstenliebe sehr ähnlich. Beides ist unvernünftig. Aber intelligente Menschen gewinnen spätestens dann an Einsicht, wenn sie sich im gesellschaftlichen Spiegel sehen und mit dem Spiegelbild nicht zufrieden sind.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski