Archiv für den Monat: März 2017

Türkei

Nein, es sieht nicht so aus, als würde die Türkei in absehbarer Zeit in die EU aufgenommen werden können. Vielleicht will sie es auch nicht mehr, weil viele die EU als kein zukunftsfähiges Modell mehr betrachten. Es mag ja sein, dass die institutionelle Verkrustung weit fortgeschritten ist und wir auf ein Aufbruchssignal hoffen müssen. In der Zwischenzeit scheint uns die Türkei verlorenzugehen zwischen all den Gülens und Erdogans, den Auseinandersetzungen mit den Armeniern und den Kurden.

Krieg mit allem und gegen jeden, auch gegen das eigene missliebige Volk. Ein Grund für uns, nicht die Nachrichten abzustellen, sondern an den Bücherschrank zu gehen, um uns der großartigen Menschen zu vergewissern. Ich greife zum Beispiel zu „Memed, mein Falke“ von Yaşar Kemal. Im Klappentext heißt es dazu: „In türkischen Kaffeehäusern wird er vorgelesen, wandernde Sänger erzählen ihn nach.“ Der Roman wurde in über 40 Sprachen übersetzt, ist großartig zu lesen und lässt uns die wahren Türken erleben.

Dann greife ich Rafik Schami „Erzähler der Nacht“, Salim, der Droschkenbesitzer aus Damaskus und leidenschaftliche Geschichtenerzähler. Kein Türke? Nein, aber einer, der den Kulturraum kennt von Istanbul bis Damaskus, so auch wie Mehmed Uzun, der „Im Schatten der verlorenen Liebe“ eine Wanderung durch den Geist, die Seele und Landschaften des früheren Osmanischen Reiches unternimmt.

Davon berichtet auch Ivo Andrić in „Die Brücke über die Drina“. Diese Višegrader Chronik zeigt auf, wie Verständigung unter Moslems, Christen, Juden und Anderen funktionieren und wie sie ruiniert werden kann. Die Bosnier, Kroaten, Serben, Türken, Armenier, Kurden und Syrer, alle können und sollten stolz auf das sein, was sie uns geschenkt haben und wir sollten dies in Demut anerkennen und hoffnungsvoll Lehren daraus ziehen anstatt immer wieder an Zerstörungen mitzuwirken.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Der Gutmensch

Oft erfahren Menschen, die sich für Andere, insbesondere sozial, engagieren, eine gesellschaftliche Ächtung. Sie werden sogar als Gutmenschen bezeichnet. Dies soll bewusst und absichtlich eine Diskreditierung darstellen.

Warum ist das so? Dass jemand aus der Rolle fällt, ist schwer für Andere zu ertragen. Durch sein Verhalten vermittelt er denjenigen, die nichts gesellschaftlich Relevantes tun, das Gefühl, sie verhielten sich falsch. Es ist verständlich, dass dieses Gefühl ihnen lästig ist und dann kehren sie den Spieß einfach um. Aber das stimmt nicht ganz. Die Gutmenschen werden auch bewundert wegen ihrer Fähigkeit, zumindest in einem Bereich, den sie identifiziert haben, selbstlos zu wirken. Was treibt Menschen an, dies zu tun?

Geltungssucht meinen die Einen, Andere tippen auf finanzielle Vorteile, insbesondere Steuervorteile und schließlich bleibt der Verdacht im Raum, es ginge auch um noch mehr Macht und Einfluss in der Gesellschaft. Das mag alles zutreffen und berührt doch nur den äußeren Wahrnehmungsbereich. Im äußeren Wahrnehmungsbereich unterscheidet sich der Gutmensch so weder von der Mafia, einem Unternehmensführer oder einem Politiker. Warum sollte er auch?

Es geht auch dem Gutmenschen darum, durch seine Arbeit und seine Verhaltensweise Wirkung zu erzeugen, Wirkung auf und in der Gesellschaft. Was den Gutmenschen aber innerlich antreibt, ist allerdings nicht Übermut oder Geltungssucht, sondern Verantwortung. Warum das so ist, liegt auf der Hand. Käme es nur auf Macht, Geltung, Einflussnahme und finanzielle Vorteile an, gäbe es in unserer Gesellschaft weite Felder, auf denen der Erfolg sich zuverlässiger einstellte.

Wenn der Gutmensch seine Chance ergreift, tut er das in dem Bewusstsein, dass die Gesellschaft, die Gemeinschaft aller Menschen, von ihm erwarten, dass er von seinem Überschuss an Integrität, Kraft, Ideenreichtum und Handeln etwas jenseits der eigenen Daseinsvorsorge an Bedürftige abgibt. Der Gutmensch macht, was er tun muss, mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski