Jazz

Siegfried Schmidt-Joos hat mit seinem jüngst erschienenen Buch „Die Stasi swingt nicht, ein Jazzfan im kalten Krieg“ mein Leben bereichert. Er tat dies, indem er nicht nur faktenreich die Geschichte des Jazz der Vor- und Nachkriegszeit beschrieb, sondern vor allem dadurch, dass er dafür sorgte, dass der Funken der Begeisterung von ihm auf mich als seinen Leser übersprang.

Schon etwas mit Wehmut bedauerte ich beim Lesen seines Buches, dass ich zwar seit meiner Jugend gelegentlich Jazz auch in den Berliner Jazzkellern und Einrichtungen wie Quasimodo und Quartier Latin angehört, aber niemals verinnerlicht oder begriffen habe. Jazz war immer schon durch AFM und Rias Berlin gegenwärtig, beeinflusste die Bedeutsamkeit von Gesprächen und war ein idealer Begleiter bei Alkoholgenüssen.

Natürlich kannten wir alle Louis Armstrong, wichtiger waren uns aber in den 50er Jahren Elvis Presley und in den 60er Jahren die Beatles. Als ich in den 60er Jahren als Austauschschüler in den USA lebte, hörten wir die Beachboys und Country-Songs, aber kein Jazz. Das mir vorliegende Jazz-Buch zeigt mir auf, was ich versäumt habe. Jazz nicht als Droge, sondern als künstlerische Konfession und politische Manifestation. Detailgenau zeichnet Siegried Schmidt-Joos den gesellschaftlichen Prozess auf, der durchlaufen werden muss, damit ein musikalisches Produkt entsteht, dass akzeptanzfähig und nachfrageorientiert ist. Siegfried Schmidt-Joos verdeutlicht, wie wichtig die Fans und Organisatoren für die Entwicklung des Jazz und seine Manifestation in der Gesellschaft sind. Es ist sein Verdienst, eine mögliche Eindimensionalität der Jazz-Erfahrung, die nur vom künstlerischen Schaffen her bestimmt ist, zu korrigieren und die vielfältigen Brechungen und philosophischen, musikalischen, politischen und gesellschaftlichen Spektren aufzuzeigen.

Irrungen und Wirrungen, nichts kommt bei ihm zu kurz, aber vor allem durchzieht sein Werk, welches sprachlich hervorragend lesenswert geschrieben wurde, eine emotionale Wärme, die Seite für Seite verdeutlicht, dass hier ein Jazz-Fan ans Werk gegangen ist. Er hat mich nicht nur überzeugt, sondern mitgenommen in seine Welt. Ich werde Jazz-Musik künftig ganz anders wahrnehmen dürfen. Ich freue mich darauf und danke dem Autor.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski