Opfer

Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Berlin. Ein terroristischer Attentäter rast mit einem Sattelschlepper dort hinein und tötet viele Menschen. Opfer. Und keiner spricht über sie. Medial und politisch ist vom Täter die Rede, seinem Unterstützerkreis, dem Terrorismus im Allgemeinen und was man tun muss, um unsere Gesellschaft davor zu schützen. Auch das Versagen der Sicherungsorgane, Polizei und Kriminalämter werden angeprangert und schließlich weitere Gesetze und Verordnungen gefordert, um terroristische Aktionen zu unterbinden.

Wir, die Deutschen, müssen geschützt werden, koste es, was es wolle. Der öffentliche Raum ist erfüllt von Vorwürfen und Forderungen Ausländer betreffend, die zu uns gekommen sind. Alle Verlautbarungen zu diesem Thema sind aufgeladen durch die schrecklichen Vorkommnisse auf dem Berliner Weihnachtsmarkt. Aber, kaum ein Wort von den Opfern. Wir wissen von den Opfern wenig. Dürre Hinweise auf ihre Nationalität, Polen, Israeli und Brandenburger?

Eine Gedenkveranstaltung und Blumen sowie Kerzen, aber alles im bescheidenen Maße. Wer ist denn Opfer des Anschlags, die Toten oder die Gesellschaft? Die Opferhilfe nach dem Opferschutzgesetz greift für die Toten nicht, sondern nur die Nothilfe aus dem gemeinsamen Topf der Haftpflichtversicherer. Ein Lkw ist kein Messer oder Knüppel. Wir sind als Menschen nicht darauf vorbereitet, Verletzte zu sein. Unser Leben, unsere Habe, alles zu verlieren. Und dabei war es noch gar nicht lange her, dass wir hätten lernen können Opfer wahrzunehmen: die Toten des Holocaust.

Aber, unter Vermeidung des Opferbegriffes versuchten wir unsere Schuld zu mindern und uns selbst als die Leidtragenden der Nazizeit zu bemitleiden. Unser Gedächtnis, d. h. das Gedächtnis unserer Gesellschaft ist da sehr lang. Opfer sein, ist unangenehm, störend und negativ besetzt. Auch in Strafprozessen spielen Opfer einer Straftat stets eine nebensächliche Rolle. Es geht um die Täter, die es abzuurteilen gilt. Junge Menschen bezeichnen oft diejenigen, die sie demütigen wollen, als Opfer. Keiner will Opfer sein. Die Eigenschaft, Opfer zu sein, stigmatisiert, zieht Unglück an. Opfer religiösen Fanatismusses werden bei Aufdeckung der an ihnen begangenen Schandtaten zudem noch Opfer weiterer Gewalt.

Die Opferspirale dreht sich weiter und verstärkt den Prozess der Aggression je deutlicher das Unrecht, welches man dem Opfer angetan hat, zutage tritt. Dem Opfer raubt man seine Würde. Diese ihm im Rahmen kollektiver Verantwortung wieder zurückzugeben, wäre der erste Schritt auf dem Weg zur Versöhnung und Anerkennung der stets drohenden eigenen Gefährdung.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski