Sammlung

Als Kind legte ich mir eine Postkartensammlung an. In den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts war für mich die Postkartensammlung mein Guckloch in die weite Welt, die Motive vielfältig, natürlich vor allem Landschaften, aber auch Ereignisse, wie Radrennen und Vergnügungshöhepunkte. Anders als durch diese Postkarten hätte ich damals die Welt kaum kennenlernen können, vielleicht etwas träumen, aber nicht erwarten dürfen, dass dies jemals wirklich passiert. Viele Karten zeigten zudem eine Zeit und ihre Gewohnheiten, die es im Nachkriegsdeutschland nicht mehr gab, aber aufregend gewesen zu sein schien: schnelle Züge wie den „Rasenden Roland“ und Tanzveranstaltungen im „Wintergarten“.

Das Zeitfenster in die Vergangenheit versprach aber auch eine Zukunft und entstand stets vor meinen Augen neu, wenn ich meine Postkartensammlung wieder durchmischte und von Neuem betrachtete. Ich bin vielen Menschen begegnet, die sammeln: Postmarkensammlungen anlegten, natürlich aber auch Autos, Plastiktüten und Schnupftabakdosen horteten. Es gibt kaum etwas, was nicht sammlungsfähig ist. Die Motive können allerdings unterschiedlicher nicht sein. Manchen Sammlern – auch von großartigen Kunstwerken – geht es überhaupt nicht um die Kunst an sich, sondern um deren Wert. Andere wiederum sammeln Kunst, weil sie sich einer bestimmten Stilepoche verpflichtet sehen und nicht ruhen können, bis sie eine möglichst geschlossene Darstellung einer Zeit gesammelt haben.

Das Sammeln kann vom Ergebnis her geprägt sein, aber auch vom Prozess des Tuns. Wer sammelt, schafft an. Gleich einer Honigbiene vermehrt er den Nährstoff für sich und ggf. auch für andere. Das Sammeln von Geld gehört natürlich auch dazu. Selbst, wenn es Münzsammler gibt, denen es mehr auf die Münze als auf deren Wert ankommt, gilt Geldscheffeln auch als Teil eines Sammelprozesses. Sammeln ist nicht nur auf Gegenstände beschränkt, sondern erstreckt sich auch auf Erfahrungen, immaterielle Eindrücke oder ungegenständliche Körperlichkeiten im engeren Sinne, wie Männer, Frauen, Hunde oder Pferde. Nichts lässt die Sammelleidenschaft außer Acht und offenbart dadurch eine Haltung, die vielfältige weitere Aspekte aufweisen kann.

Es hat mit der Potenzierung der Machterringung über einen Gegenstand, aber auch über einen Körper zu tun. Sammeln signalisiert die im Prozess befangene Angst vorm Verlust eines Status, der durch das Sammeln erhalten bleiben soll. Sammeln kann idealistisch geprägt sein, aber auch anmaßend, zum Beispiel dadurch, dass zum Wohle der eigenen Sammlung die Sammlungen anderer geschmälert werden. Durch das eigene Sammeln kann der Verlust bei anderen mit einkalkuliert sein. Idealistisch gesehen bedeutet sammeln auch bewahren und erhalten, was sonst unter die Räder gelangen könnte.

Eine vollendete Sammlung wird zuweilen für den Sammler selbst zur Belastung, weil sie zu erstarren scheint und sich entweder keiner findet, der sie übernimmt oder der Sammler selbst sich von ihr nicht lösen kann. Der Sammler ahnt, dass im Regelfall auch seine Sammlung zum Beispiel von Kronkorken eine Endlichkeit hat, die spätestens mit seinem Tod eintritt. Die meisten vererbten Kunstsammlungen sind eine Belastung für die Erben und eine Sammlung von Hunden, Katzen oder Papageien kaum zoofähig. Kein Wort gegen Sammlungen: Deren Endlichkeit und Auflösung sollte allerdings mit bedacht werden.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski