Ruhe

Über allen Gipfeln
Ist Ruh,
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;

so verrät uns der Dichter Johann Wolfgang von Goethe das Geheimnis der Stille. Dass das Ruhen der Beginn des Rasens sei, vermittelte uns in bleibender Bedeutung der Zeitungswissenschaftler Professor Emil Dovifat in einem Colloquium über die Bedeutung der Wörter die mit „r“ beginnen, wie rennen und rasen. Natürlich hat er recht. Ohne Ruhen bewegt sich nichts.

Bekannt ist auch die Ruhe vor dem Sturm, wobei unter Sturm nicht nur das meteorologische Phänomen gemeint ist, sondern auch die stille Ankündigung einer Aufregung oder eines Unheils. Ruhe und Ereignis stehen damit in einem Bedingungszusammenhang. Ruhe vermag zu verkünden, verfügt aber nicht unbedingt über Ausdehnung. Es gibt Phasen der Ruhe und auch der Entkopplung aus einem Moment und Einkopplung in den nächsten.

Ruhe ist die erste Bürgerpflicht, so verlangte es Graf von Schulenburg. Gemeint ist damit aber nicht die Ruhe als inneres Erlebnis, sondern das angeordnete Verhalten der Bürger. Auch, wenn die Begrifflichkeit stark changiert, je nachdem, wie sie genutzt wird, gibt es eine gewichtige für Menschen relevanten Kernaussage. Nur in der Ruhe liegt die Kraft.

So banal das klingen mag, ist doch gültig, dass nur die Ruhe die schöpferische, emotionale und geistige Kraft gewährt, um sowohl im persönlichen, als auch im gesellschaftlichen Bereich segensreich wirken zu können. Später werden wir einmal zur ewigen Ruhe gebettet, das allerdings ist dann keine selbstbestimmte Ruhe mehr, sondern ein Abschluss, in dem allerdings viele Theologen erst den Beginn des geistigen und manche sogar des körperlichen Lebens sehen. Wenn es sich so verhält, kommt der Mensch letztlich doch nie zur Ruhe.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski