Konservativ

Was versteht man unter konservativ? Wie stellt man sich konservative Menschen vor? Allgemein wird konservativ mit rückständig, rechts und fortschrittsavers verbunden. Ist das richtig?

Conservare ist lateinisch und kommt von Erhalten und Bewahren. Etwas zu erhalten und zu bewahren, ist weder ehrenrührig, noch rückständig. Errungenschaften zu erhalten und zu bewahren, gehört zu unserer Lebenssubstanz, um daraus wieder Neuerungen und Veränderungen abzuleiten. Antagonismen zu konstruieren, wo eigentlich keine sind, bedient den politischen Willen Vorteile aus einer Haltung zu ziehen. Diese Haltung, ob konservativ oder modern, fortschrittlich oder linksbeschrieben, soll Zeichen setzen, hat aber mit der Wirklichkeit wenig zu tun. Jeder zu bewahrende Umstand beruht darauf, dass er Zwischenmoment des Fortschrittes ist.

Wenn es zum Beispiel die Ehe zu bewahren gilt, müsste eigentlich der Blick weit in die Vergangenheit gerichtet sein und einen Zeitpunkt fokussieren, wo es überhaupt noch gar keine Eheform für Menschen gab. So verhält es sich mit jeder menschlichen Errungenschaft, ob Eigentum oder Besitz, Erbrecht oder Individualverkehr. Es gilt abzuwägen, wo Veränderungen anzusetzen sind, wo sie vorkommende Vorstellungen zu Lebenssachverhalten korrigieren sollen.

Eine Revolution, eine Disruption, die alles in Frage stellt und über den Haufen wirft, entbehrt jeglicher Legitimation, wenn sie den Wert des Vorhandenseins nicht erkennen will. Jeder konservative Mensch sollte sich glücklich schätzen, wenn er ständig Fortschrittsimpulse und Anforderungen erfährt, die ihn dazu veranlassen, vernünftig und argumentativ neue Standpunkte zu beziehen oder plausibel machen, weshalb die fortschrittlich benannten Gedanken und Handlungen nicht überzeugen oder doch.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski