Der moderne Hiob

Vielleicht vermögen einige von uns, sich an Hiob zu erinnern, diesen alttestamentarischen Leidensmenschen, dem Gott sämtliche Pestilenzen und Krankheiten schickt, um ihn dadurch in seinem Glauben zu erproben. Hiob zweifelt zwar, wird aber von Krankheit zu Krankheit stärker und zögert schließlich nicht, das Leid der ganzen Welt auf sich zu nehmen, um sich seiner Fähigkeit, Gott trotz aller Strafen zu vertrauen, sicher zu sein.

Der moderne Hiob glaubt nicht mehr und findet fast für jedes Leid irgendeinen Arzt, zumindest eine Tröstung. Also hat Hiob abgedankt. Es gibt ihn heute nicht mehr.

Weit gefehlt! Die Prämissen haben sich verschoben. Der leidensmächtige Hiob ist Sinnbild des gemarterten Menschen. Dadurch, dass viele Gott als die Autorität des Lebens nicht mehr anerkennen, wird das menschliche Leid nicht beseitigt. Aids, Alzheimer und Krebs, um nur drei moderne Geißeln zu benennen. Auschwitz steht für sich, aber es gibt auch Kambodscha und Ruanda. Folter in Kriegen, Folter in Gefängnissen, Vergewaltigungen von Kindern und Frauen, wo immer diese stattfinden. Elend, Not und Entwürdigung. Nicht auf Gottes Geheiß, sondern aus eigenem Antrieb erproben wir unsere Überlebensfähigkeit als Täter und Gedemütigte. Dies aber nicht nur mit an Schwären und Wunden leicht sichtbaren Erkrankungen, sondern auch mit denen im Geheimen und Verborgenen. Die Spuren sollen nicht mehr festgestellt, die Tat unerkannt bleiben. Warum diese Exerzitien? Wollen wir uns in unserer Leidensfähigkeit vollenden? Wollen wir, indem wir andere beschädigen, uns davor schützen, selbst gedemütigt zu werden? Das würde von der Kurzsichtigkeit der Täter und Opfer zeugen. Wie hieß es zu Zeiten der französischen Revolution? „Die Revolution frisst ihre Kinder.“ Und so war es auch. Kaum einer der Täter kam davon. Gleiches gilt für die Oktoberrevolution und deren Folgen in Russland. In Stalins Gulags landeten später auch die Täter. Von Reue und Sühne keine Spur. Ein Kreislauf des Unrechts. Der Mensch als Täter um den Preis des Verlustes seiner Integrität, aber geklammert an die Hoffnung, selbst noch einmal davonzukommen.

Der moderne Hiob. Das große Menschheitsdrama ist profane alltägliche Geschichte. Nichts hören von dem Leid anderer Menschen, nicht teilnehmen müssen an deren Schicksal, sondern wegschauen. Vielleicht trifft es mich nicht. Das ist die Regel, aber die Rechnung geht nicht auf. Auch wenn der moderne Hiob seinen Glauben verloren hat, bleiben ihm doch die gleichen Herausforderungen, er muss dulden und erdulden, um in seiner Überzeugung des Richtigen fest zu werden. Die Formung seiner Integrität ist das Vorhaben. Die zu gewinnende Erkenntnis lautet: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Auch seine Würde. Mit dieser Erkenntnis setzt er alle Täter gegenüber dem Opfer ins Unrecht. Für immer.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski