Selfie

Nein, ich mache da nicht mit, weiß aber durchaus, dass via Instagram ständig Millionen, vielleicht sogar Milliarden an Bildern durch die Welt segeln, die einen Hintergrund aufweisen und davor jemanden, der sich selbst vor diesem Hintergrund fotografiert hat. Diese Selfies sind Normalität geworden. Vor allem junge Menschen tauchen vor irgendwelchen bekannten Bauwerken, wie dem Brandenburger Tor auf, halten sich das Smartphone vor die Nase, schneiden Grimmassen und drücken ab. Dann beobachte ich meist auch junge Menschen in der U-Bahn oder S-Bahn, die in Endlosschleifen Bilder auf ihrem Handy ablaufen lassen, diese Flut gelegentlich anhalten, und dann weiter laufen lassen.

Mir scheint das langweilig zu sein. Den meisten Menschen aber offensichtlich nicht, sonst würden sie es auch nicht machen. Sie „liken“ und werden „gelikt“. Das ist der ganze Spaß und die Wertschätzung, die sie erfahren. Davon kann man offenbar nicht genug haben, also hat Instagram eine goldene Zukunft.

Merkwürdig finde ich allerdings den Begriff Selfie, nicht wegen des Amerikanismus, sondern wegen seiner Aussage. Selfie heißt, es geht um mich selbst. Es geht um mich selbst vor irgendetwas oder irgendwem. Ich stehe im Vordergrund. Es geht um mich. Mich sollen die Leute sehen. Ich bin so wichtig. Vor wem oder was ich dieses Bild als Hintergrund gemacht habe, völlig belanglos, sondern bestätigt wird nur, dass ich in der Lage bin, das Bild von mir dort zu machen. Naheliegend, dass in kurzer Zeit der Hintergrund nicht mehr authentisch ist, sondern Fake und ich echt. Kann ich da so sicher sein?

„Erkenne dich selbst!“ So forderte Chilon von Sparta. Wie soll ich mich Grimassen schneidend auf einem Selfie für Instagram noch erkennen? Das Bild ist auch nicht für mich, sondern für andere bestimmt. Erkenne ich mich selbst und mache dabei eine eigene gute Erfahrung, wenn Tausende das von mir gepostete Bild liken?

Ich vermute, dass ein Gefühl der Unvollkommenheit, des Verlustes und des Unbehagens bestehen bleibt, weil keines der Bilder mich so zu zeigen vermag, wie ich selbst bin, wie ich mich empfinde und wie ich eigentlich als Mensch mit all meinen Sinnen von anderen aufgenommen werden möchte. Aber vielleicht irre ich mich da, oder?

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski