Zeit

Wer hat schon Zeit? Mit Zeit lässt sich trefflich argumentieren. Zeit kann man rauben, verschwenden, nehmen, verlieren, gewinnen, stehlen und darüber verfügen. Manche behaupten, sie seien Herr ihrer Zeit, andere behaupten gerade das Gegenteil.

Dabei gibt es eine biologische Zeit und ein planetarische. Wir nennen Zeit auch das, was ganz unterschiedlichen Rhythmen folgt. Wir behaupten Jahreszeiten, Lebenszeiten, Arbeitszeiten und historische Zeiten.

Wir kategorisieren, um dadurch unser Leben verfügbar zu machen, weil wir glauben, dass wir ohne diese Orientierung die Herrschaft über unser Leben verlieren. Wir kategorisieren das Leben selbst in Kindheit, Jugend, Erwachsensein und Alter. Wenn wir diese Denkweise aufbrechen würden, begriffen wir, dass es kein abgrenzbares Davor oder Danach gibt, sondern nur Metamorphosen derselben.

Es gibt keine Vor- und Frühgeschichte. Es gibt keine Gegenwart in eine sich davon absetzende Zukunft. Die Zeit ist ein Prozess von Möglichkeiten, der auf unseren Zugriff angewiesen ist, aber die Gestalt ändert, sobald wir ihn anhalten wollen. Die Zeit ist unendlich gedehnt und ist eingeschlossen in den kleinsten denkbaren Augenblick. Sie hat keine Bedeutungen in unserer Begrifflichkeit, sondern richtet sich nach unserer Wahrnehmung.

Wir alle kennen die langen Augenblicke der Langeweile oder des Erstaunens. Wir alle kennen die kurzen Augenblicke der Freude und des Glücks. Es liegt an uns, die Zeit als Gradmesser unserer Befindlichkeit zu verabschieden und immer das Komplexe zu sehen und zu empfinden.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski