Perspektive

Es ist alles eine Frage der Perspektive. Dieses gängige Mantra vermag uns davon zu entlasten, über einen Umstand weiter nachzudenken oder in Konfrontation mit der Meinung eines anderen zu geraten. Dass es gängig ist, macht diesen Satz allerdings nicht falsch. Vom Menschen aus gesehen, gibt es keine Absolutheiten. Der Mensch denkt, empfindet und handelt perspektivisch, ausgehend davon, was seine Wahrnehmung ihm vermittelt. Unter diesem Aspekt ist Perspektive etwas höchst Persönliches, genährt von Erfahrung und Einschätzung, aber auch Wissen, Bildung und Erkenntnis.

Perspektiven ergeben sich aber auch für denjenigen, der überhaupt nichts weiß, ahnungslos und auf sich selbst beschränkt ist. Da Perspektive somit nur eine Projektion unserer Wahrnehmung ist, gilt es aufzudecken, welche Eigenschaften von Perspektiven nicht erfasst werden, durch unsere Betrachtung sich nicht offenbaren. Unsere Wahrnehmung unter perspektivischen Gesichtspunkten schafft Orientierung. Sie schafft sogar eine bestimmte Form der Verlässlichkeit, sobald diese Wahrnehmung sich entpersönlicht und so allgemeine Anschauung werden kann. Aber auch dann wird eine Perspektive nicht wahr.

Unsere Sinnesorgane sind in der Lage, uns das Wesen aller Dinge, die uns umgeben, zu vermitteln. Damit sind wir aber noch nicht zu deren Wesen an sich durchgedrungen. Alles Wesen, ob organisch oder nicht organisch entzieht sich unserer Gewissheit. Aus unserer Perspektive ist der Himmel blau. Inzwischen wissen wir, was uns zu dieser Wahrnehmung verleitet. Also beachten wir diesen Zustand als gesichert und wissenschaftlich auch bestätigt.

Aber, was macht den Himmel blau? Ausschließlich aufgrund unserer Wahrnehmung, aus unserer Perspektive heraus ist der Himmel blau. Diese Wahrnehmung reicht uns. Wir hinterfragen  nicht, wie Bäume, Berge oder Vögel diesen Himmel für sich beschreiben. Aber, auch wenn wir diesen relativen Moment in der perspektivischen Wahrnehmung durchaus erkennen und auch akzeptieren müssen, so scheuen wir uns doch, die Erkenntnis dahingehend zu erweitern, dass wir niemals etwas wissen, noch des Pudels Kern finden können.

Wir wissen nichts von den Dingen, sondern folgern lediglich aus ihren Eigenschaften ihre tatsächliche Beschaffenheit. Wir wissen nicht, was unseren Planeten, diesen Weltraum im Inneren zusammenhält. Alles ist irgendwie und täglich ringen wir darum, einen perspektivischen Ansatz dazu zu finden, damit wir eine Ordnung haben, die uns nicht selbst permanent in Frage stellt. Es ist gut, dass wir diese selbstberuhigende Fähigkeiten haben. Es ist aber großartig, dass wir trotz allem wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn, trotz Transzendenz und Dataismus letztlich weiterhin gespannt und neugierig auf alles und nichts sein dürfen. Aber sind wir den Anforderungen, die an uns gestellt werden, gewachsen?

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski