Gehirn

Was ist am Gehirn so einzigartig, dass man ihm die Entscheidungsmacht über unser Dasein zumisst? Was vermag denn das Gehirn, wenn der Körper versagt? Wenn die Zufuhr an Traubenzucker und Sauerstoff unterbunden ist, hat das Gehirn ein großes Problem. Das ist die substantielle Seite dieser Abhängigkeit, erklärt aber nicht, was Geist ist und was das Gehirn vermag. Wenn es mehr ist, als nur Substanz, dann können wir dem Gehirn eine ahnungsvolle Bedeutung zumessen, die nicht allein von der Funktion bestimmt wird. Wenn das Gehirn nicht nur körperlicher Funktionsträger ist, dann vielleicht der spirituelle Nukleus unseres Seins?

Den körperlichen Tod gibt es, aber wie steht es mit dem metaphysischen? Kann Wesen jemals tot sein? Ist Wesen nicht vielleicht ein geistiger Zustand an sich und unserer Diskretion anvertraut? Wir kommen uns, d. h. unserem Gehirn nicht gänzlich auf die Schliche. Wir reißen, definieren Geist, Seele und Leib auseinander, um sie möglichst schnell wieder zusammenzuführen, in dem Bestreben, nichts falsch zu machen, unsere Identität zu schützen.

Ob das richtig oder falsch ist, vermag ich nicht zu entscheiden. Auf viele Körperteile vermögen wir zu verzichten, auf unser Gehirn nicht. Versagt es, wird der Gehirntod festgestellt und dann ist es aus mit dem Menschsein. Ist das so richtig? Ich wage das zu bezweifeln. Unser Sein endet nicht, wenn unser Körper aufgegeben hat und selbst dann nicht, wenn Ärzte den Hirntod feststellten, sondern erst dann, wenn der Mensch nicht nur seine Körperlichkeit, sondern auch sein Wesen verlassen hat. So ist es erklärbar, dass „fast Tote“, die zum Leben zurückfinden, sich als Sterbende selbst von außen betrachtet haben und die Anwesenheit eines gerade Verstorbenen, oft noch längere Zeit im Raum wahrgenommen wird.

Viele Menschen empfinden den Tod als absurd. Ist das so? Das Leben mag absurd sein, der Tod könnte dagegen ein äußerst kreativer Akt der Purgation darstellen, denn Neues entsteht und bietet Menschen Gelegenheit, sich in ein allumfassendes Gewesensein zu verabschieden. Religionen schaffen es nicht mehr, Menschen einen religionsspezifischen allumfassenden Himmel zu bieten. Vielleicht gelingt es aber, sich darüber zu verständigen, dass der Mensch immer bleibend die Matrix seines Lebens geprägt und zum Nutzen aller vergeistigt hat.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski