Religion

Seit einigen Jahren lesen meine Frau und ich jeden Morgen in der Bibel. Wir wollen ein Verständnis für Religionen entwickeln, Anregungen oder Bestätigungen erfahren. Wir sind offen für alle Aussagen und halten uns mit Wertungen zurück. Überraschend, aber für Kenner nicht neu ist dabei, dass Geschichten und Geschichte erzählt werden, die zeitlich verschoben, zeitlich ungenau, aber im Wesen beispielgebend das Ringen der Menschen um ein Verständnis Gottes aufzeigt.

Wir sind bei unserer Lektüre nach einem langen Weg bei Hiobs Klagen über sein Schicksal angelangt, dass er, der stets gerecht sei, von Gott mit körperlichen Gebrechen geschlagen werde. Elihu, einer seiner Freunde, antwortet ihm und gibt zu bedenken, dass kein Mensch Gottes Gunst erringen, vor ihm gut oder schlecht sein könne, weil es an sich anmaßend sei, Gott irgendwelche Eigenschaften zuzuschreiben und ihm gegenüber Erwartungen zu hegen, die auf menschlichen Einschätzungen beruhen.

Ich komme ins Grübeln. Wenn Gott das Unbegreifliche, das Unbenennbare, das Unmessbare, das Unwägbare und menschlich Unerreichbare ist, wieso glauben wir dennoch, wir könnten ihm durch unser Verhalten gerecht werden? Mir kommt dabei die Proklamation eines Gottesstaates in den Sinn oder die zehn Gebote, die Gott Moses aufgetragen und irgendwelche Schlachten, die er angeblich siegreich begleitet und auserwählte Menschen ertüchtigt haben soll.

Wenn wir einerseits Gott zutrauen, alles zu sein, wie können wir dann seine Herrschaft mit einer Religion begründen? Religionen scheinen mir Verabredungen zu sein, die Menschen in bestimmten Regionen oder Situationen miteinander eingehen und damit Ziele verfolgen, die entweder unserem Leben auf Erden einen Sinn geben oder die Sinnlosigkeit des irdischen Lebens erklären sollen, die Regeln und Moral Autorität verleihen, die Menschen beschwichtigen und trösten.

Eine wichtige Aufgabe von Religionen ist es, den Menschen zu erzählen, dass sie mehr sind als Haut und Knochen und mit ihrem Tode nicht alles vorbei sei. Interessanterweise sind unter Disposition dieser spirituellen Jenseitsverheißung die Menschen dabei, mittels Genveränderungen, Zellerneuerungseingriffen und sonstigen lebensverlängernden Maßnahmen Versuche zu unternehmen, eine durchaus reale menschliche Ewigkeit entweder auf diesem Planeten oder auf einem anderen zu schaffen. Dies könnte sich als Bedrohung aller Religionen erweisen, die das Jenseits aufgrund Gottes Macht bereits auf Erden als entscheidend für unsere ewige Existenz begreifen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski