Romantik

Romantik ist einer der starken Nenner in unserer Gesellschaft – zum Glück nicht ganz fassbar – jedoch lebendig. Hier treffen sich Künstler aus Ost und West mit ihren Fragen nach der Zeit, Fragen nach Werten in unserer Zeit.

Mit der Romantik gehen wir erstaunlich vorsichtig um. Diese Zurückhaltung scheint in der Sehnsucht und in der Erinnerung an eine verborgene Substanz im Menschen begründet. Holen wir die Seele hervor, erfahren wir Neugier und Fantasie, lassen wir Hemmungen und Vorbehalte fallen!

Sind solche Wünsche merkwürdig? Was verraten sie über unseren Seelenzustand?

Diese Grußworte stellte ich einem Buch voran zu „Berliner Romantik, Orte, Spuren und Begegnungen“, welches ich im Oktober 1992 über ein Fest, das ich im Palais am Festungsgraben, dem Künstlerclub „Die Möwe“ und im Schauspielhaus mit Lesungen, Theaterstücken, Konzerten und künstlerischen Projekten veranstaltete, veröffentlichte.

Romantik als Nenner einer Stadt, die noch völlig ungeübt darin war, zusammenzufinden, aber sich auf der Suche nach Gemeinsamkeiten befand.

In meiner Ansprache vom 30.10.1992 zur Eröffnung dieses Festes führe ich dazu unter anderem aus:

„Warum Romantik? Ich gestehe, es ist keine Zufälligkeit. Ich könnte einen weiten Bogen spannen. Es hat damit zu tun, dass ich mich noch erinnern kann an Märchen der Kindheit, dass ich versucht habe, mir Empfindsamkeit zu bewahren, trotz aller Hektik und Geschäftigkeit, die Freude an Stimmungen und Gedichten zu erhalten. In der Zeit großer Leselust fiel mir auch in die Hände das Büchlein von Christa Wolf und Gerhard Wolf „Ins Ungebundene gehet eine Sehnsucht Gesprächsraum Romantik, Prosa und Essays.“ Ich bin mir sicher, das hat dann den Ausschlag gegeben, zu erfahren, wie die Romantiker, also diejenigen, die sich mit ihr früher beschäftigten und heute befassen, Zeitgefühle zusammenführen und dabei Grenzen überspringen.

Romantik in Schwaben, Romantik in Jena, Romantik in Berlin. Stadtromantik Berlin bedeutet eine kraftvolle Auseinandersetzung auf dem Gebiet der Musik, der Literatur und der Kunst am Anfang des letzten Jahrhunderts in Salons, auf der Straße und in Briefen. Ich erinnere an Bettina von Arnims „Frühlingskrank – Briefe an den Bruder“, „Briefe des Kindes an Goethe“ und „Briefe an den König“. Ich erinnere an Achim von Arnims „Mir ist zu licht zum Schlafen“. Ich erinnere an Rahel Varnhagens Briefwechsel usw. Gerade diese Briefe zeigen, dass die Romantiker nicht selbstversunken waren, sondern aktuell auf Tagesgeschehen reagierten, mutig und entschieden, wie Bettina von Arnim, die Obrigkeit herausforderten, sich aber auch offenbarten in ihren persönlichsten Empfindungen. Sie schämten sich ihrer Gefühle nicht.“ … „Romantik als ein starker Nenner in unserer Zeit, Romantik als ein starker Nenner in dieser Stadt, ein Nenner, in dem sich Künstler aus Ost und West zu den Fragen mit uns treffen können, die uns heute in ungeheurem Maße beschäftigen und auf die eine Antwort oft so verschlossen scheint: Wie nah ist uns das Fremde? Wie fremd ist uns die Obrigkeit? Wie neugierig macht uns das Leben? Fragen nach der Zeit, Fragen nach den Werten unserer Zeit.“

Das Stadtfest erfreute sich großer medialer Aufmerksamkeit und lockte mit rund 60 Veranstaltungen über 2.500 Besucher an.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski