Ende

Vom Lebensende her gedacht, wie lässt sich der Sinn des Lebens beschreiben? Noch eben liegt das ganze Leben vor einem und plötzlich begreift man, dass die eigenen Kinder gealtert sind und der Enkel oder die Enkelin bereits kurz vor der Volljährigkeit stehen, sehr schön, aber deren Kinder, also die eigenen Urenkel wird man vielleicht nicht mehr erleben dürfen. Die Gewissheit des Lebensendes kommt nicht allmählich, sondern plötzlich und unerwartet. Dies ist für viele Menschen sehr verstörend. Es sind nicht nur die körperlichen Schmerzen, die den alten Menschen plagen, sondern auch der Verlust der Konzentration und die Einsamkeit, die sich mit dem fortschreitenden Verlust von Freunden und Bekannten einstellt.

Auch, wenn der Rückbau der Lebensleistung allmählich erfolgt, die plötzliche Wahrnehmung überrascht und löst Hilflosigkeit aus. Es ist doch noch nicht so lange her, da war man gefragt, konnte sich nicht retten vor jedweder Inanspruchnahme, dann kam das unvermeidliche Abschiedsfest und man muss begreifen: Jetzt ist Schluss. Da sitzt nun der Mensch mit seiner gesamten Lebensleistung, nach der niemand mehr fragen wird.

Nun folgen die Einschränkungen, die den Menschen auch wirtschaftlich hart treffen können, weil die Rente oder Pension nicht ausreicht, um den gewohnten Lebensunterhalt zu bestreiten. Bei den Wohlhabenden steigen andererseits die Aktienrenditen, genauso wie die Erträge aus den erworbenen Immobilien. Die Sammlung der Kunstwerke, der Oldtimer, wie auch der Bestand seltener Pfeifen ist beachtlich angewachsen, aber nun, was fängt der Mensch mit all dem an, was er Zeit seines Lebens erspart und gehortet hat? Soll er verschenken, vererben und dann an wen und wozu?

Diese Last, die so plötzlich, wie sein Greisentum über den Menschen gekommen ist, bedrückt ihn. Es bleibt eine Option, diese Last an die Kinder und Kindeskinder testamentarisch weiterzugeben, eine andere hätte darin bestanden, diese Last zu Lebzeiten bereits zu vermeiden, nichts zu tun, was die Nachkommen und schließlich den alten Menschen selbst an seinem Lebensende in Bedrängnis hätte bringen können. Diese Last wiegt schwer und ist jetzt kaum mehr abzuschütteln. Mit dieser Last schafft man sich weder Freunde noch Dankbarkeit, sondern säht Neid, Missgunst und provoziert bei den Nachkommen ein Verhalten, das man Zeit seines Lebens gerade vermeiden wollte.

Es sind aber nicht nur die materiellen Dinge, die den Menschen an seinem Lebensende bedrängen, sondern alle längerfristigen Engagements, die es zu beenden gilt. Sich dieser Gewissheit bewusst zu werden, ist schmerzlich, der Verlust der Kontrolle und der Notwendigkeit des Rückbaus, statt des Aufbaus der bisher den Lebensrhythmus bestimmte. Die wenigsten Menschen können das bevorstehende Ende und den von der Natur geforderten Abschied von Gewohnheiten und angeblichen Sicherheiten ertragen.

Sie behaupten Kraft ihres Willens, ihr Ende überwinden zu können, beharren auf ihrer Leistungsfähigkeit, kleben fest an Arbeit und Vermögen, trotzen scheinbar  mutig ihrer schwindenden Zeit, verlieren aber gleichwohl jede Übersicht in allen ihren Vorhaben und allmählich auch das Wohlwollen ihrer Familie und Freunde, weil sie sich beharrlich weigern oder versäumen, vom Ende her zu denken und sich strategisch klug einzuschränken, demütig zurückzuziehen, anderen das Spielfeld zu überlassen und sich daran zu freuen, dass ihr Alter gelingt, wenn sie beizeiten anfangen, sich zu bescheiden.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski