Archiv für den Monat: Juli 2024

Verführung

Von dem auch meinerseits hoch verehrten Schriftsteller Hermann Hesse las ich neulich in seinem Tagebuch des Monats Juli 1933 etwas darüber, wie eine politisch eher uninteressierte, wirtschaftlich nicht gefährdete und geistig gereifte, den Menschen zugewandte Persönlichkeit für Hitler und den Nationalsozialismus begeisterungsfähig werden konnte.

Dies geschah anlässlich einer Bahnreise, auf der ihr eine attraktive, im Wesen liebenswürdige junge Frau gegenübersaß und von den Massenbewegungen berichtete, die Hitler zu entfesseln verstand und schließlich auch sie bereits begeistert hätte. Allein diese Reisebekanntschaft habe dann bei ihr ebenfalls das Feuer der Begeisterung entfacht. Nun will sie auch da sein, wo diese reizende Person sich zuvor schon eingefunden hat. Wir wissen, dass Erotik und Entfachung von Massen politische Erfolge eher garantieren, als programmatische Inhalte.

1.000 dumme Fliegen, die sich auf einem Scheißhaufen niederlassen, die können sich einfach nicht irren, und zwar deshalb, weil sie einfach viele sind. Bewegungen sind stets nicht das Produkt einzelner Menschen allein, sondern entstehen durch die Verführung durch die bereits Verführten. Ein einzelner Mensch oder ein Schneeball, alles ist lawinenfähig, wenn es Vieles wird. Aus Verführung wird Führung und widersteht schließlich einer Überprüfung. Solange keine Enttarnung erfolgt, wiegen sich die Verführten in Sicherheit. Sie gehören zu den Gewinnern.

Wenn der Spuk aber vorbei ist und Realitäten sichtbar werden sollten, beharren Verführte darauf, dass sie – selbstverständlich gegen ihren Willen – verführt worden seien und folglich von der allgemeinen Amnestie erfasst sein müssten, weil sie durch einen Verführer manipuliert wurden. Wirklich arme Opfer!

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Begegnung

Schau, da läuft er also auf der gegenüberliegenden Straßenseite, ihr Mann. Wo er denn hin will? Sie versucht, ihn auf sich aufmerksam zu machen. Er eilt aber vorwärts, ohne sie zu bemerken. Rufen ist zwecklos. Er würde sie weder hören, noch verstehen, der Straßenlärm übertönt jede Stimme.

An der nächsten, mit einer Ampelanlage versehenen Kreuzung, ergibt sich dann doch eine Chance zur Kontaktaufnahme. Er kreuzt die Straße in ihre Richtung, während sie ihm hurtig entgegengeht, aber auf der Straßenmitte anhält: es ist doch nicht ihr Mann, aber sie kennt diese Person ganz genau! Sie bricht ihre Straßenquerung ab, kehrt um und folgt diesem nur scheinbar Fremden, um sich seiner Identität zu vergewissern. Nachdem sie ihn eingeholt hat, spricht sie ihn an: „Verzeihen Sie, ich kenne Sie, Sie sind doch ein Arbeitskollege meines Mannes“. Dieser sagt „aha“, was sie dazu bringt, ihm genauer zu erklären, für wen sie ihn halte. Dabei macht die Person keine Anstalten weiterzugehen, bleibt einfach stehen und wirft in ihre Ausführungen nur ab und zu ein „aha“ ein. Nachdem sie ihn ausführlich belehrt hat, wer er sei, verabschieden sie sich beide voneinander und gehen ihrer Wege. Als sie abends ihren Mann von dem Ereignis berichtet, sagt dieser „aha“, schaut weiter fern und isst den wirklich köstlichen Borschtsch, den sie ihm bereitet hat. Damit ist das Vorkommnis eigentlich abgearbeitet. Allerdings noch nicht ganz.

Am Wochenende fahren sie – wie oft – auf ihre Datsche. Sie ist verblüfft. Ihr Nachbar ist offensichtlich der Mann, den sie zunächst für ihren Mann gehalten hatte, aber eigentlich ein Arbeitskollege ihres Mannes hätte sein sollen. Da ist sie sich weiterhin sehr sicher. Als sie aneinander vorbeigehen, grüßen sie sich, mehr haben sie nicht zu sagen.

Wo ist denn hier die Pointe? Geht es um ein Missverständnis oder darum, dass wir sehen, was wir sehen sollen oder sehen wollen? In unserem Beispiel geht es um eine private Verwechslung, im politischen Leben aber etwa um Täuschung oder Selbsttäuschung mit einschneidenden Folgen. Für wen halten wir den, der uns begegnet? Halten wir an seiner ihm zugedachten Identität fest, und zwar auch dann, wenn wir es bereits besser wissen, wer er ist? Es sind zwar meist Vorkommnisse aus unserem Alltagsleben, die dazu beitragen könnten, mit unseren Mutmaßungen vorsichtiger umzugehen, aber auch nur dann, wenn wir zu Erkenntnissen bereit sind.   

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Geister treiben

Dem Gedichtband „Geister treiben“ der Lyrikerin Rosmarie Bronikowski entnehme ich zum Stichwort

Klimakonferenz

Festliche Untergangsstimmung 

Gletscher veranstalten Wettfahrt

Eisschollen werden prämiert

für die flüssigste Ausdrucksweise

Wohnhäuser stehn als Kulissen

Unwetter verformen den Boden

der Fisch schwimmt im eigenen Öl

Hat noch jemand eine Frage?

Applaus aus der Zuhörerschaft

Langstielig verbeugt sich die Rose.

Alle sind festlich vereint zum Untergang.

Zu guter Letzt verbeugt sich die Rose. Nur eine würdige Geste oder ein Hinweis darauf, dass im Untergang andere die Regie übernommen haben, der Mensch nicht mehr gefragt ist? Und wenn ja, lässt der Applaus darauf schließen, dass es vielleicht doch nicht so schlimm kommt, die Natur das Ruder herumreißt?

Die Erzählung „Erwin, die Seerobbe“, die Hans vom Glück verfasst hat, lässt dies vermuten. Für seinen Einsatz und die Hilfe zuversichtlicher Wesen dieses Planeten erhält Erwin den Nobelpreis für Klima- und Umweltschutz und äußert sich dabei in seiner Dankesrede wie folgt:

„Die Sprache ist der Schlüssel zum Leben. Sie erlaubt die Kommunikation zwischen dem Menschen, aber auch zwischen Menschen und anderen Lebewesen, wenn diese sich auf eine gemeinsame Sprache einlassen. Verdienstvollerweise versucht seit langem schon auch der Mensch unsere Sprache zu verstehen, aber auch wir – die Tiere – sind nicht untätig geblieben und haben den Durchbruch geschafft. Wir sprechen eure Sprache. Dass ihr uns das zutraut, wissen wir schon aus vielen Kinder- und Jugendbüchern, aber, dass wir nun tatsächlich mit euch reden können, sollte uns ermutigen, dieses Wissen aufzunehmen, Schulen einzurichten, in denen unser gemeinsames Anliegen gelehrt und verbreitet wird, um daraus bessere Handlungsmöglichkeiten für ein künftig ausgeglichenes Zusammenleben aller Bewohner unseres Lebensraums zu schaffen. Sicher verkenne ich nicht, dass der eine oder andere Angst davor haben mag, dass wir Tiere nun die Erde übernehmen, weil wir eure Sprache nutzen können. Das halte ich für unwahrscheinlich. Wie auch die Menschen früherer Zeiten, zum Beispiel Inuits oder Maori wollen wir leben, wo und wie wir sind. Wir sind nicht fortschrittsgläubig im menschlichen Sinne, nicht darauf aus, uns die Erde zu unterwerfen, sondern ihr üppiges Angebot in Konkurrenz und friedlichen Miteinander mit allen Lebewesen zu nutzen. Folglich liegt uns die Erhaltung der Welt am Herzen. Lassen Sie uns im Interesse aller Körperlichen und Unkörperlichen, Lebewesen und Nichtlebewesen auf dem Planeten und im ganzen unendlichen Universum diese Aufgabe gemeinsam angehen.“

Daraufhin gab es zunächst nur zögerlichen Applaus, aber dann standen alle auf und feierten gemeinsam den Beginn dieser erwartungsvollen Zusammenarbeit.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Begrifflichkeit

Begreifen lehren, begreifen lernen – greifen, zugreifen.

Erfassen durch zufassen, Benennung von Eigenschaften und des Wesens: Begrifflichkeiten entstehen, entwickeln sich aus der Substanz der Dinge und ihrer Zuweisung. Die Benennung allein schafft es aber nicht, sondern unabdingbar ist die Erforschung aller Substrate, die sich wie in einem Gefäß vereinigen und dann ihre Benennung erfahren.

So sollte es eigentlich sein, aber in Wirklichkeit hantieren wir mit Begrifflichkeiten so leichtsinnig wie mit Schüttelreimen. Wir schütteln Worte und schon fliegen sie heraus, die Begriffsfetzen: nachhaltig, klimagerecht und allgemeinverbindlich, um – willkürlich – drei gängige Lehrformeln zu nennen.

Begriffe, deren Substanz beim Benennen aber nicht umfassend in Erscheinung tritt, nutzen sich durch deren Gebrauch ab, weil sie keine den Begriff enthaltende Wahrheit offenbaren, sondern nur eine Absicherung des Nutzers eines vorgeblichen Begriffes darstellen. Aber nicht nur durch den leichtsinnigen Gebrauch eines Wortes, sondern auch durch dessen inflationäre Verwendung vermag es die Wirkung, die es zu erzielen vorgibt, nicht mehr zu erreichen. Begrifflichkeiten werden so zur beliebigen Hintergrundmusik einer sich in Lehrformeln gefallenden Welt. Statt mit sich wiederholenden Rezitativen sollten wir es daher vielleicht einmal mit Arien versuchen, die auf gängige Begrifflichkeiten vorsätzlich verzichten und originelle Erfahrung zulassen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Denken

„Querdenker“, ein wahrhaft süffiger Begriff, der allgemein verständliche Zuweisungen in den Personen jener Menschen erfuhr, die während der Corona-Pandemie einerseits ihr Recht einforderten, sich nicht impfen zu lassen, andererseits häufig ohnehin den Staat und sämtliche Politiker als korrupt, gekauft und inkompetent brandmarkten. Ihre Proteste gegen alle diejenigen, die etwas anderes meinten, als sie, versehen sie mit dem Hinweis, dass das richtige Denken bei ihnen aufgehoben sei. Ist dies nachvollziehbar?

Ich denke nicht. „Denken“ und „meinen“ schließen sich nicht aus, sind aber nicht dasselbe. Auch Emotionen und Denken teilen gleiche auslösende Momente. Dass aber „querdenkt“, wer etwas anderes denkt, als andere, erscheint mir nicht schlüssig. Ein kollektives Denken dürfte genauso aussichtslos sein, wie ein paralleles Denken. Wenn Denkende Informationen haben, werden sie diese verarbeiten, um dann die Ergebnisse ihres Denkens ggf. auf Übereinstimmung mit dem Denken anderer Menschen zu überprüfen. Das Ausgangspotential des Denkens ist ein umfassendes Angebot, denn auch diejenigen, die sich nicht als „Querdenker“ bezeichnen würden, haben die Möglichkeit über genau das Gleiche wie „Querdenker“ nachzudenken. Sie kommen nur möglicherweise zu anderen Schlüssen. Sind damit diejenigen, die bei gleicher Ausgangslage in einer anderen Richtung denken, „Querdenker“? Das leuchtet mir nicht ein.

„Querdenker“ könnte vielleicht derjenige sein, der denkend etwas so quer stellt, dass ein anderer Mensch in seinem Denkprozess zu einem ganz anderen Ergebnis kommt. Vielleicht könnte man Emanuel Kant als ein „Querdenker“ bezeichnen, der vielen geläufigen Denkerwartungen bei gleicher Ausgangslage und gleichen Denkinstrumenten zu abweichenden Ergebnissen verhalf.

Die sogenannten Querdenker stellen dagegen Behauptungen auf, die sie mit ihrem angeblichen Wissen rechtfertigen wollen, ohne zunächst eine stringente Ableitung a priori vom Tatsächlichen zwecks einer sicheren Möglichkeit der Überprüfung vorzunehmen. Die Meinung, dass sich etwas so verhält, wie sie es darstellen, ersetzt bei den sogenannten „Querdenkern“ ihre Schlüssigkeitsprüfung.

Sachverhalte sind aber keine Kopfgeburten, sondern schaffen Faktenlagen, die zwar verschieden ausgedeutet werden können, ohne deren Substanz in Frage zu stellen. Hier könnte „Quer-Denken“ ansetzen und eine Vielzahl von Möglichkeiten eröffnen. Wie heißt es bei Kant?: „Sapere aude“.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski