Archiv der Kategorie: Kultur

Hier finden Sie meine Gedanken, Ideen und Anreize zu gegenwärtigen und vergangenen kulturellen Themen, die mich und meine Umwelt bewegen.

ChatGPT

Seit etwa 10 Jahren schreibe ich beständig Blogbeiträge, von denen etwa drei bis fünf Ausführungen zu verschiedenen Themen monatlich ins Internet gestellt werden. Auf Kommentarfunktionen zu meinen Beiträgen habe ich verzichtet, lasse mir aber stets von meinem Administrator dieser Beiträge berichten, dass sie jährlich ca. 80.000 bis 130.000 „Klicks“ mit einer durchschnittlichen Verweildauer von 2,2 Minuten erfahren.

Als ich davon erstmalig hörte, war ich sehr überrascht, denn nur einige Bekannte und Freunde haben mir erzählt, dass sie hin und wieder, zuweilen aber auch häufiger, meine Beiträge lesen, zumindest aber zur Kenntnis nehmen würden. Auch aus meiner Sicht darf man die Erwartungen nicht sehr hoch setzen, weil wir alle, also auch ich, von dem „Overflow“ an Informationen und Meinungen bereits ermüdet sind.

Nun erfahren meine Blogbeiträge eine für mich überraschende neue Dimension, und zwar durch ChatGPT. Ich muss mich mit der Vorstellung auseinandersetzen, dass das digitale Netzwerk und die Neuronen dieses Programms längst auch sämtliche Informationen meiner Blogbeiträge seit deren Beginn gescannt und mutmaßlich auch verarbeitet haben. Angesichts der unzähligen Blogs anderer Menschen und Informationen bei Twitter, Instagramm, Facebook usw. haben diese Informationen wieder den Wettbewerb mit anderen aufgenommen, um dann zu sehen, welche sich letztlich durchsetzen.

Ich stelle mir ein gigantisches neuronales Potpourri von Europa bis Neuseeland vor und ahne, dass ich, wie alle anderen Menschen, mit dieser Entwicklung etwas zu tun habe. Will ich das aber? Besteht nicht die Gefahr, dass aus meinen Behauptungen, die ich in meinen Beiträgen aufstelle, durch die Bearbeitung Gewissheiten werden? Kann es sein, dass ChatGPT eine gigantische „Umformungsmaschine“ ist, deren Sättigungsgrad nie erreicht sein wird und dabei gleichmütig alle Gedanken der Menschen zu einem eigenen Produkt macht, ganz egal, wer die Urheberschaft eigentlich für sich in Anspruch nehmen kann? Was sollte man der Maschine aber vorwerfen, wenn man sie dabei erwischt, dass sie Plagiate produziert, Ideen, Meinungen und sogar Tatsachen verfälscht?

Es geht dabei nicht nur um „Fakes“, sondern auch um Nuancen des Eindrucks von Stimmungen. Alles ist relevant, ob Kommata oder Doppelpunkte, Frage oder Ausrufezeichen! Es wäre ein Irrtum zu glauben, erst war die Sprache, dann war der Mensch. Die Aussage kann vor dem Gedanken nicht bestehen. Unter Einsatz von ChatGPT verändert sich nicht nur das Bibliothekswesen, sondern wir uns selbst. Wir sind im Begriff, den Schöpferstatus für all das, was wir einmal selbst geschaffen haben, zu verlieren und uns zum Handlanger der Maschine und von ihr abhängig zu machen.

Waren es damals Alexander der Große und Ptolemaios, die durch die Gegend zogen und Bücher für ihre Bibliothek in Alexandria raubten, um zu wissen, was die Menschen weltweit dachten und aufschrieben, so erfahren wir nun „ehrfurchtsvoll“ das Wortgemisch der Maschinen. Dem Zeitgeist ist nicht zu entgehen und bekanntermaßen schafft sich jede Zeit ihr eigenes Gewand.

Also sollte ich praktisch reagieren: Wenn ich bei ChatGPT meinen Namen eingebe, mit welchem Text muss ich rechnen? Wenn ich die Eingaben wiederhole, kann ich mit Varianten des Textes rechnen? Ich bedenke dabei, dass in Sekundenschnelle nun alle Texte entstehen könnten, für die ich mir in der Summe 10 Jahre Zeit gelassen habe.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Blockade

Es ist mir ein freudiges Anliegen zu denken und dabei mich von Gehörtem, Gelesenem, Gesehenem und Gespürtem inspirieren zu lassen. So lasse ich mich treiben in der Flut meiner Gedanken, die sich meist unverhofft verdichten und etwas entstehen lassen, was ich annehmen oder verwerfen sollte.

Wenn ich spüre, dass das, was sich andeutet, betrachtenswert ist, dann rufe ich alle weiteren mir verfügbaren Gedanken herbei und beginne mit dem Verdichten der umherschwirrenden Gedanken. Ich will verstehen, sie abgleichen mit meinen sonstigen Erfahrungen und Einschätzungen, um herauszufinden, ob etwas auftaucht, das es wert ist, über den Augenblick hinaus bewahrt zu werden.

Leider erlebe ich zuweilen, dass meine Gedanken bei allem heftigen Bemühen, dies zu verhindern, an Grenzen geraten. Es scheint zunächst alles auf dem besten Weg zu sein und dann: die Blockade.

Worauf beruht diese Begrenztheit meines Denkens? Vielleicht ist es die fehlende Erfahrung, das ungenügende Wissen oder auch ein nur immanentes Denkverbot? Dürfen wir Menschen nicht die absolute Kontrolle über unsere Gedanken und die Schöpfungsmacht für eine umfassende Einsicht besitzen? Dürfen wir die Unendlichkeit einer sich selbsterklärenden Gedankenlosigkeit dank umfassender Erkenntnisse nicht erfahren? Ist die Begrenztheit unseres Denkens der Begrenztheit unserer Sinne geschuldet?

Ich ahne, dass ich trotz aller vermutbaren Vergeblichkeiten meines Bemühens weiterhin versuchen werde, die Blockaden, die sich meinen Gedanken entgegenstellen, zu brechen. Ich bin allerdings dankbar dafür, dass es diese Blockaden gibt, denn sonst wären angesichts der vermutbaren Beliebigkeit meine Gedanken beschäftigungslos.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Vexierspiegel 

Russland führt einen Krieg gegen die Ukraine, für den Wladimir Putin, der russische Präsident, ursächlich verantwortlich gemacht wird. Er begründet seine Februar 2022 eingeleitete „Spezialoperation“ damit, dass er zum Schutz Russlands handele, das sich gegen die westlichen Invasoren – vor allem die NATO – wehren müsse. Tatsächlich führe nicht Russland, sondern die Ukraine Krieg gegen Russland und deshalb sei die „Spezialoperation“ erforderlich, um Gefahren von Russland und seiner Bevölkerung abzuwehren, wobei allerdings auch zu berücksichtigen sei, dass die Ukraine eigentlich kein Staat, sondern ureigenes russisches Gebiet sei, auf dem Faschisten die Einwohner beherrschen würden und sein Eingreifen auch deren Befreiung diene. Putin gibt sich als Initiator und Frontmann dieser „Spezialoperation“, übernimmt hierfür im Namen der russischen Nation die Verantwortung und sowohl die Kriegsparteien, als auch die solidarisch Verbündeten der Ukraine scheinen dies so zu sehen.

Was ist aber, wenn dieses Narrativ so überhaupt nicht stimmt?

Dieser Gedanke kam mir, als ich über die Geschichte der Russisch-orthodoxen Kirche las und dabei entdeckte, wie eng bei der Einrichtung und Ausübung dieser Religion der Glaube mit dem Nationalstaatsgedanken verbunden ist. Auf den gegenwärtigen Krieg in der Ukraine übertragen, ist es daher nicht nahe liegend, die Frage aufzuwerfen, ob nicht die russische Kirche selbst, ausgehend von ihrem Metropoliten als Anstifter, den Krieg nicht nur befürwortet, sondern ihn sogar angeordnet hat und Putin selbst vollzieht, was die Kirche will?

Auf die damit für Putin selbst verbundenen Vorteile komme ich noch zu sprechen. Die Kirche könnte diese Initiative ergriffen haben, weil sich ein Teil der Russisch-orthodoxen Kirche in der Ukraine von dieser losgesagt und eine eigene nationale ukrainisch-orthodoxe Kirche gegründet hat. Dies stellt nach dem historisch begründbaren Selbstverständnis der Russisch-orthodoxen Kirche ein nicht hinnehmbares Schisma dar.

Dabei ist zu bedenken, dass in der Konsequenz dieser ukrainischen Kirchengründung die Macht der Russisch-orthodoxen Kirche erheblich geschwächt und auch der Zugang zu deren heiligen, historischen Städte – zum Beispiel des Höhlenklosters in Kiew – gefährdet wurde. Inzwischen ist das Verbot für die Russisch-orthodoxen Kirche ausgesprochen und nur die Ukrainisch-orthodoxe Kirche hat das alleinige Zutrittsrecht zu den Heiligtümern erworben. Aus Sicht der Russisch-orthodoxen Kirche wurden durch die Abwendung der Ukraine vom russischen Einflussbereich unverzichtbare religiöse, und damit nationalreligiöse Heiligtümer dieser Kirche gefährdet. Ist dieser Sichtweise Plausibilität abzuringen, wird auch verständlich, dass es absolut widersinnig erscheint, so wie es aber geschehen ist, den russischen Metropoliten aufzufordern oder zu bitten, auf Putin einzuwirken,damit dieser den Krieg beenden möge.

Es ist doch der „Heilige Krieg“ der Kirche selbst und er kommt Putin durchaus zu Pass, weil es ihm die Gelegenheit gibt, unter dem Schutz der Kirche weiter an der Macht zu bleiben. Soweit er sich mit der einflussreichen und reichen Kirche Russlands im Einklang befindet, wird er weiter unter ihrem Schutz stehen. Die Kirche beherrscht vor allem die Menschen in den ländlichen Regionen.

Nach den Erfahrungen der Sowjetunion und der von dieser ausgelösten religiösen Identitätskrise ist ein Großteil der Menschen in Russland absolut mit der Führerschaft durch die Kirche einverstanden und erhofft von ihr den Trost, der ihm aufgrund der schwierigen Lebensverhältnisse oft versagt bleibt. Putin kann sich also völlig sicher in seinem Amt sein, solange die Kirche den national-religiösen Plan nicht aufgibt und die Gläubigen ihr folgen.

Da gäbe es aber möglicherweise einen Hebel, um die unheilvolle Entwicklung zu beenden, wenn der Wille aller Beteiligten vorhanden wäre, was ich bezweifle. Die Russisch-orthodoxe Kirche und die Vertreter der ukrainisch-orthodoxen Kirche, ggf. die Vertreter sämtlicher orthodoxen Kirchen könnten sich zusammensetzen und beratschlagen, wie sie mit ihrer Geschichte und den nationalen Auswirkungen umgehen und dabei herausarbeiten, was sie tun müssten, um ihre religiöse und kulturelle Bedeutung jenseits nationaler Ansprüche zu stärken.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Inszenierung

Schafft das Leben sich selbst oder darf man es als eine Inszenierung verstehen, als Darbietungen, welche den Regeln oder auch den spontanen Einfällen von Dramaturgen und Regisseuren entsprechen? Aber wo sind die Regisseure, die das Leben, unser Leben und dasjenige der Anderen gelingend macht?

Wenn es diese geben sollte, so wirken sie unsichtbar und aus der Fernem, haben aber ihre Assistenten, die sich stets mit großem Einsatz darum bemühen, den einzelnen Darbietungen und der gesamten Inszenierung, in welche die Stücke eingebettet sind, einen Sinn zu verleihen.

Die Schar der Regieassistenten ist groß und umfasst Kirchenvertreter, Kriegstreiber, Wirtschaftsbosse und tätige Menschen gleichermaßen. Die Inszenierungen werden für das jeweilige Klientel ausgerichtet.

Um aber eine Kakophonie zu vermeiden, hat man verständlicherweise religiöse oder kriegerische Klärungsprozesse als geeignete Bausteine von Inszenierungen zugelassen. Die Genialität der Inszenierungen ist am Applaus zu messen, den sich alle Beteiligten schlussendlich bewilligen. Der Applaus gilt dem Durchhaltevermögen der Beteiligten. Welches Stück gerade gespielt wird, ist dabei uninteressant.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Leben

Das Leben erscheint mir zuweilen als eine Abfolge spektakulärer und weniger spektakulärer Begebenheiten, die sich im Gewesensein erschöpfen. Frei nach Breton, welchen Nutzen, welchen Gewinn ziehen wir daraus?

Das ist nicht auszumachen, kann nicht entschieden werden, und zwar aus einem einfachen Grund: Wenn wir eine Zeit lang das Spektakel angeschaut haben oder auch Teil des Spektakels waren, irgendwann ist alles zu Ende, spätestens zum Zeitpunkt unseres Todes.

Aber, warum machen wir das alles, warum zetteln wir Kriege an, wie dieser Herr Putin, begehen unfassbare Gräueltaten und helfen andererseits anderen Menschen, retten sie, befreien sie von Krankheiten und Leiden. Warum häufen wir gigantische Vermögen an und verteidigen unseren Besitzstand mit Klauen und Zähnen? Warum sind uns Arbeitszeitnormen und wirtschaftlichen Vorteile sowie Spekulationsgewinne jenseits unseres Bedürfnisses so wichtig?

Mit der DNA wäre es zu erklären, wenn es stimmen würde. Würden die beschriebenen Verhaltensweisen nicht an der Erosion des Lebens auf dem Planeten beteiligt sein, entsprächen sie dem allgemeinen Verständnis, uns Menschen zu erhalten. Wäre dieses Verständnis vorhanden, zögen alle an einem Strang und würden sich in ihren Fähigkeiten ergänzen. Diese Bereitschaft scheint nicht zu bestehen.

Es geht vielmehr um Vorteile. Ein transzendentales Leben, wie Religionen verheißen, das ließe Elend und Ungerechtigkeiten ertragen. Ist aber der „Himmel“ abgeschafft bzw. geraubt, ein transzendentales Paradies unerreichbar, was bietet dann noch das Leben? Vielleicht Hoffnung? Aber worauf? 

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Ahne

Wir waren noch Lausbuben und trieben ab und zu unsere Späße mit dem „Ahne“. Der Ahne? Das war der alte Mann, der oben unter´m Dach wohnte, meistens im Bett lag und niemals mehr das Zimmer verlassend, die schmale Holzstiege hinab in die Küche des Bauernhofs kletterte, wo wir meistens alle zusammen waren, wenn es nichts zu tun gab.

So war das damals Ende der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts in einem abgeschiedenen Dorf des Schwarzwaldes. Der alte Mann, also der Ahne, war der Großvater, vielleicht nicht mehr ganz richtig im Kopf, wenig beweglich, von der schweren Arbeit auf dem Hof gezeichnet. Die Schmerzen setzten ihm zu. Aber dennoch freute er sich immer, wenn wir zu ihm nach oben stiegen und nahm uns die Neckereien offensichtlich nicht übel.

Der Ahne, welch verheißungsvolles Wort. Es bringt zum Ausdruck, dass er sich bereits zu Lebzeiten den Ahnen näherte. Mit Vorname hieß er zwar Adam, aber wir nannten ihn alle den Ahne, bis auf seine Frau, die sich um ihn kümmert, soweit ihr eigenes Alter dies noch zuließ. Sie sorgte für sein Essen, richtete sein Bett und das Nachtgeschirr, welches regelmäßig geleert wurde. Sie wusch ihn und las ihm am Abend aus der Bibel vor.

Zuweilen kamen auch ein Arzt und der Pfarrer, letzterer wahrscheinlich um einzuschätzen, wann mit dem Ableben zu rechnen sei. Die Rituale führten den Ahnen Tag für Tag, Stunde um Stunde seinem Ende näher und es war zu spüren, dass die Ahnen erwarteten, ihn in ihren Reihen aufzunehmen. Außer dem Warten auf den Tod, gab es für ihn auf Erden nichts mehr zu erledigen. Abgesehen von unseren Neckereien herrschte Frieden in dieser Dachkammer, alles war authentisch und stimmig und nun, was erwartet den Ahnen unserer Tage? Was erwartet mich, wenn ich alt bin?

Sicher kein Altenteil in einem Bauernhof. Vielleicht kümmern sich gelegentlich oder regelmäßig Pflegekräfte um mich oder ich komme in ein Pflegeheim? Kinder und Enkelkinder kommen ab und zu zu Besuch, bringen Kekse und gute Wünsche mit und versichern, dass für alles gesorgt sei. Der Ahne war kein Geschäftsmodell, wie ist es aber um den alten Menschen heute bestellt? Die Alten werden älter, die Ahnen müssen warten. Das Geschäft muss erst erledigt, der Ahne ausgelesen sein.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Wohlstandsverdruss

Deutschland in Feierlaune! Nach pandemischen Jahren und trotz des Krieges in der Ukraine und wissend um die auf uns zukommenden Einschränkungen aufgrund Energieverknappung und zwingenden Umweltschutzmaßnahmen, die Biergärten und Straßenlokale sind voll besetzt, Events boomen und wer noch nicht gefeiert hat, der feiert jetzt!

Und doch scheint etwas nicht zu stimmen. Die Szene mutet zwanghaft an, trotziges Feiern, gibt es das? Ich glaube ja. Nichts ist mehr, wie vor der Pandemie und dem Krieg in Ukraine. Davor erschien alles so selbstverständlich. Klimaschutz, naja, aber so schlimm wird es nicht werden und wir schaffen das!

Das waren Merkel-Jahre und wir blieben gelassen. Da hat sich etwas geändert. An 2019 können wir nicht anknüpfen, die Merkel-Jahre sind vorbei, die Zuversicht ist verloren. Den Mundschutz sind wir vorübergehend los, aber wir bleiben gezeichnet durch die Jahre der Pandemie. Wir sind misstrauisch geworden. Verwundert und hartnäckig, an alte Rituale uns erinnernd, klammern wir uns an alle möglichen Festivitäten, als seien sie Strohhalme, die uns das Überleben sichern.

Wir wollen festhalten an gewohnten Besitzständen, sind aber unsicher, wie lange uns die Gnade des Wohlergehens noch gewährt wird. Der uns so vertraute Wohlstand wird durch Kriege, Bedrohungen, Zinserhöhungen, Lieferkettenprobleme und schließlich auch durch gravierende Energie- und klimabedingte Einschränkungen belastet.

Noch wäre es falsch, dies offen zu bekennen, aber gerade der Wohlstand hat uns diese Misere eingebrockt. Es ist viel leichter, das Licht einzuschalten, als es auszuschalten, auf ein paar Bequemlichkeiten verzichten zu müssen, als in der Erwartung zu leben, sich erheblich einschränken zu müssen. Einschränkungen, die wir erfahren, begreifen wir als politisches Versagen und Eingriff in unsere Persönlichkeitsrechte. Wir sind es gewohnt, Ansprüche zu formulieren und nun werden wir mit einem Pflichtenheft konfrontiert? Ist vielleicht daran der Wohlstand schuld? Nachdem wir uns der Antworten aller übrigen „Verdächtigen“ vergegenwärtigt haben, fangen wir an, den Wohlstand selbst als einen möglichen Auslöser unserer Misere zu begreifen.

Verbesserungen der Lebensbedingungen, Fortschritt und Wohlstand, all dies schien sich zu bedingen, jeden Tag waren wir in Feierlaune. Nun wird uns aber bewusst, wie trügerisch dieser Wohlstand ist, dass er nicht zu halten bereit ist, was er verspricht und unsere Feiern eher denjenigen auf einem Vulkan ähneln, als dem Siegesfest nach einer überstandenen Pandemie.

Es gibt Menschen und die scheinen nicht wenige zu sein, die sind diesen Wohlstand satt und wünschen sich eher ein verlässliches, auskömmliches, verantwortbares und solidarisches Menschenleben für ihre Kinder und sich selbst. Auch dies kann Wohlstand sein, auch wenn er nicht tage- und nächtelang auf Straßen und Plätzen gefeiert wird.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

German Angst

Angst war oft schon Gegenstand meiner Betrachtungen in Blogbeiträgen. „German Angst“ noch nie. Wieso? Vermutlich deshalb, weil „German Angst“ ein Begriff ist, den andere als Ausdruck für unsere Befindlichkeit als Deutsche geprägt haben, wir aber uns diesen nicht zu eigen machen wollen oder können. Der Begriff „German Angst“ strahlt etwas Befremdliches aus, etwas, das geeignet ist, uns verächtlich zu machen und unsere Schwierigkeiten, mit der Welt zurechtzukommen, als verwunderlich beschreiben soll.

Unsere Angst vor allem bietet gleich auch das deutsche Gegenmittel: „Hab dich doch nicht so!“ Wie es mit den Ängsten anderer Menschen weltweit bestellt ist, weiß ich, wie viele Deutsche, auch nicht. Es gibt sicher Ängste, die alle Menschen teilen und die mit Armut und Umweltzerstörung in Verbindung gebracht werden können, um nur zwei herausragende Themen zu nennen.

Bei Asterix und Obelix gibt es die stete Angst, dass einem das Dach auf den Kopf fallen könnte. Bei uns scheint es so, als gäbe es vor allem eine Art Angst, die durch mangelndes Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten hervorgerufen wird. „The German Angst“ scheint also vor allem eine allumfassende Angst zu sein, die allerdings im Einzelfall wieder gebändigt und überwunden werden kann.

Sie beruht auf hoher Sensibilität, aber auch Erfahrungswissen. So oft und so leicht wurden die Deutschen schon Opfer ihrer eigenen Hybris. Sie glauben, dass sie sich keine weiteren Fehler leisten können und schicken daher ihre Angst vor, damit sie mögliche Irritationen schon von vornherein ausräumt.

Gelingt das? Ich habe da meine Zweifel. Ich glaube, dass Zuversicht, Unbekümmertheit und Mut, die Gefahren erkennen, einkalkulieren, aber nicht Besitz und Seele und Geist ergreifen lassen, viel bessere Ratgeber sind, als Angst, die schließlich danach trachtet, etwas zu verhindern, anstatt es zu ermöglichen. So aber kann weder persönlich, noch gesellschaftlich eine vertrauensvolle Zukunft gestaltet werden. Die Zuversichtlichen, die meinen, dass schon immer alles gut gegangen sei, haben wahrscheinlich recht. Wer wagt, gewinnt, oder?

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Gender

Die Genderisierung unseres Lebens ist schon eine merkwürdige Angelegenheit, die mich beeindruckt, weil ich sie begreifen, aber nicht verstehen kann. Ich bin nicht „etwas“ und habe bei aller Selbstbetrachtung bisher nicht erkannt, dass ich gattungsmäßig sämtlichen Zuständen zu entsprechen habe. Dabei ist dies, so entnehme ich den Anforderungen, keine Entscheidung meinerseits, sondern verpflichtend und soll mittels der Sprache so auf mich einwirken, dass ich mich zumindest als Teil eines Ganzen empfinde.

Die Sprache ist dabei nur das prozessuale Mittel, um zu erreichen, dass wir alle nicht nur respektvoll miteinander umgehen, sondern uns auch nicht aussondern. Zu begreifen ist dabei allerdings wenig, dass in der Regel in Medien nur von dem Verbrecher oder dem Täter gesprochen wird und Verbrecherin nicht präsumtiv, sondern nur dann vorkommt, wenn im Einzelfall dies zur Debatte stehen sollte. Vielleicht handelt es sich hierbei um einen nicht abgeschlossenen Lern- oder Verstetigungsprozess.

Auch, wenn fast schon ermattet der Hinweis erfolgt, dass ein Student oder eine Studentin etwas anderes sei, als ein Studierender, weil Letzteres eine Tätigkeit darstelle, also prozessual wirke, trägt dies nicht zur Einschränkung des aufgenommenen Korrektureifers bei. Sprache ist sicher zum Gebrauch dar, aber stellt auch eine Herausforderung dar, über Sachverhalte nachzudenken, wie zum Beispiel über Denkmäler. Es ist vom Wachstum der Sprache die Rede und ihre Einzigartigkeit, die einem gesellschaftlichen Konsens entspricht. Besteht für das Gendern ein gesellschaftlicher Konsens? Ich weiß es nicht.

Wir müssen uns allerdings kritisch damit auseinandersetzen, welche Verluste damit einhergehen können, dass wir nicht nur die gegenwärtige Sprache, sondern auch all das, was bisher schon gesagt wurde, versuchen zu korrigieren, ungeschehen zu machen oder so zu verändern, dass es den gegenwärtigen Genderverpflichtungen entspricht. Bisher muss ich erkennen, dass die Anpassungsbereitschaft nicht Halt davor macht, bereits veröffentlichte Texte von der Genderisierung zu verschonen. Bisher konnte ich aber nicht feststellen, dass auch Gedichte in den Bannstrahl der gendergerechten Betrachtung gelangt sind.

Dies könnte sich ändern, zum Beispiel bei dem „Zauberlehrling“ von Johann Wolfgang Goethe, weil nicht einzusehen ist, dass es sich um einen Zauberlehrling und nicht um eine Zauberauszubildende handelt. Der Hexenmeister ist selbstverständlich auch eine Hexenmeisterin und in der vorletzten Strophe des Gedichts könnte man auch texten:

Herr*in und Meister*in! hör mich rufen! –
Ach, da kommt der/die Meister*in!
Herr*in, die Not ist groß!
Die ich rief, die Geister
Werd ich nun nicht los.

Auch Matthias Claudius würde mit seinem „Abendlied“ nicht ungeprüft davonkommen, und zwar schon deshalb, weil er nur Brüder und keine Schwestern kennt, nur einen kranken Nachbarn und keine kranke Nachbarin. Ich versage mir hier, viele weitere Beispiele aufzulisten, denn sicher wird bald eine engagierte Arbeitsgruppe sich auch die Gedichte vornehmen, was ich insofern als überaus erfreulich empfinde, als dass die Korrektur auch stets mit der Lektüre einhergeht und in Zeiten, in denen Gedichte kaum noch rezipiert werden, so eine Renaissance ihrer Wahrnehmungen geschieht.

Aber: Noch eins aus Kurt Tucholsky „Augen in der Gross-Stadt“:


Es kann ein Feind*in sein,
es kann ein Freund*in sein,
es kann im Kampfe dein(e)
Genosse*in sein.
Es sieht hinüber
Und zieht vorüber …
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider.
Was war das?
Von der großen Menschheit ein Stück!
Vorbei, verwehrt, nie wieder.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Kontrolle

Ein Oppeln tut das nicht! Mit dieser Ermahnung meines Vaters waren eine Fülle durchaus attraktiver Möglichkeiten, sich nur zum eigenen Vorteil anderen gegenüber zu verhalten, erledigt. Die familiäre Kontrolle funktioniert. Dabei bin ich – wie jeder andere Mensch auch – zu allem fähig, aber, wie bereits die familiäre Kontrolle, vermag auch die genetische und die auf eigenen Erkenntnissen und Abwägungen beruhende Kontrolle einzugreifen, wenn die Bereitschaft, egozentrische Gedanken und Gefühle umzusetzen, zu mächtig wird.

Das Gewissen meldet sich. Zudem ist ergänzend die gesellschaftliche Kontrolle zu bedenken. Dafür gibt es zunächst einen einfachen Merksatz, dass man anderen nicht zufügen solle, was man selbst nicht erleiden möchte, der sehr passend ist. Selbstverständlich erschöpft sich diese Kontrolle nicht in dem Verhalten von Mensch zu Mensch, sondern umfasst auch Sitten und Gebräuche, regelt also Rituale, die im menschlichen Zusammenleben Orientierung verschaffen.

Dass dies vorteilhaft ist, scheint mir heutzutage nicht mehr einer allgemeinverbindlichen Ansicht zu entsprechen. Manche Kontrollen, wie man sich zum Beispiel an Feiertagen verhält und sich kleidet, mögen als veraltet gelten, aber jeglicher Kontrollverlust z. B. bei der Selbstdarstellung in der Öffentlichkeit oder bei der Nahrungsaufnahme schafft bei den Handelnden und Erlebenden Frust.

Das Ergebnis ist, dass die Eigenkontrolle allgemein erlahmt und sich jeder so verhält, wie es seiner augenblicklichen Eingabe entspricht. Der Mensch ist lernfähig, aber vor allem verlernfähig. Irgendwann, und zwar wahrscheinlich sehr bald, erodiert das Vertrauen in andere Menschen, insbesondere dann, wenn die Maßstäbe menschlichen Handelns völlig zur Disposition gestellt werden.

Dass dies sehr bald geschehen könnte, liegt auf der Hand. Sobald infolge des Klimawandels, der Energiekrise, der Überbevölkerung, der Migrationsströme und anderen Herausforderungen nur funktionierende, persönliche, familiäre und soziale Kontrollen noch ein ertragbares Miteinander ermöglichen, werden wir uns darauf besinnen müssen, dass die Freiheit, auch auf Kontrollen zu verzichten, den Vorteil sie zu haben, nicht übertrifft. Es ist gut, souveräner in den Grenzen, welche die Familie, die Gesellschaft, die ich mir selbst vorgebe, zu handeln.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski