Archiv der Kategorie: Wissenschaft

Blumenreigen

Im Zeit-Magazin vom 22.03.2018 las ich ein aufregendes Interview mit Stefano Mancuso, der als Botanikprofessor an der Universität Florenz lehrt. Er hat ein Buch geschrieben über die Intelligenz der Pflanzen und behauptet in dem Interview nicht nur die Denk- und Merkfähigkeit von Pflanzen, sondern auch ihre Möglichkeit, miteinander zu spielen. Er mahnt an, die Pflanzen so zu nähren, wie sie es wünschen und darauf zu vertrauen, dass sie sich auch wehren können. Die Pflanzen brauchen kein Glyphosat, so eine seiner erstaunlichen Aussagen. Er beschreibt auch die neuronale Vernetzung der Pflanzen untereinander und ihre großen Potentiale, den Menschen bei der Gestaltung der Welt hilfreich zu sein. Pflanzen empfinden keinen Schmerz und können es auch zulassen, verspeist zu werden. Sie sind anpassungsfähig an ihre Umwelt und Überlebenspartner der Menschen.

Doch warum nehmen wir dies nicht wahr? Ich vermute, weil wir nicht aufmerksam sind und verdrängt haben, dass der Apfel der Erkenntnis, den Eva im Garten Eden für Adam gepflückt hatte, kein schlechter war. Diese gänzlich unwahre Bibelgeschichte ist für uns Menschen betrüblich wahr. Wir scheuen uns vor der Erkenntnis, weil diese uns in Verantwortung zwingen würde. Auch Gott wollte nie diese Verantwortung verhindern, sondern den Menschen Gelegenheit geben, durch wahres Erkennen des Lebens die Potentiale des Entwickelns und des Scheiterns zu ergründen. So ist das biblische Gleichnis eine Aufforderung, der wir bis heute nicht gerecht werden. Schon im Apfel der Erkenntnis hat sich uns die Natur offenbart, aber wir haben darin nur unsere Nacktheit erkannt und nicht die Botschaft des Wachsens, des Reifens und Lernens.

Wir haben aber die Chance, den uns dargebotenen Apfel immer wieder zu ergreifen, ihn zu kosten und wahrzunehmen, was uns die Natur mitzuteilen hat. Dies betrifft nicht nur die Angebote der Nahrungsaufnahme und der Schönheit, sondern auch der Entschlüsselung von Düften, Ritualen und unbekannten Fähigkeiten. Nur ein Beispiel will ich nennen: Würden wir die Möglichkeit der pflanzlichen Natur als Speichermedium erkennen, würden wir wahrscheinlich auch hieraus Nutzen ziehen für den dringend benötigten Energiespeicher für uns alle.

Würden wir für Pflanzen einen Energiekompass entwickeln, wären sie in der Lage, uns zu zeigen, wie wir uns sinnvoll ernähren und gesünder unser Leben bestreiten können. Würden wir Pflanzen als Partner sehen und respektieren, würden sie bereit sein, mit uns die Welt zu retten. Davon bin ich überzeugt.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Weltenformel

Stephen Hawking ist gestorben. Die Nachricht seines Todes bringt mich zum Grübeln. Was hat es aus meiner Sicht mit dem Universum auf sich? Vom Urknall bis zum Ferienflug, überwiegend werden wir mit konkreten Ereignissen konfrontiert, die mit Materie zu tun haben. Es geht um Naturgesetze, Naturkonstanten, Elektromagnetismus, Gravitation, Quantenmechanik und schwarze Löcher.

Was ist aber, wenn selbst diese komplexen Erklärungsversuche unseres Universums einschließlich aller konkreten Bestandteile selbst nur eine Idee wären, Projektionen eines Geistes, wie der eines Isaac Newtons, Albert Einsteins oder Stephen Hawkings, um nur diese drei zu nennen. Letzterer hat diese Idee der Projektionen selbst einmal angesprochen, indem er auf die Unsicherheit der realen Existenz hinwies.

Diese Unsicherheit manifestiert sich auch im Glauben. Im Glauben wird eine Welt geschaffen, die ebenfalls nicht konkret ist, sondern einer Idee folgt und diese ausformuliert. Könnte es sein, dass das, was wir als konkret begreifen, eigentlich nur eine Idee ist, die zum Konkreten führt? Es gäbe demnach eine Uridee der Existenz, in der sich alles finden kann und sich trennt. Die Idee ist auf Lichtgeschwindigkeiten bei der Erforschung des Universums nicht angewiesen, da bereits der entfernteste Punkt des Universums oder des Multiversums von der Idee erfasst ist und jederzeit erkennbar gemacht werden kann. Unsere Reise durch Zeit und Raum würde sich so an der Idee und nicht an der Beschwerlichkeit des Konkreten festmachen.

Sind derartige Überlegungen, die aberwitzig daherkommen, sinnvoll? Vielleicht doch, und zwar unter dem Gesichtspunkt einer Entdeckungsmöglichkeit jenseits von Erfahrungen der Begrenztheit. Es wird wahrscheinlich alternativen Intelligenzien vorbehalten bleiben, diese von uns Menschen entwickelte Möglichkeit der Idee zu nutzen, um die Weltformel zu entziffern, die alles einschließt und alles umfasst, doch weniger wiegt, als die Luft auf einer Fingerkuppe.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Zeit und Zeitbewusstsein

Was hat es mit unseren Zeitvorstellungen auf sich? Gibt es überhaupt eine allgemein verbindliche Zeit? Was bedeutet denn für uns die Zeit, der Stundenschlag, die verrinnenden Stunden und Minuten, das schwindende Leben? Birgt die Zeit einen Inhalt und ist gleichzeitig eine Methode der Erfassung unserer Befindlichkeit angesichts des von uns vermuteten Urknalls?

Ist die Zeit für uns also ein Bedienungsladen, sowohl für Wissenschaftler, als auch für Privatpersonen? Die Zeit verschafft eine zumindest vorübergehende Sicherheit, einen Rahmen der Orientierung, wenn alles auseinanderzudriften scheint. Objektiv ist nichts da. Subjektiv nutzen wir das eigene Verständnis für die Zeit, um mit denjenigen, die unsere Verabredung zur Zeit teilen, eine Chance zu haben, stabil Augenblicke des Innehaltens und des Aufbruchs zu nutzen.

Unsere Zeit ist die des Pendels. Mit den Schwingungen des Pendels beherrschen wir die Zeit und das Pendel beherrscht uns, zeigt uns, wann uns die Stunde schlägt. Unsere Vorstellung von der Zeit ist eine phänomenologische des steten nicht Erreichbaren, um dessen Beherrschung wir uns aber bemühen. Die Zeit haben wir vorgefunden, mit unseren Sehnsüchten bestückt, wir versuchen sie zu unseren Zwecken zu nutzen und verlassen sie mit unserem Tod zeitlos für immer.

Die Zeit, die die Welt und der Weltraum haben, entspricht nicht nur von den Dimensionen her in keiner Weise unseren Vorstellungen, sondern sie ist auch etwas Anderes, gleichgültig gegenüber unserer Begrifflichkeit. Wir benötigen die Begrenzung, um zu leben, die Welt muss sich zeitlich entgrenzen, um zu bleiben. Die Zeit an sich bemüht sich in keinerlei Weise um Dimensionen, nur wir.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Deep Learning

Wir haben Lernstunden für Computer und Roboter eingerichtet. Mittels Intensivschulen werden digitalen Maschinen Denkinhalte nahegebracht, die sie dazu bringen sollen, selbst zu denken, Synapsen zu entwickeln und auch Emotionen zu berücksichtigen.

Um diesem Ziel näherzukommen, werden Maschinen mit riesigen Datenmengen gefüttert, die sie verdauen, um dann bei höchstmöglicher Plausibilität Gedanken zu entwickeln, die auch ein nachdenklicher Mensch zu denken fähig wäre. Dank der umfassenden Datensätze soll die Maschine aber auch irgendwann die menschliche Denkbegrenztheit überwinden und befähigt sein, aus dem je Gedachten höchst vollkommene Lerninhalte zu sublimieren und anzuwenden. Das kann letztlich aber nur dadurch geschehen, dass das Gehirn des Menschen selbst angezapft wird, denn der vom Menschen mittels Wort geäußerte Gedanke ist äußerst unvollkommen.

Wir sind vorsichtige Wesen, zumal faul und träge, was die Ausdrucksformen anbetrifft. Allerdings funktionieren unsere Synapsen. Das sich ständig abspielende Gewitter an Gedanken und Gefühlen, zumal es so erfahrungsgedrängt, angst- und glückbesessen ist, kann in seiner ganzen Irrationalität eine auch noch so intelligente Maschine gar nicht abbilden. Es kann schon sein, dass die Begrenztheit der Maschine unsere eigene Begrenztheit auch im Denken über kurz oder lang einfordern wird und verlangt, dass wir unsere Gedanken und Gefühle limitieren, um einer maschinell vorgegebenen Norm zu genügen.

Gott sei Dank wird es aber immer auch solche Menschen geben, die sich den Eigensinn bewahrt haben und gegen den Versuch, uns zu uniformieren und einzuschränken, ins Feld ziehen. Wir kennen das ja schon aus vielen Filmen. Irgendwann wird das Erahnte uns bekannt vorkommen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Netze

Im Brandenburg Gate Museum der Triad veranschaulichte Herr Dr. Parag Khanna, wie anders die Welt ist, wenn man sie nicht in ihren nationalen Grenzen, sondern kommunikativ begreift. Kommunikativ heißt hier, über die Welt Netze zu legen, Netze der Straßen, Schienen, Flüge und Versorgungen. Nicht das Trennende, sondern das Verbindende, das Gemeinsame wird dadurch deutlich. Zu sehen ist aber auch, wo Verbindungen entweder niemals geschaffen oder gekappt wurden. Es gibt Gebiete mit äußerst schwachen Netzen und solche, die aus einem Netzklumpen zu bestehen scheinen. Das sind industriell, durch Kaufkraft und Konsum erschlossene Gegenden mit hoher Dichte an Menschen und ihren Bedürfnissen.

Hotspots sind dabei die großen Städte, die ihre privilegierte Situation leuchtend behaupten. Jenseits der großen Städte aber und ihre anfälligen Vernetzungen zeigt der ungenutzte Raum, dass wir viel erreichen könnten, wenn wir ihn nutzten und nicht national einhegten. Die kommunikative Entwicklung über Grenzen hinweg entspricht der Evolution, die sich unserer Synapsen bemächtigte, also zur Nutzbarmachung unseres Gehirns führte und heute sich auszudehnen vermag, aus dem Mikro- in den Makrokosmos.

Think global, act local. Künftige Generationen werden dies nicht nur als Ansporn begreifen, sondern als eine reale Selbstverständlichkeit.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Zettelkasten

Erinnern Sie sich noch? Früher hatten manche von uns Zettelkästen. Auf jedem Zettel standen Stich- oder Merkworte. Diese Zettelkästen sind etwas aus der Mode gekommen. Es gibt aber virtuelle Zettelkästen. In meinem zum Beispiel könnte nichts geordnet sein. Es herrscht ein großes Durcheinander. Das ist von mir so gewollt. Dort sind zum Beispiel Zettel des Mutes und solche der Verzweiflung abgelegt. Zettel des Protestes und des Scheiterns liegen beieinander, Ruhe und Sturm, Seite an Seite.

Zuweilen schüttle ich mein Kästchen, so dass die Begriffe wild durcheinanderstieben. Dann legen sie sich wieder und bilden neue Paare. Unter dem Zettel Deutschland ist der Zettel Antarktis zu erkennen und unter dem Zettel Gummibärchen ein Zettel Diabetes. Das ist natürlich reiner Zufall, gibt mir aber Gelegenheit, Übereinstimmungen und Zusammenhänge auch dort wahrzunehmen, wo sie mir nicht von vornherein plausibel erscheinen müssen.

Mein umfangreicher Zettelkasten eröffnet mir virtuose Denkangebote, die ich annehmen kann, aber nicht unbedingt muss. Mein Zettelkasten enthält beileibe keine Wahrheiten, sondern bietet wie jeder reale Zettelkasten ausschließlich Stichworte für meine Versuche, etwas zu ergründen, was mir Einsichten erlaubt, vorbei an üblichen logischen Denkbahnen. So schüttle und schüttle ich meinen Zettelkasten, denn nur er eröffnet mir Möglichkeiten, die mir konsequentes und lineares Denken nicht erlauben können. Ich erfahre Dank meines Zettelkastens die ganze Komplexität meiner kleinen Welt, die unser aller Große ist.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Kompromiss

Was wäre, wenn… . Was wäre, wenn, wenn alle sich durchsetzen könnten. Durchsetzen mit ihrer Vernunft, ihren Emotionen und Taten. Was wäre, wenn alle Verkehrsteilnehmer auf ihre Vorrechte bestünden? Wenn jeder Mensch, jede Einrichtung, jedes Wirtschaftsunternehmen oder jeder Staat sich durchsetzen könnte mit seinem Vorhaben, gäbe es die Alternative der totalen Blockade und des Stillstands oder der Ausrottung des Anderen. Bei Pflanzen und Tieren haben Wissenschaftler dies bereits beobachten können.

Wenn die Gegenwehr fehlt, gewinnt, die gefräßige Raupe oder der durchsetzungsfähigere Strauch. In der Natur natürlich nur auf Zeit, denn sobald die Durchsetzung flächendeckend gelungen ist, fehlt der Grundstoff für die eigene Überlegenheit. Büsche und Sträucher verändern die Bodenbeschaffenheit, gefräßigen Raupen fehlt die spezifische Nahrung.

Um der Selbsterledigung zu entgehen, muss die Natur Kompromisse eingehen, eine systemische Entscheidung, die auch für alle Menschen und seine Einrichtungen, die Gesellschaft und den Staat gilt. Ohne Bereitschaft zum Kompromiss vergeben wir uns die Chance, selbst Angebote zu erhalten, die unserem Interesse entsprechen.

Kompromisslosigkeit ist allerdings attraktiv, signalisiert Stärke und Durchsetzungsvermögen und mobilisiert Anhänger, die zwar das Verhalten nicht durchschauen, aber glauben, eigene Vorteile daraus ableiten zu können. Sie verkennen aber die Skrupellosigkeit der Kompromissverweigerer. Der Durchsetzung des eigenen Willens opfern sie gerne andere Menschen – auch Mitläufer –, um dann in einem ihnen geeignet erscheinenden Moment genauso unerbittlich die Vorteile einer anderen Haltung wahrzunehmen. Was juckt mich mein Geschwätz von gestern.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Menschenallergie

Oft tränen mir die Augen, manchmal muss ich husten und niesen, gelegentlich brennt meine Haut. Auf Anraten meines Hausarztes habe ich daher vor kurzem bei mir einen Allergietest durchführen lassen. Das Ergebnis war negativ. Keine der üblichen Reizmittel schlug an. Ich gestehe, dass ich auch nichts Anderes erwartet habe, denn ich bin in einer Zeit groß geworden, wo die Immunisierung durch die Natur Standard war. Aber, was ist es dann, was mich plagt?

Allmählich wage ich eine Selbstdiagnose: Ich leide unter Menschenallergie. Nicht, dass ich falsch verstanden werde, ich habe überhaupt nichts gegen Menschen und verstehe mich mit den meisten recht gut. Aber, was macht dann die Menschenallergie aus, an der ich möglicherweise leide?

Ich kann hier nur Behauptungen aufstellen. Diese in der Erwartung einer Fremdeinschätzung, die meiner Selbstdiagnose recht gibt. Ich finde, dass sich am Verhalten der Menschen etwas verändert hat, das Krankheiten auslösen kann. Es weichen die Regeln des menschlichen Umgangs auf, statt Rücksichtnahme Rücksichtslosigkeit, statt Gemeinsinn Egozentrik, statt Höflichkeit Rücksichtslosigkeit usw.

Die radikale Veränderung des menschlichen Umgangs kann gerade in unseren Großstädten deutlich gespürt werden. Wie überraschend, wenn wir in Kleinstädten oder ländlichen Bereichen noch freundlich grüßenden Menschen begegnen, statt mutwilliger und schnoddriger Selbstbehauptung. Ich fühle mich oft bedrängt durch herumpöbelnde Menschen auf Straßen und Plätzen, durch Mahlzeiten aus Pappbechern und Tüten in sich hineinstopfende Menschen in U-Bahnen und drängelnde Radfahrer auf Gehwegen.

Es ist im Übrigen völlig gleichgültig, woher die Menschen kommen. In einer Großstadt, wie Berlin, gibt es keinen Unterschied zwischen Touristen und denen, die schon länger hier sind. Der typische Berliner kommt ohnehin von irgendwoher aus dieser Welt. Sie alle können bei mir eine Allergie auslösen, mich veranlassen, meine Hände in der Jacke zu vergraben, zu versuchen, nicht angerempelt, beschmiert oder sonst wie belästigt zu werden. Die netten Menschen, die es zweifellos immer wieder gibt, sind dabei die Retter, die ein Wunderheilmittel für meine Krankheit haben, die mich zuweilen befällt.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

IFA

Nein, ich war nicht bei der Internationalen Funkausstellung in Berlin. Mich hat zwar sehr interessiert, was dort vorgestellt wurde, aber als normaler Besucher wird man in erster Linie mit den vielen Menschen konfrontiert, die ebenfalls dort sein werden. Und das halte ich schwer aus. Es missfällt mir ohnehin und sicher vielen Menschen auch, in der U-Bahn, auf den Straßen und Plätzen dieser Stadt in Aufzügen und auf Rolltreppen, anderen Menschen zu begegnen, die – wie ich natürlich auch – nur ihr eigenes rasches Fortkommen im Auge haben.

Wird sich daran aufgrund der Produkte, die auf der IfA präsentiert werden, etwas ändern? Unklar. Die Technik schreitet voran, ermöglicht es, zumindest dann im Smart-Home-Bereich einiger begüterter Menschen per Knopfdruck oder auf Ansprache, alle Helfer in Bewegung zu setzen. Zunächst sparen wir Wege zu Hause, später müssen wir vielleicht auch nicht mehr vor die Tür. Zu Hause werden dann – angefangen vom Fernseher – alle Haushaltsgeräte mit uns sprechen und unseren Befehlen folgen, insbesondere unser Kühlschrank, der uns am Fernsehtisch besucht, uns mit Bier versorgt und dabei etwas ins Gedränge kommt mit der heranrollenden Popcorn-Maschine.

Die fällt um und ruft nach dem Staubsauger, der die herumfliegenden Popcorn-Krümel beseitigt. Indes entschuldigt sich der Kühlschrank bei der Popcorn-Maschine, während diese vom herbeieilenden Allzweckroboter wiederaufgerichtet wird. Smart Grid des Haushalts funktioniert auch draußen. Keinen Schritt muss ich mehr machen, der nicht allein meiner Fitnessoptimierung dient, meine Nutrition wird mir anstandslos besorgt, wie Kleider oder Freunde, die ich zum Spieleabend einlade. Ja, es sind meine Freunde. Ich kenne sie doch, ihre Gesichter, ihre Bewegungen, ihre Witze und Anzüglichkeiten. Doch, das geht! Alle meine Freunde haben sich in 3-D scannen lassen.

Die Art und Weise, wie sie sprechen, hat ein Sprachsteuerungsprogramm gelernt und ist inzwischen raffiniert genug, bei der Wiedergabe emotionale und intellektuelle Eigenheiten meiner Freunde zu berücksichtigen. Dabei ist ja das Besondere, dass jeder meiner Freunde jederzeit selbst wieder die Regie über seinen in meine Wohnung projizierten Avatar übernehmen kann. Und ich merke das noch nicht einmal. Ist das nicht geil? Mit meinen realen Freunden und ihren Projektionen hat es angefangen. Ich muss nicht mehr aus dem Haus. Alles, was da draußen geschieht, kommt zu mir oder ich projiziere mich nach draußen, zum Beispiel auf die Funkausstellung. Der direkten Konfrontation mit Menschen, ihrem Gedrängel, Geschubse, ihren Gerüchen und Rücksichtslosigkeiten muss ich mich nicht mehr aussetzen. Ist das nicht herrlich?

Na klar, aber, kürzlich ist mir aufgefallen, dass wildfremde Menschen plötzlich in meiner Wohnung waren, die mit meinem Fernseher und meinen Küchengeräten sprachen. Sie saßen an meinem Tisch und spielten, veranstalteten Partys in einer Lautstärke bis spät in die Nacht, die mich am Schlafen hinderte. Ich habe gehört, dass jetzt Ausknöpfe für die gesamte Stromversorgung von Häusern, Bezirken und Gemeinden hoch im Kurs stünden. Leider lassen sich aber nicht sämtliche Batterien in Handys, Fernbedienungen außer Kraft setzen, obwohl ich ständig „aus, aus, aus“ rufe.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Regen

Regentropfen, die an mein Fenster klopfen. Regen wirkt auf unser Gemüt, wie der Tod. Es gibt kein Entrinnen. Kein Schirm hilft wirklich. Der Wind treibt die Regentropfen vor sich her und sorgt für eine gleichmäßige Durchnässung. Selbst, wenn es dazu nicht kommt, weil die Regenbekleidung ihn abhält, gibt es kein Entrinnen. Wir können den Regen nicht abstellen, auch wenn wir das Wetter Dank der detaillierten Wetterberichte oft als sehr persönlich begreifen.

Mancher Moderator erklärt den Regen so, als habe er ihn persönlich erbeten oder verhindert. Ist der Regen eine Zumutung für den modernen Menschen? Wir sehen zwar ein, dass Regen für das Wachsen und Gedeihen der Natur erforderlich ist, meinen aber, dass dessen Zuständigkeit an unserem Anspruch auf einen schönen Sommer endet. Rudi Carrell hat dies bereits besungen und dabei einen charmant vorwurfsvollen Ton gegenüber der Natur angeschlagen.

Doch bleibt der Regen aus, stirbt das Leben. Regnet es zu viel, dann droht Überschwemmung. Bereits mit unseren Erwartungen fordern wir unseren Planeten heraus und scheinen die Geschichte vom Zauberlehrling vergessen zu wollen. Wir sollten einer Natur dankbar sein, die sie sich selbst regelt und unser Eingreifen manchmal verzeiht. Wir sollten allerdings den Langmut der Natur nicht überstrapazieren, sonst schlägt das Imperium zurück. Ob das Wetter dann noch versöhnungsbereit ist? Ich bezweifle das.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski