Schlagwort-Archive: Aleppo

Identitär

Ich bin ich, denk´ ich mal. Ich kenne mich seit meiner Kindheit. Irgendwo zwischen Schwaben und Franken bin ich geboren und seit langem ein typischer Berliner, d. h. nicht von hier. Ich fühle mich auch in Jordanien und Russland zu Hause, familiär verbunden mit vielen Menschen anderer Nationen. Ich bin so herrlich deutsch, trotz allem. Ich bin sparsam. Ich bin ordentlich.

Ich liebe meine Heimat, ich arbeite gerne, habe Goethe und Stefan Zweig gelesen, Bach ist mir nahe und Händel. Aber, du liebe Güte, die anderen alle auch. Ich bin trotz Rolling Stones und ABBA deutsch. Keiner kann mir das Deutschsein nehmen, weil ich die Vielfältigkeit der Welt und Ihre Anregungen liebe. Wie gerne war ich auch in Aleppo, Damaskus oder Amman.

Andererseits finde ich Jerusalem und die Menschen dort großartig. Palästinenser und Juden sind meine Freunde, mit Russen bin ich verwandt. Ich muss kein Coca Cola trinken oder Cheeseburger essen, um die USA zu mögen. Ich behalte meine Identität als Deutscher mit Bratwurst und Sauerkraut.

Ich liebe das, auch den deutschen Wein und das nach deutschem Reinheitsgebot gebraute Bier. Ich freue mich über deutsche Erfolge beim Fußballspielen, und zwar auch dann, wenn nicht alle Mitspieler in Deutschland geboren wurden. Es ist mir egal. Ich setze auf Anregungen und Vielfältigkeit, auf Geschmäcker und Augenweide, auf das Deutschsein als grandiose Lebensform der Möglichkeiten. Für mich und meine Kinder. Viva l´Allmagne!

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Bilder

Keiner wird dies bezweifeln wollen: Unsere Wahrnehmung wird wesentlich durch Bilder bestimmt. In den Medien sehen wir einen Menschen, der eine rote Krawatte trägt, ständig auf etwas zeigt oder den Daumen nach oben reckt, verschlossenes Gesicht und Föhnfrisur. Das Bild ist eingängig: der amerikanische Präsident.

Wir sehen auch andere Bilder: Bilder verstorbener Kinder, an Land gespült oder in irgendeinem Kriegsgebiet dieser Welt. Ein nacktes Mädchen fliehend vor einer Napalmwolke in Vietnam; Bilder von Menschen, die gleich sterben werden und die umgebracht wurden, Bilder von Auschwitz und Theresienstadt. Bilder des Papstes und der Flüchtlingsströme. Bilder von Demonstrationen und Faschingsfeiern, Bilder mörderischer Anschläge und einzelner Taten. Bilder der Freude und der Trauer.

Alle diese Bilder kommen bei uns an, werden vermittelt durch Medien oder eigene Erlebnisse. Was bei uns ankommt, was wir zulassen, entscheiden wir. Das „Wir“ ist dabei nicht ganz persönlich gemeint, sondern vor allem die kollektive Wahrnehmung entscheidet über die Bereitschaft der Aufnahme von Bildern in unseren Beurteilungsraum oder deren Ablehnung.

Nicht alle Bilder sind willkommen. Nicht willkommen sind meist Bilder, die uns zum Handeln zwingen könnten oder unsere Ohnmacht offenbaren. Die Bilder des zerstörten Aleppo, sterbende Kinder und Frauen im Fernsehen, zappen wir gerne weg; dies nicht wegen der unerwünschten Flüchtlinge, sondern weil die Bilder dieser Wirklichkeit keine Übereinstimmung mit unserer Wahrnehmungsmöglichkeit mehr haben.

So sind auch Ausschwitz und Theresienstadt etwas Unnahbares, Fremdes. Wir sehen die Bilder und doch können wir oft nichts damit anfangen. Damit Bilder wirken, müssen sie ergänzt werden. Die Bilder aus dem Leben Anne Frank´s zum Beispiel gehen uns etwas an, weil sie nicht nur zu sehen sind, sondern auch von ihr selbst in Tagebuchaufzeichnungen besprochen wurden. Um der Bilder habhaft zu werden, müssen wir zerstörte Städte wie Aleppo sprechen lassen. Sie müssen sprechen von ihrer Normalität, ihrer geschichtlichen Bedeutung und dem Leben, das in ihnen wogt. Es müssen Erzählungen der Hoffnung und der Überwindung sein, die Resonanz in uns erzeugen können. „Wir schaffen das.“

Denn Merkel´schen Kampfruf entspricht die Suggestion eines anderen Bildes: „Die schaffen das.“ Gemeint sind die Bürger von Aleppo und andere zerstörten Städte und Dörfer. Wenn die den Wiederaufbau schaffen, dann sollte das Bild nach unserer Wahrnehmung einschränkungslos gut gelungen sein. Mehr davon. Wir können nicht genug davon haben.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Aleppo

aus „Der Traum vom Titelhelden“

Die Bilder belegen es, Aleppo ist zerstört. Die Bewohner – soweit sie noch am Leben sind – auf der Flucht oder haben sich auf Zeit in den Ruinen eingerichtet.

Hans vom Glück berichtet aus Aleppo am 17.09.1986 aus dem Souk von Aleppo Folgendes:
Ausrufer, Esel und kleine hupende, ratternde Lieferwagen, an die man sich anhängen kann, im Tempo der tiefen Farben der Nacht, die süßesten Gerüche genießen oder bedrängt werden, von dem Hupen und den Scheinwerfern gestellt, sehr zur Freude derer, die nicht Europäer sind. Raupen, Spinnen, Kokons, Fäden, die nicht leiten. Fäden, die den Ausgang versperren, nicht gehen lassen wollen. Bleib.

Unser Titelheld hat sich schon ein Dutzend Mal im Kreise gedreht, sich tief und tiefer in den Bauch des Souks gebohrt. Je vertrauter ihm alles wird, desto mehr verblasst das Licht des Ausgangs. Er nähert sich immer wieder denselben Händlern, fühlt ihre Tücher. Ein Brum­men und Summen. Tee wird ihm gereicht, süßer Tee, der zehn Gewürzstationen passieren muss, bevor er in den Mund schießt. Tee, der einen zum Ver­schwörer macht, wenn man ihn trinkt. Der Tee berauscht. Jeder Tropfen ist getunkt in Wissen, welches den Tropfen umschließt, ihn zur Perle macht. Unser Titelheld hat den Mund voll Perlen, jede eine Erfahrung, eine Verheißung. Das Glück im Leben ist kostenlos! Unser Held will be­zahlen.

Sahib, ach Sahib, du hast nichts verstanden, dein Glück ist um­sonst! Dein Glück zwischen Hammelhälften, die an schweren eisernen Ketten hängen, dein Glück zwischen Nüssen und Gewürzen, Feigen, Salaten, Trauben, Toma­ten. Im fahlgrünen Licht wird aus Spritzen heißes süßes Gebäck gepresst. Tücher, Teppiche, Tiere, dein Glück, Titelheld, Auge in Auge mit der Versuchung zu kaufen, und wenn es auch ein riesiger Ballen Baumwolle wäre, ein Hahn vielleicht oder zehn Meter des roten Stoffes, Gold vom Knöchel bis zum Kopf. Es ist Mittag in Alep­po. Der Dampf der Metro in Paris ist ein kühler Fächer verglichen mit dem Dunst von Menschen, Gewürzen und Tieren im Souk von Aleppo.

Unser Held badet im Glück, er hat alles, was er braucht, alles, was er will für sein Spiel. Nichts liegt offen. Alles ist verkleidet, verhüllt, eingesperrt, versperrt in fremder Sprache, fremder Kultur. Wunderbar klebrige Luft. Erschöpft betritt er ein Café. Noch dunkler, noch klarer, ein Dutzend Wasserpfeifen gurgeln in der Stille. In den Gläsern Licht von allen Ampeln, Perlen in jeder Blase, Farbtöne, Gedanken, er setzt an zu einem langen ewigen Zug. Noch nie hat er seine Lungen so prall empfunden, gestärkt vom Rausch wie damals…

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski