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Gemeinwesen

Ja, ich leugne es nicht. Es gab auch eine Zeit, da wollte ich alles haben, Auto, Häuser, Reisen, aber vor allem Geld, um mir meine Wünsche zu erfüllen. Zu den Herausforderungen des Lebens gehört, so glaubte ich damals, dass man vor allem Eigentum und Besitz hat, Wohlstand, der Unabhängigkeit verschafft und Einfluss; Erben und Vererben gehörte nach meiner Vorstellung auch dazu. Davon ist wenig geblieben. Ein neues Auto brauche ich nicht. Ich fahre lieber mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Grund- und Wohneigentum sind eher hinderlich.

Das Leben ist zu kurz, um die hohen Anschaffungskosten zu bestreiten. Mieten ist flexibler und meist günstiger. Die Ausbildung meiner Kinder war mir viel wert. Da habe ich investiert und nicht zu knapp. Aber vererben? Warum? Unsere Kinder sind volljährig, haben gute Berufe und können für sich selbst sorgen. Erbschaften bringen nach meiner Erfahrung meist Streit und verhindern, dass man des Verstorbenen nett gedenkt. Meine Frau ist versorgt, meine Kinder erwarten nichts.

Lieber gebe ich mein Vermögen den Stiftungen, die sinnvoll und nachfrageorientiert Projekte realisieren. Selbstlos bin ich bei weitem nicht. Ich genieße ein selbstbestimmtes und wirtschaftlich unabhängiges Leben. Niemals, so sage ich mir, würde ich auf das Amt gehen und um Hartz IV oder Sozialhilfe nachsuchen. Die Menschen, die dies tun müssen, respektiere und verstehe ich sehr. Ihnen muss geholfen werden, aber nicht auf die Art und Weise, wie dies hierzulande geschieht.

Auch die Altersarmut ist ein großes Problem. Wie wenig ist heute der Satz von Kindern zu hören, dass sie später gerne für ihre Eltern sorgen wollen. Eine solidarische Familie, eine solidarische Gesellschaft kennt das beschämende Verzichten-Müssen nicht. Ich aber darf und kann verzichten, auf Geschenke, Kleider, den Konsum an sich. Wenn ich es recht bedenke, benötige ich sehr wenig, um zufrieden zu sein. Mein Verzicht ist freiwillig und effektiv. Ich spare damit nicht nur Geld, sondern arbeite an meiner Bedürfnislosigkeit, die hoffentlich im Alter noch wachsen wird.

In einer konsumorientierten Gesellschaft ist dies eine problematische Aussage, das weiß ich wohl. Aber vielleicht geht es doch mit ein bisschen weniger Verschwendung und Konzentration auf wesentliche Vorhaben, die ebenso Freude bringen, aber ressourcenschonender, weniger aufwendig und kostspielig sind. Einschränkung und Verzicht könnte ein Bildungsauftrag sein, der uns und den nächsten Generationen zugutekommt.

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Altersarmut

Davor habe ich Angst: Altersarmut. Ach Quatsch, sage ich dann, über 40 Jahre gearbeitet und noch immer leistungsfähig, viel Steuern gezahlt und zuweilen auch anderen geholfen. Da muss Armut im Alter doch ein Fremdwort sein. Ob ich mich vielleicht täusche?

Irgendwann im Alter funktioniert das nicht mehr mit der Innenansicht der eigenen Leistungsfähigkeit und der Außensicht, das heißt die Einschätzung meiner Leistungsfähigkeit durch andere. Das Auseinanderdriften der Anschauungen geschieht nicht von einem Tag auf den anderen, das ist ein Prozess. Je mehr ich darauf beharre, dass ich zwar älter geworden bin, aber mich eigentlich nicht geändert habe, schallt es zurück: „Toll, wie Du Dich noch gehalten hast“ oder „man sieht Ihnen Ihr Alter aber wirklich noch nicht an. Wie lange machen Sie noch? Haben Sie Hobbys? Spielen Sie etwa Golf?“

Signale sind das. Wenn ich genau hinhöre, merke ich, dass sie mich loswerden wollen. Das geschieht nicht auf brutale Art und Weise, sondern es entstehen Parallelwelten in Kirchengemeinden, Rudervereinen und Parteien. Man darf Senior sein, nein man muss Senior sein, Kaffee trinken mit anderen Senioren, basteln und in der Altherrenriege aufgestellt werden.

Soziale Entkopplung auf besonders heimtückische Art. „Ich will Ihnen nicht mehr so viel zumuten.“ Dabei sind wir lästig, wir älteren Menschen. Wir wollen zwar nicht aufhören zu arbeiten, beziehen aber bereits die Rente, die unsere Kinder und Enkelkinder erarbeiten müssen. Von wegen Solidarität. Jede Generation ist sich die nächste, alles, was ich für meine Kinder und den Staat aufgewandt habe, ist längst verbraucht und vergessen, vielleicht war ich ein AAA-Steuerzahler, aber jetzt ist Zapfenstreich. Und den blasen andere, gerne auch laut.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski