Haben Sie zuweilen nicht auch den Eindruck, dass zur Zeit alles aus den Fugen geraten könnte? Damit meine ich, dass dies nicht nur auf die Anmaßung herrschender Politiker zurückzuführen ist, sondern durch unser eigenes Verhalten bedingt wird. Wir sind nicht nur anderen, sondern auch uns selbst weniger verlässlich geworden. Unser eigenes Misstrauen gegenüber anderen sorgt dafür, dass diese Menschen uns möglicherwiese auch nicht mehr vertrauen. Das macht uns natürlich wiederum misstrauisch diesen gegenüber und so fort. Vertrauen, gemeinsame Ziele und Zuversicht sind der Kitt jeder Gesellschaft.
Was sind nun die Gründe für eine gefühlte Erosion unserer Gesellschaft, das Zerbröseln des Kittes. Ist es wirtschaftliche Unsicherheit, die Angst vor Flüchtlingen, Altersgefahren oder die Digitalisierung bzw. Vernetzung dieser Welt und dem damit verbundenen informativen „Overflow“? Von allem sicher ein wenig.
Es wird uns viel zugemutet und dies in sehr kurzen Erregungseinheiten. Die Frequenzen, in denen unser Geist und unsere Gefühlswelt bedient werden oder besser konfrontiert werden mit neuen oder unangenehmen Erfahrungen ist extrem kurz geworden, insbesondere der Nachschub mit überflüssigen Informationen weltweit klappt und belasstet unsere Aufnahmefähigkeit für Neues, vor allem Wichtiges.
Das Ergebnis ist nicht nur eine äußere Verunsicherung, sondern eine, die uns selbst ergreift, unsere eigene Haltung zum Leben. Wir kapseln uns ab, erwarten dennoch viel von anderen, sind aber schon aufgrund des erwähnten Misstrauens nicht bereit, auch viel zu geben. Dabei ist doch Geben gerecht und nicht Nehmen. Dem wird entgegengehalten, dass dies nur ein Spruch für die Wohlhabenden sei, die Wirklichkeit sehe doch anders aus.
Ja richtig, aber diese Wirklichkeit gestalten wir, die Menschen. Sie wird uns nicht aufgezwungen. Wir entscheiden selbst, wie wir uns verhalten, was wir essen, wie wir zu unseren Partnern, Freunden und Kollegen sind. Wir entscheiden selbst, ob wir uns für andere Menschen öffnen oder verschließen. Es ist der freie Wille eines Menschen für sich und sein Verhalten gegenüber anderen, Verantwortung zu übernehmen. Es ist der freie Wille, Abwehrkräfte gegen menschenmissachtende Einflussnahme zu errichten.
„Lügenpresse“ mag dabei nur ein Stichwort sein, wer aber so ruft, sollte zumindest erwägen, ob er nicht selbst verführt wurde durch diejenigen, die ihn anstifteten, hier mit einzustimmen. Wie kann derjenigen, der Lügenpresse ruft, sicher sein, dass er selbst in diesem Moment nicht lügt? Ist der Stein einmal ins Wasser geworfen, zieht er schnell Kreise. Auf Lügenpresse folgt „Absaufen“ und dann? Wovor macht derjenige noch halt, der sich selbst beim Lügen ertappt und stets zu unterdrücken versucht, dass die Lüge offenbar wird?
Er macht weiter, denn das schlechte Gewissen macht zornig. Was dann folgt, ist die Radikalisierung der Sprache und des Handelns bis alles so eskaliert und erodiert, dass unser menschliches Zusammenleben auseinanderfällt. Was dann? Zum Siegen, zum Rechthaben besteht dann auch kein Anlass mehr. Etwaige Parolen kann keiner mehr hören. Es ist ja keiner mehr da.
Hans Eike von Oppeln-Bronikowski