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Das Wort

„Am Anfang war das Wort“, so heißt es bei Johannes 1:1. Das Wort war bei Gott. Vermutlich wird Gott auch das letzte Wort haben, in der Zwischenzeit jedoch haben wir Menschen uns des Wortes bemächtigt. Immerzu wird unsere Welt mit Worten in allen organischen und technischen Varianten überflutet. Der Wort-Tsunami wird nicht nur von wortsüchtigen Menschen – alles ist gesagt, aber noch nicht von mir – sondern auch von Bots gebildet. Das Wort erschließt seine Bedeutung aus der Verabredung mit dem Empfänger, das Wort in Zusammenhängen zu denken, für sich zu bewahren und zu entwickeln. Das unermessliche Angebot aller Medien macht Worten die Vorrangstellung streitig.

Mächtiger als Worte sind Bilder, ausdrucksstarke Darstellungen von Gefühlen und Techniken. Worte sind zuweilen nur noch die Brücken zu wirkungsmächtigeren Eindrücken. Kaum gesprochen oder gelesen, vergehen sie, werden ersetzt oder verbannt. Es sind ja nur Worte. An Worte ist die Welt nicht mehr gebunden. Ihnen ist nur noch selten zu trauen. Lügen verbreiten sich in den für sie passenden Worten. Worte der Wahrheit werden aus Buchstabensuppen gefischt.

Wenn wir Menschen dem Wort keinerlei verlässliche Bedeutung mehr beimessen können, dann hat es sein göttliches Geheimnis offenbart.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski