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Hass

Viele Menschen haben ihn inzwischen schon zu spüren bekommen und noch mehr Menschen haben über die Medien ausufernden Hass wahrgenommen. Hass tritt aber nicht nur verbal und schriftlich in Erscheinung, sondern auch tätlich durch Attacken in unterschiedlichster Form, permanenter Belästigung, Stalking, Körperverletzung, bis hin zum Mord.

Als Vorwand für Hass dienen den Tätern Religion, Geschlecht, Volkszughörigkeit, Nachbarschaft, Unterschiede in der Pigmentierung der Haut, soziale Benachteiligung, politische Einstellung und zusammenfassend ausgedrückt: das Anderssein. Dabei unterscheidet sich jeder Mensch von dem anderen, sei es durch Herkunft, Bildung, Aussehen, Gene und viele weitere Faktoren mehr. Das bedeutet aber wiederum, dass jeder Umstand, den der Hassende definiert, ihn nach seiner Auffassung auch zum Hass ermächtigt.

Der Hassende rechtfertigt also seinen Hass mit Maximen, die er selbst schafft, indem er dessen Voraussetzungen sich selbst erklärt oder praktischerweise den Hass anderer kopiert und diesen zu seinem eigenen macht. Vorlagen dazu gibt es in allen Lebensbereichen. Es sind nicht nur auf Internetplattformen Agitatoren am Werk, die ohne Unterlass Hassvorlagen für Nutzer ausarbeiten und liefern. Das ist ein gutes Geschäft, insbesondere dann, wenn es sich im Darknet vollzieht.

Es ist aber auch politisch opportun, denn mit Hass lassen sich Dank der Zuverlässigkeit von Hassenden vorteilhafte Prozesse für die Provider generieren. Hinzukommt, dass die Hassprovider selbst sich kaum mit den Folgen ihrer Taten beschäftigen müssen, sondern es allein Sache der Hassenden und ihrer Opfer ist, sich mit diesem und seinen Folgen zu befassen.

Von Vorteil ist die Anonymität der Anstifter im Netz, aber selbst dann, wenn sie aufgedeckt wird, bleiben die Verantwortlichen verschont. Dies gilt im Übrigen meist für alle Anstifter. Es ist ihnen schwerer als den Tätern ihren Beitrag zum Hass und seine Folgen nachzuweisen und sie dafür zur Rechenschaft zu ziehen. So klappt diese Hassmaschinerie wunderbar, insbesondere auch deshalb, weil die Hassenden keine Abgrenzung zwischen ihrer Person und ihrer Instrumentalisierung zum Hass durch die Anstifter ziehen können. Sie glauben vielmehr, dass der Hass mit ihnen zu tun habe, ihr alleiniges Werk sei. Das ist allerdings sehr unwahrscheinlich. Rutger Bregman schreibt in seinem Bestseller „Im Grunde gut“ eindringlich, aber auch für mich zunächst verwunderlich, dass der Mensch eigentlich keine Bestie und folglich auch Hass keine immanent menschliche Eigenschaft sei.

Ich schließe daraus, dass Hass dort stattfindet, wo Menschen vermittelt wird, dass ihr Hass gut und nützlich nicht nur für sie selbst, sondern auch für die Gesellschaft, die Religion, ein Volk, die Tiere oder jedwede andere Gemeinschaft sei. Der Hassende glaubt also, er tue etwas Gutes, wenn er hasst. Aber gleichwohl spürt er, dass etwas nicht stimmt und versucht, sich selbst diesen Stachel zu ziehen, indem er noch hartnäckiger auf die Rechtfertigung seiner Verhaltensweise pocht und das Opfer beschuldigt. Der Mensch ist fähig, dies zu erkennen und sich davon zu verabschieden, wenn er sich seiner Einzigartigkeit und seiner Verantwortung bewusst wird, indem er seine Manipulation erkennt.

Es wäre daher notwendig, die Ursachen des Hasses aufzudecken, anstatt nur die Phänomene zu erklären. Es wäre wichtig, Hass gesellschaftlich zu reflektieren und als einen Bildungsinhalt bereits Kindern und Schülern als Herausforderung nahezubringen, die es zu überwinden gilt.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Fremdheit

Das Fremde ist ein Anderssein, das diesen Status dadurch erlangt, dass es von irgendeiner Norm abweicht. Die Norm ist das Bekannte. Das Unbekannte ist fremd. Diese Eigenschaft kann objektiv, aber auch subjektiv begründet sein. Objektiv fremd ist etwas, was zu dem Anderen nicht passt. Objektiv fremd ist zum Beispiel eine Pflanze, die aus Venezuela eingeschleppt wurde und sich hier ausgebreitet hat. Subjektiv fremd ist etwas, was entdeckt werden muss, um seine Nähe und Nützlichkeit zu erkennen.

Man könnte hierbei zum Beispiel an die Kartoffel oder die Gewürze denken. Im weitläufigen Sinn sind Nähe und Fremdsein nicht der Wahrheit verpflichtet, sondern lediglich der Anschauung. Wir bestimmen, was fremd ist und implizieren dabei auch die Lüge, indem wir das dem Sein immanente, biologische und physiologische Fremdsein auf Behauptungen übertragen, deren Beweis in ihnen selbst zu wohnen scheint.

Das Fremde ist zudem oft auch angstbesetzt und entrückt. Die Lust auf das Fremde, die Neugier, das Unbekannte und Fremde kennenzulernen, scheitert an der mehrheitlichen Ablehnung a priori. Die schillernden Aspekte des Fremdseins durchmischen Wirklichkeit und Trug. Es ist an uns, Entscheidungen zu treffen, die Begriffe neu zu bewerten und Fremdheit zuzulassen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski