Schlagwort-Archive: Anerkennung

Beschäftigung

Junge Menschen haben häufig ein distanziertes Verhältnis zur Ausbildung. Dies beruht zum einen auf einer zu langen Ausbildungsdauer, zum anderen auf dem Misstrauen gegenüber der Richtigkeit und Verlässlichkeit von Ausbildungsinhalten. Kinder und Jugendliche sind im Zuge ihrer Entwicklung einer steten Veränderung unterworfen. Ihr Lebensumfeld entwickelt sich jedoch nicht oder nur schwerfällig.

Die Modelle bleiben die alten. Sie passen sich den jungen Menschen nicht an. Junge Menschen sind flexibel und digital aufgerüstet. Der Unterschied von Umfeld und eigener Erwartungshaltung führt zur Frustration, denn für den jungen Menschen ist es immer Zeit für den Aufbruch. Jugendliche wollen sich bewähren, ihre Kräfte messen.

Damit sind nicht nur die körperlichen Kräfte, sondern auch ihre emotionalen und geistigen Kräfte gemeint. Es ist oft zu beobachten, dass sogenannte bildungsfeindliche und scheinbar aggressiv ablehnende Kinder und Jugendliche sofort zur „Sache“ gehen, wenn es ein Problem gibt, welches sie lösen können. Sie wollen gerne etwas tun, aber die Reaktion der Erwachsenen ist häufig: „Das kannst Du noch nicht, dafür bist Du noch viel zu jung und unerfahren.“

Mit solchen Reaktionen machen wir generationenübergreifend Fehler. Wir können unsere Kinder und Jugendliche nicht für uns gewinnen, wenn wir ihnen keine Beschäftigung geben, sondern glauben, ihr Kopf müsse mit Lehrstoff vollgestopft werden, dann kämen sie nicht auf dumme Gedanken. Aber dann schlagen sie doch plötzlich aufeinander ein, quälen einander, verprügeln Lehrer, rauchen und trinken, schneiden sich tiefe Wunden ins Fleisch und brüllen Parolen.

Das haben weder die Gesellschaft noch die Eltern gewollt. Darauf kommt es aber überhaupt nicht an. Die Jugendlichen gestalten ihren Raum oft deshalb nicht, weil wir glauben, ihnen diesen zuweisen zu müssen. Für sie ist dieser durch uns vorgeschriebene Raum aber oft eng, lieblos und ohne Ideale. Wir aber müssen unseren Kindern und Jugendlichen Möglichkeiten eröffnen, sich selbst auszuprobieren und zu beweisen. Nur damit erkennen sie ihre eigenen Fähigkeiten. Auf etwas stolz zu sein und Anerkennung zu erfahren, ist für alle Menschen wichtig, besonders aber für Kinder und Jugendliche, weil Selbstzweifel oft in Aggressionen umschlägt. Dies mit verheerenden Folgen für den Jugendlichen selbst, seine Familie und die ganze Gesellschaft.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Nur ein Lächeln

Geht es nicht uns allen so? Wir stehen in der U-Bahn. Rush Hour. Keine Plätze frei. Taschen, Rucksäcke über der Schulter und miese Laune wegen allem. Dann lächelt uns jemand an –ein Kind, eine Frau, ein Mann – bittet um Verzeihung, weil wir vielleicht bedrängt wurden oder bietet den Sitzplatz an. Nur ein Lächeln, eine Höflichkeit oder ein freundliches Wort und wir selbst sind wie verwandelt. Beschwingt sind wir bereit, die erfahrene Freundlichkeit an andere weiterzugeben und denken oft lange Zeit noch gerne an dieses Lächeln zurück.

Das Lächeln kann vieles bedeuten, Einverständnis, Anerkennung, Zuneigung, Wahrnehmung, verschafft aber auch dem Lächelnden Respekt, garantiert Distanz und bestätigt menschliche Zugehörig­keit. Ein Lächeln vermag Worte zu ersetzen, versöhnt und vermeidet Missverständnisse. Es wird behauptet, dass im Lächeln die Seele ihren Ausdruck findet.

Das mag übertrieben sein, aber im Lächeln findet Wesentlichkeit statt. Wer lächelt, gibt etwas von sich preis, tut dies aber so souverän, dass Nachteile ausbleiben. Lächeln ist ein Verständigungsmodul und wird unter anderem perpetuiert im Smiley des Internetaustausches zwischen Menschen.

Leider kommt dieses Lächeln dabei oft inflationär vor und verkehrt sogar die Wirkung in das Ge­genteil. Das Unterlassen der Gewährung eines Smileys vermittelt Ablehnung, mehrere Smileys dagegen signalisieren die Behauptung einer wirklichen Zuwendung. Fünfmal tippen und schon sind fünf Smileys produziert, wobei ein Lächeln von Angesicht zu Angesicht auch durch 100 Seiten Smileys nicht übertroffen werden kann.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Terror

Wir sind verunsichert. Die Anschläge in Paris. Eine Gruppe, die sich der Islamische Staat nennt, hat den Terror auch bei uns in Europa entfacht. Die Medien berichten, dass die Gruppe organisiert und planvoll vorgehe und durch ihr terroristisches Gehabe die Menschen verunsichern, unser Lebensart und Demokratie beschädigen und überhaupt so viele „Ungläubige“ wie sie treffen können, ermorden wolle. Dabei rufen sie dem Vernehmen nach „Al Akbar, Gott ist groß“ und schießen und sprengen, zuletzt sich selbst. Es wird berichtet, dass ihnen gesagt würde, das Morden sei heldenhaft und bei erfolgreich abgeschlossener Tötungsarbeit kämen sie in den Himmel.

Ich hab meine Zweifel. Wahrscheinlich kommen sie in die Hölle, wenn dies ihrem eigenen religiösen Verständnis entspricht. Es gibt keinen mehrfach geteilten Gott, sondern nur einen Gott, der einem Moslem, einem Juden und einem Christen das Leben geschenkt hat. Jeder Mensch ist in die Welt gekommen, um zu leben, Erfahrungen zu sammeln, sich auszubilden am Leben und zu gehen, wenn er zum Leben in dieser Welt etwas Sinnvolles beigetragen hat. Es ist nicht sinnvoll, anderen Menschen das Leben zu nehmen, sondern Gotteslästerung. Diejenigen, die anderen Menschen das Leben nehmen, maßen sich selbst an, Schöpfer zu sein, und wenn es das Erschaffen von Gewalt und Terror ist. Ob sie an Gott glauben oder nicht, ist dabei offensichtlich völlig gleichgültig. Der Mensch ist aber ein spirituelles Wesen, einmal abgesehen von jeder Körperlichkeit. Die Spiritualität eines Menschen anzugreifen, zerstört auch die Spiritualität des Angreifenden. Er löscht sich damit aus dem Gedächtnis der Welt und des Himmel aus.

Die Mörder, von denen ich spreche, waren alle auch einmal unschuldige Geschöpfe, die im Bauch ihrer Mutter entstanden sind, von dieser gesäugt und umsorgt wurden. Sie sind eingetreten in unsere Gemeinschaft und haben sie wieder verlassen, warum?

Einer der Gründe könnte sein, dass Familien oft verunsichert sind hinsichtlich der Bedeutung, die sie für das Kind haben. Denen möchte ich sagen, dass die Familie und die Geborgenheit in einer Familie von prägender Bedeutung für das Leben eines Kindes sind. Keine Schule, kein Kindergarten oder sonstige Einrichtungen können die frühe Erfahrung der familiären Verbundenheit ersetzen. Die familiären Gespräche, der Austausch über Erfahrungen und Geschichte sind unersetzlich. Computer und Computerspiele bieten keinerlei Ersatz. Sie sind auch nicht zur Liebe fähig.

Jeder Mensch, der auf die Welt kommt, ist voll Tatkraft, und zwar von Anfang an. Ein Mensch, dem keine sinnvolle Beschäftigung geboten wird, sucht sich selbst eine, und zwar dort, wo er Anerkennung erfährt. Der Weg zur Verführung ist daher überhaupt nicht weit, egal ob es sich um eine kriminelle wirtschaftliche Vereinigung oder eine religiöse Gruppierung handelt.

Familien sind in der Pflicht, einander immer wieder neu kennenzulernen, miteinander zu sprechen und die Grundlage zu schaffen für ein sinnerfülltes Leben des Kindes. Die Gesellschaft ist in der Pflicht, jungen Menschen Beschäftigungen zu bieten, in denen sie sich selbst und anderen beweisen können, dass sie wer sind. Wir benötigen eine Anerkennungskultur für junge Menschen. Wir benötigen aber auch diejenigen, die junge Menschen immerwährend daran erinnern, dass das Leben eine schöne Veranstaltung ist, in der sie Gelegenheit haben, sich auszubilden, weltliche und religiöse Erfahrungen zu sammeln, Liebe zu erfahren und Liebe zu geben, damit sie sich als Segen für uns alle erweisen. Jeder hat eine Chance, sich zu prüfen und ob das, was er tut oder getan hat mit seiner Integrität und seiner Spiritualität übereinstimmt. Im Zweifel sollten wir alle nochmals als Suchende beginnen und prüfen, ab und in welchem Umfang wir bereit sind, die Verantwortung für unser Handeln vor Gott und den Menschen zu übernehmen. Al-akbar!

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

WEGFINDUNG (Teil 2)

Der Markt bestimmt, welchen Wert er einem Produkt zubilligt, um die Nachfrage zu stimulieren, es verkaufsfähig zu machen und es für die Befriedigung der Verbraucherwünsche einzusetzen. Nichts anderes geschieht im philanthropischen Bereich, nur dass die Ware in der Regel nichts Gegenständliches sein muss, sondern eine besondere Form der Dienstleistung mit anderen signifikanten Merkmalen darstellen kann. Diese Ausstattungsmerkmale der Dienstleistung können unter den Merkwörtern Integrität, Vertrauensbildung, Selbstlosigkeit und Effizienz zusammengefasst werden. In ihrem Wertmaßstab unterscheiden sich philanthropische Produkte zwar einerseits von Dienstleistungsprodukten, die nur darauf gerichtet sind, eine finanzielle Gegenleistung zu provozieren, sie erweitern aber   andererseits   sozusagen   als   Leitidee   auch   den   Bereich   der Durchsetzungsfähigkeit und der Wirksamkeit aller nicht primär philanthropischen Produkte auf dem Markt.

Kompensation, das heißt, das Wechseln von Geld ist eine Form der gesellschaftlichen Anerkennung für ein erwerbbares Produkt und verschafft demjenigen, der die finanzielle Anerkennung im Austauschprozess erfährt, einen Bedeutungszuwachs. Geld ist daher nicht das eigentliche Ziel aller unserer täglichen Bemühungen, sondern es ist das Mittel, um den entscheidenden Zweck zu erreichen, und zwar Freiheit, Unabhängigkeit und gesellschaftliche Anerkennung. Das sich selbst aufzehrende Geld würde keinerlei Bedeutungszuwachs für den handelnden Menschen mehr bieten. Im Dienstleistungsbereich, insbesondere im philanthropischen Dienstleistungsbereich, ist eine Form der Anerkennung vorgesehen, die demjenigen, der leistet, eine hohe gesellschaftlich relevante Bedeutung verschafft, ohne dass diese unmittelbar darauf beruht, dass der Leistende für die einzelne Dienstleistung auch stets eine finanzielle Kompensation verlangt bzw. erhält. Die Raffinesse des Vorgangs besteht vielmehr darin, dass nicht der eigentliche Akt des Gebens und Nehmens, sondern die Grundlage des Handelns selbst bereits eine maßgebliche gesellschaftliche Bewertung erfährt und das philanthropische Handeln nur die Konsequenz aus der zuvor bereits getroffenen Richtungsentscheidung des Handelnden ist.

Aus seiner eigenen Integrität heraus hat er sich dazu entschlossen, Verantwortung zu übernehmen und sich zu engagieren. Die Stiftung, die gemeinnützige Gesellschaft oder der gemeinnützige Verein werden von ihm gegründet, die Mittel zur Verwirklichung des Zweckes eingeworben und auf der Grundlage bestehender Erträge, Spenden und Zuwendungen können seine Vorhaben umgesetzt werden. Der Handelnde vertraut das von ihm hergestellte philanthropische Produkt dem Markt an. Dabei werden Arbeitsplätze geschaffen, Dienstleistungen nachgefragter Art erledigt und insgesamt gesellschaftliche Prozesse gefördert, die in struktureller Weise einer industriellen Produktionsgesellschaft nicht nachstehen, sondern die gleichen Merkmale der Verschränkung von gesellschaftlichem Begehren und dessen Anerkennung aufweisen.

Diese Anforderungen hat die Philanthropie berücksichtigt. Sie spiegeln sich schon heute wider im Milliardenvermögen der Stiftungen, das sich nicht verzehrt, sondern im Gegenteil stetig anwächst, weitere Erträge schafft und die Handelnden in die Lage versetzt, immer selbstbewusster zu werden, das heißt den Herstellungsprozess und den Vertrieb des Produktes auf dem Markt permanent machtvoll zu steuern. Diejenigen, die bereits über große Vermögen verfügen und dieses in philanthropischen Unternehmen eingesetzt haben, erkennen ihre Chancen,   auf   diesem   neuen   Tätigkeitsfeld   zu   reüssieren,   dabei   das Alleinstellungsmoment in vielen Bereichen zu festigen und die philanthropische Nachfrage des Marktes auf manchen Feldern fast exklusiv zu bedienen. Dies wird sich allerdings bald ändern.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski