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Rotationseuropäer

Wie bitte? Sie haben noch nie etwas von einem Rotationseuropäer gehört? Das verwundert nicht, macht aber neugierig auf eine Begriffsdefinition, die Sie selbst liefern. Dass Sie dies tun sollten, beruht auf einem einfachen Grund. Ich weiß nämlich auch nicht, was einen Rotationseuropäer ausmacht, bin aber gespannt auf Ihre fantasievolle Beschreibung.

Ich gebe ein paar Stichworte. Sind es vielleicht Europäer, die von einem Land in das andere europäische Land reisen? Sind es vielleicht Arbeitnehmer, die nach den an sie gestellten Anforderungen zum Beispiel auf dem Bau oder in der Spargelernte von Arbeitgebern durch europäische Lande durchgereicht werden? Oder sind es gar Asylanten mit eingeschränktem Bleiberechte, die entsprechend eines europäischen Aufteilungsschlüssels – soweit möglich – quotengerecht in Europa verteilt werden?

Alles erscheint denkbar, liefert womöglich auch das Stichwort für einen künftigen Verteilungsschlüssel bezüglich sämtlicher Europäer, um eine vielfach angemahnte Gerechtigkeit zwischen Ländern, Städten, Gebieten und gar Nationen zu schaffen. Deutsche sollten nach Frankreich aufbrechen, die verbleibenden Deutschen ergänzen sich durch „Brexit-Flüchtlinge“ aus Großbritannien. Alles natürlich auf Zeit. Rotation heißt Bewegung. Wir rotieren also europäisch weiter und reichen Skandinavier nach Italien durch, Ukrainer nach Portugal und Finnen nach Malta.

So entsteht überall Bewegung, Dank der Rotation kommen Engländer dann irgendwann wieder auf die Insel zurück und polyglotte Türken in das Land ihrer Väter. Sie alle haben dann mächtig viel von dem zu berichten, was sie unterwegs erleben durften und freuen sich auf die nächste Rotation. Make Europa great again!

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Grundeinkommen

Neulich las ich, dass sich Arbeitnehmer in den USA aus dem Arbeitsleben dadurch verab­schieden, dass sie gezwungen werden, ihren preisgünstigeren Nachfolger einzuarbeiten, um alsdann gefeuert zu werden. Inzwischen habe ich gehört, dass diese Arbeitnehmereliminie­rungsstrategie nicht nur in den USA, sondern auch in Europa praktiziert wird.

Für eine Zeit werden sich immer Optimierungsprozesse zu Lasten der Arbeitnehmer finden lassen. Dann sind zuletzt die Optimierer dran. Ja, es wird soweit kommen. Die Mehrzahl der potenziell arbeitsfähigen Menschen auf dieser Welt kann dann weder durch Verstand, noch durch den Einsatz ihrer Hände zu ihrem Einkommen beitragen. Es fehlt an Arbeit und zudem ist es für jedes Unternehmen günstiger, keine Arbeitnehmer mehr zu beschäftigen, die sich gewerkschaftlich organisieren oder sonst irgendwie zur betrieblichen Unruhe beitragen.

Da aber Produkte entstehen und diese vertrieben werden müssen, Renditen wachsen und das vor­handene Geld wieder ausgegeben werden soll, bleibt ein gesellschaftlicher Plan der Neu­verteilung von Geldmengen unausweichlich. Jeder, der sich angepasst und ruhig verhält, könnte künftig einen Anspruch auf eine Zuwendung haben, die staatlich kontrolliert ihm Gele­genheit gibt, seine Überlebensbedürfnisse zu sichern.

Dieser Deckungsbeitrag wird heute schon unter dem Gesichtspunkt des Grundeinkommens diskutiert. Derjenige, der Grundein­kommen bezieht und sich unauffällig verhält, muss nichts befürchten, solange er bereit ist, das Eingenommene auch wieder auszugeben. In diesem System ist der Mensch sozusagen der Durchlauferhitzer für Wirtschaft und Staat und schafft die beruhigende Voraussetzung dafür, dass die Wirtschaft störungsfrei weiter wachsen kann und der Staat die Verteilungsoberhoheit behält.

Aber selbst dann, wenn diese Macht nicht missbraucht wird, bleibt eine andere bisher nicht beantwortete Herausforderung für unsere Gesellschaft. Diese besteht darin, dass der arbeitslose Mensch keine Beschäftigung mehr hat und sich in Ermangelung und Selbsterpro­bung zur Sicherung des Lebensunterhalts in kämpferische, religiöse oder nihilistische Aben­teuer stürzt. Ob dann die Rechnung für unsere Gesellschaft noch aufgeht, ist sehr fraglich. Möglicherweise wäre es besser gewesen, dem Menschen die Gelegenheit zu erhalten, zu sei­nem eigenen Lebenseinkommen mit beizutragen, anstatt nur lästig zu werden.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Geld (Money, Money)

Bei erster unbefangener Inaugenscheinnahme wirkt das Geld banal. Geld als körperliche Erscheinung ist sogar lächerlich. Künstler, Kupferstecher und Tüftler haben versucht etwas herzustellen, was schwer nachmachbar ist, aber gerade deshalb sehr bieder wirkt. Geldmotive sind niemals zukunftsgewandt, sondern halten die Vergangenheit, zuweilen auch die Gegenwart fest. Geld ist ansonsten Papier, sonst nichts. Selbst die darauf gedruckten Zahlen beinhalten nur uns bekannte Maßeinheiten, die uns, wenn sie nicht in Beziehung zu anderem Geld gesetzt würden, in keiner Weise beschäftigten.

Für jedes Kind endet die Zahlenreihe mit mindestens einer Million und die kommt je nach Entwicklungsstufe sofort nach zehn oder nach hundert. So ist es auch nicht verwunderlich, dass eingezogenes Geld, verbrauchtes Geld oder Inflationsgeld allenfalls Liebhaberwert besitzen, trotz der aufgedruckten Zahlen, die in die Tausende oder sogar Millionen gehen können. In der folgenden Stufe der Betrachtung könnte man die Annahme zugrunde legen, dass Geld geronnene Arbeit sei. Dafür spricht, dass derjenige, der arbeitet in der Regel hierfür einen bestimmten Betrag von seinem Arbeitgeber erhält. Gleichermaßen könnte der Arbeitgeber aber auch Gurken, Bettwäsche oder Brot überlassen und so eine Kompensation für geleistete Arbeit schaffen. Geld erleichtert dem Arbeitgeber lediglich die Mühen einer zeitnahen Kompensation und den Verdruss vor Falschlieferungen. Dem Arbeitnehmer verschafft es zumindest eine gewisse Wahlfreiheit unter den für die Lebenshaltung erforderlichen Gütern.

Es wird so deutlich, dass Geld eine Erscheinung ist, die über seine Existenz hinaus greift. Die Dimension seiner Wirkungen bemisst sich allerdings nicht nach dem aufgedruckten Betrag, sondern nach der Effektivität seines Einsatzes. Das ungeklärte Objekt des Verlangens ist der Maßstab für den Wert des Geldes. Ein einzelner 10-Euro-Schein hat in den Händen eines achtjährigen Kindes eine fast kosmische Bedeutung, in den Händen eines fünfzigjährigen Geschäftsmanns vielleicht die Bedeutung eines großzügigeren Trinkgelds. Die Quantität des Geldes ist daher also völlig unabhängig von seiner grundsätzlichen Bedeutung. Dagegen spricht auch nicht, dass derjenige, der etwas Geld hat, immer mehr haben möchte, sondern dies führt zu der Wesentlichkeit des Geldes. Geld hat mit unserer Angst zu tun. Wie uns bereits die Eltern zeigten, haben wir ab dem Zeitpunkt des Erwachens ständig Angst davor, etwas zu verlieren, und schaffen uns unablässig Kompensationen. Selbst dann, wenn wir unsere Grundversorgung erledigt haben, wollen wir uns schadlos halten, uns trösten. Trost versprechen sowohl Pralinen, als auch aufwendige Ferienreisen. Geld soll trösten. Geld soll vergnügen. Geld soll helfen. Geld ist unser allgegenwärtiger persönlicher Einsatz: Es soll aber in seiner teilnahmslosen Erscheinung vergessen lassen, warum wir es bemühen.

Ein sehr reicher Mensch erzählte einmal davon, dass ihm sein Vater am Sterbebett aufgetragen habe, das Geld der Familie zusammenzuhalten. Dies hat der Sohn Zeit seines Lebens auch gewissenhaft getan und die gleiche Verpflichtung wieder seinen Kindern auferlegt. Warum? Welche Würde, welchen Sinn hatte so das Geld? Offensichtlich verlassen wir uns derart auf dieses Papier, dass selbst Ganoven zwar eine Bank ausrauben aber nie daran denken würden, das Währungssystem insgesamt zu beseitigen. Selbst der Schlechteste von uns leidet meist an der Inflation oder dem Kursverfall an der Börse. Wir haben uns aber für das Geld verschworen. Wir leiden kollektiv an seinem Verfall. Stabilität ist uns schon deshalb besonders wichtig, weil Geld unser Zusammenleben determiniert.

Beglückwünschen wir einerseits den Spekulanten, der an der Börse mit geringem Einsatz erhebliche Gewinne erzielt, bestrafen wir andererseits denjenigen mit dem Entzug unserer Wertschätzung, der nicht mehr in der Lage ist, seinen Zahlungsverpflichtungen nachzukommen. Was ist uns daran so wichtig? Die Banken, die Geld verleihen, haben dieses doch auch nicht selbst erarbeitet. Andere haben es getan. Sie selbst haben vielleicht spekuliert oder sich selbst das Geld geliehen. Aber am anderen Ende steht der Schuldner, der nicht zurückzahlen kann, geächtet ist. Ein Wesensmerkmal des Geldes ist aus dieser Sicht weder Kompensation für geleistete Dienste, noch Transportmittel für Daseinsversorgung oder glücklicher Umstand für zusätzlichen Freuden, sondern ein Macht- und Disziplinierungsmittel für unsere Gesellschaft. Geld bedroht. Geld macht reich. Geld schafft Abhängigkeit. Geld korrumpiert. Das mögen emotionale Attitüden sein, Geld selbst ist stur, hartnäckig und völlig teilnahmslos. Die Gleichgültigkeit des Geldes gegenüber unseren Zielen reizt uns, es einzusetzen und daraus für uns Gewinn zu schlagen und andere in Schach zu halten. Geld ist Waffe und Schild in einer Gesellschaft, die anders auf die Jagd geht als mit Keulen und Speeren. Da wir alle so sind und alle so denken, fällt uns die Tarnung nicht schwer, wenn wir täglich schwer bewaffnet ins Feld ziehen, unsere Anschläge verüben, unsere Söldner belohnen und am Abend unsere Siege feiern.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski