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Wut

Wut klebt heute an Bürgern wie Gesinnungsabzeichen. Wut reklamiert derjenige als Antriebsaggregat, der für Pegida oder die AfD auf die Straße geht genauso, wie derjenige, der skandaliert, dass jemand die AfD wählt. Beide werden neudeutsch als Wutbürger bezeichnet. Sie verbindet, dass sie beide einen Gegner haben, und zwar jeweils den Anderen. Sie vereint auch, grob gesagt, der gleiche Sachverhalt.

Wutbürger 1 meint, dass sein Deutschland bis auf feine Nuancierungen frei zu bleiben hat von fremden Einflüssen. Er nennt dies Werterhaltung. Wutbürger 2 meint, dass sein Deutschland dadurch bereichert wird, wenn andere zu uns kommen, auch er will Deutschland mit allen Regeln und Gesetzen erhalten. Er setzt auch darauf, dass Zuwanderer eine sinnvolle wirtschaftliche Investition in unsere deutsche Zukunft sind.

Dies sieht der Wutbürger 1 anders. Er befürchtet, das Sozialschmarotzertum derjenigen, die zu uns kommen und dass die Sicherheit schwindet. Dies sowohl wirtschaftlich, was Arbeitsplätze und die Rente anbetrifft, aber auch im Sicherheitsbereich mangels sozialer Angepasstheit und religiöser Einmischung. Wutbürger 2 will ebenfalls, dass der säkulare Staat nicht in Frage steht und betrachtet im Übrigen unseren Rechtsstaat als stark genug, um Integrationsprozesse zu steuern und Übergriffe abzuwehren. Er wirft dem Wutbürger 1 vor, kein Vertrauen in unsere Demokratie zu haben und dem selbstverständlichen Schutzversprechen des Staats gegenüber allen Bürgern. Wutbürger 2 will im Verhalten des Wutbürgers 1 ein komfortorientiertes egozentrisches Verhalten erkennen. Wutbürger 1 wirft dasselbe dem Wutbürger 2 vor, bescheinigt ihm zudem Blindheit und soziale Arroganz.

Urteile und Vorurteile wechseln wie im Ping-Pong-Spiel die Seiten, auch darin sind sich beide Wutbürger einig. Der Schiedsrichter lügt, also „Lügenpresse, Lügenpresse“. Falschberichterstattung und Fehlinformationen zum Überdruss. Die sozialen Netzwerke, deren sie sich beide bedienen, die lügen aber nach ihrer Auffassung nicht. Sie geben ja ihre ins Netz gestellte Meinung wieder und die beruht auf Tatsachen, ist also richtig. Damit das Werk gut gelingen möge, sind beide Bürger mit Emotionen ausgestattet, die den Durchbruch ihres enormen Wissens über Fakten und Sinnzusammenhänge hinaus erst ermöglichen. Am Anfang war das Wort, hier nationalkonservativ, dort gutmenschlich, dann folgten Gesten, dann Waffen. Irgendwann stimmen wir dann das alternative Deutschlandlied an. „Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt, Deutschland, armes Vaterland…“

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski