Schlagwort-Archive: Argumente

Normal 4.0

Wir alle, also auch ich, sind begierig darauf aus, Anderen die Welt zu erklären. Ohne dieses Sendungsbewusstsein gäbe es auch diese Blogbeiträge nicht. Obwohl ich weiß, dass es unendlich viele Fachzeitschriften, Kommentare zu allen Lebenssachverhalten und Verhaltensanweisungen gibt, sehe ich offenbar noch eine Lücke, die gefüllt werden müsste. Ob dies anmaßend ist, muss der Leser entscheiden.

Ich versuche, Argumente vorzulegen, an denen meine Leser sich reiben können, provoziere gerne Widerspruch und sehe mich doch der Normalität verpflichtet. Die Menschen, meine Leser, sind normal, vergnügt, launisch, witzig, sorgenvoll, ängstlich und mutig. Genauso wie ich. Mein Leser und ich sind wie kommunizierende Röhren. Ich erfahre über meinen Beruf, den Umgang mit anderen Menschen, meine Familie und die Medien und Lektüre von Büchern und Zeitschriften, was alle bewegt und mache mir darüber selbst Gedanken. Es macht mich besorgt zu erfahren, wie sehr sich Menschen von Ratgebern abhängig gemacht haben und dem Judiz, ihres Bauches, also ihrer eigenen Beurteilung, immer weniger vertrauen. Das betrifft sowohl die Kindererziehung, als auch den gesamtgesellschaftlichen Umgang miteinander.

Nicht die Werte sind verrutscht, sondern, gesteuert von Medien, unser Selbstbewusstsein im Umgang mit den täglichen Anforderungen. Warum liefern wir uns Ratgebern und Rattenfängern so gerne aus?

Die Normalität 4.0 ist offenbar noch komplexer. Sie ist wesentlich beeinflusst durch Formate, die außerhalb unseres eigenen Begreifens entstanden sind. Ich denke dabei natürlich an die Digitalisierung unserer Welt, aber auch die Verzagtheit, überhaupt einen eigenen Standpunkt einzunehmen, um sich daran messen zu lassen. Normal ist es, Fehler in der Kindererziehung zu machen oder Fehler im Umgang mit anderen Menschen, dann aber zu seinen Fehlern zu stehen und sie bei Bedarf wieder zu korrigieren. Normal ist, verletzlich zu sein, aber nicht verletzend. Normalität ist Gelassenheit im Umgang mit anderen Menschen und sich selbst.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Der große Bluff

Es gibt eine Form des Bluffs, die beruht auf Lügen und Intrigen. Es gilt, einen   anderen Menschen so hereinzulegen, dass dieser erst nach vollendeter Tat weiß, wie ihm geschehen ist. Dabei geht es nicht nur um Schadenfreude des Veranlassers, sondern auch um den damit gesicherten Erfolg. Es gibt eine andere Form des Bluffs, die andere nicht beschädigt, aber auch zum Ergebnis führen kann. Diese Form des Bluffs beruht auf einem rein taktischen Verhalten, schafft ein Klima des Vertrauens und gibt dem potenziellen Kontrahenten Gelegenheit, seinen Standpunkt in völliger Ruhe umfassend auszubreiten. Der Bluff besteht darin, dass er sich von der ersten Begegnung an bis zum letzten Wort sicher wähnt, dass seine Art der Betrachtung wenn auch nicht die richtige, so doch die erfolgreiche sein wird. Es ist aber hier nicht der Triumph des letzten Wortes, das zählt, sondern die Aufnahme des Gesprächs zu einem Zeitpunkt, zu dem jedenfalls aus Sicht des Kontrahenten überhaupt nichts mehr fragwürdig erscheinen sollte. Dem Kontrahenten recht zu geben und gleichzeitig die Ergebnisse seiner Darstellung infrage zu stellen, entfesselt Kontroversen, die sich im Kontrahenten selbst abspielen und ihn in seiner Sicht der Dinge verunsichern. Der Angriff ist gelähmt, die bösen Argumente meist verschossen und was bleibt, ist oft der Wunsch nach Versöhnung. Das ist ein gutes Ergebnis für alle Beteiligten.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski