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Gedankenerfinder

Ich bin ein Erfinder von Gedanken. Keiner meiner Gedanken ist es wert, auf die Goldwaage gelegt zu werden. Diese Gedanken sind auch nicht meine Gedanken im Besonderen, sondern es sind Gedanken, die mir zufliegen, wie Körner des Mondstaubs oder Mücken. Es gibt Gedanken, die mich piksen, die ich lästig abschüttle und manche, die ich wie Staub auf dem Mantel trage. Um andere Bilder zu nutzen, Gedanken sind wie Jonglierbälle. Ich werfe sie hoch, sie fallen zurück, sie schnellen wieder empor oder schnurren wie bei einem Jo-Jo an einem anderen Gedanken entlang, bis sie auspendeln.

Keiner der von mir erfundenen Gedanken hat irgendeinen Sinn, den ich ihm beilege. Jeder der Gedanken verfügt aber über einen eigenen Sinn, der aufbricht, wenn der Gedanke sein Ziel erreicht hat. Als Erfinder von Gedanken bin ich nur Medium, mäßig beteiligt, an dem sich selbst schaffenden Produkt. Es macht aber Spaß, Gedanken zu erfinden, sie zu diktieren, aufzuschreiben oder zu artikulieren, um anderen Menschen Gelegenheit zu geben, mit diesen Gedanken etwas anzufangen, was ihnen vielleicht nützen könnte.

Der Sinn meiner Gedanken liegt also ausschließlich in ihrer Erfindung. Wenn ich meine ganze Kraft darauf konzentriere, möglichst viele Gedanken hervorzubringen, kann es am Ende sein, dass irgendein Gedanke auslösend für Gedanken anderer sein kann. Wenn ich zum Beispiel den Gedanken äußere, dass wir Menschen alles von Menschen für Menschen machen, kann dieser eigentlich selbstverständliche Gedanke eine Revolution auslösen, die den Planten rettet und uns das belässt, was wir mit der Natur zum Leben benötigen. Ein einfacher Gedanke zwar, aber vielleicht für den Augenblick noch der Sinnvollste.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Vage Annahme

Da wir Axiome des Begreifens festlegen, ist auch das Begreifen selbst davon abhängig, welche Axiome wir gewählt haben. Haben wir etwas als absolut definiert, dann gilt es unserer unbefangenen Betrachtung als relativ verloren. Wäre es dagegen nicht absolut, dann wäre auch das, was es eigentlich festigen soll, also das Begreifen selbst, mit unterschiedlichen Konsequenzen befragbar. Legen wir überhaupt nichts fest, bleibt alles beim Entstehen und Zerlegen in einem Prozess der ständigen Erneuerung. Alles ist in einem Augenblick, im nächsten aber nicht.

Allerdings ist es auch nicht ganz, weil das Eine nur dadurch für einen Augenblick wahr sein kann, weil das Andere im selben Augenblick fragwürdig erscheint. Nichts ist endgültig, aber natürlich auch nicht relativ. Denn Letzteres würde bedeuten, dass wir eine wägende Position zu dem Prozess an sich einnehmen könnten. Relativ gesehen gibt es zwar unterschiedliche Zustände jeweils aus dem Blickwinkel des Betrachters. Wenn wir aber in dem Prozess selbst befangen sind, ist dieser selbst absolut mit all seinen Fragwürdigkeiten, die auf unseren Festlegungen beruhen. Betrachtend vermögen wir niemals die Sphäre der Erscheinungsdefinition zu verlassen. Dies gelänge uns aber dann, wenn wir selbst Teilhaber wären an dem zu beobachtenden Geschehen an sich. Da dies offenbar nicht möglich ist, gewähren wir uns selbst eine befreiende Perspektive dadurch, dass wir unsere Beobachtungen isolieren, betrachten und ins Ganze wieder zurückstellen. Nur so sind wir uns in unseren Beobachtungen verständlich, im wahrsten Sinne des Wortes begreifbar.

Dies im Gegensatz zur benennungslosen Selbstfindung des Dinges an sich, welches sich ohne jegliche menschliche Perspektive zu definieren vermag. Somit ist nicht das Ding an sich, sondern unsere Erfahrbarkeit, unsere Wahrnehmungsfähigkeit das Problem. Entweder kann das Ding sich nicht mitteilen, weil es nicht ist oder so nicht ist, sich nicht mitteilen will, oder wir unfähig sind, geeignete Mitteilungen vom ihm zu erhalten.

Vielleicht haben wir keine Sensoren für Mitteilungen oder wir unterdrücken Informationen, weil wir sie nicht haben wollen. Vielleicht sind wir auch zu komplexen Aufnahmen nicht fähig oder auch nicht soweit, etwas außerhalb der definierten Mitteilung zu erfahren. Weiterhelfen könnte uns möglicherweise die Akzeptanz des Seins und des Nichtseins, und zwar nicht als definierte Pole von Existenz und Gegenexistenz, sondern als Offenheit gegenüber dem Prozess, dem nicht Fertigen. Hierbei sind zu benennen: die Ehrfurcht vor dem Wunder. Der Respekt vor dem Glauben. Die Einsicht in die Beschränktheit unserer Wahrnehmung. Die Sehnsucht nach dem Ganzen. Das Erstaunen über sämtliche Möglichkeiten, die den Menschen gegeben sind. Die Überwindung des Profanen. Durch eine bewusste Indifferenz gegenüber der gewöhnlichen Zeit und dem üblichen Raum könnte Trennendes wieder zusammengeführt werden. Dies könnte in jedem Augenblick ge- schehen, und zwar unter Ausnutzung aller Zwischenräume. Es ist da gewesen und kommt im selben Augenblick. Den Sternen zum Beispiel ist es völlig gleichgültig, ob sie 18 Millionen Lichtjahre entfernt sind. Sie sind indifferent gegenüber unseren Betrachtungen, d. h. dem was wir denken und fühlen. Sie tragen ihre Pläne in sich und bereiten sich strukturell, explosionsartig oder gemächlich auf die nächste in ihnen bereits angelegte Erfahrung vor.

Im Gegensatz zu ihrer vorbestimmten Verfassung sind sie uns aber nicht gleichgültig, weil wir uns von ihnen abhängig gemacht haben. Dies gilt für alle Dinge, Zeit und Raum. Wir haben sie benannt. Getan haben wir dies aufgrund unseres Sicherungsbedürfnisses gegenüber der extremen Gefährdung, der wir im Leben ausgesetzt sind. Hätten wir die Zuversicht der Sterne, wären wir unsterblich, weil wir völlig unberührt wären gegenüber sämtlichen Festlegungen. Wir dagegen wollen uns durch Bestimmungshoheit fremde Sterne und Planeten fernhalten. Wir haben uns daran gewöhnt, Dinge zu benennen und daraus unsere Existenz zu definieren. Würden wir etwas daran ändern, Zeit und Raum in Frage stellen, müssten wir mit anderen Augen sehen. Wir haben uns deshalb eine Zugangssperre implantiert. Würde der Hebel gegen unseren Willen umgelegt werden können, wäre alles sichtbar.

Die Metapher der aufzustoßenden Tür ist aber allgemein verbreitet und gültig. Das Unvermeidliche an dieser Aktion ist uns hinlänglich bekannt. Wir wissen auch, dass es schon passiert ist und unmittelbar bevorsteht. Wir kennen unsere Irrtümer, die Endgültigkeit einer falschen Entscheidung, die Zwangsläufigkeit unserer Rebellion, das Leid und das Selbstmitleid, das   damit verbunden ist.   Wir denunzieren Anderes als fremden Sinneswahn, um festzuhalten an konkreter Falschheit. Das Quäntchen Energie des Schöpfungsaktes ist zwar das Perpetuum unserer Existenz, wissen wollen wir das aber nicht. Wir merken zwar, dass diese aufgeklärte, aber weder gänzlich christlich noch esoterisch bestimmte Gesellschaft den Mythos nicht aufgeben kann, aber auch nicht will. So benennt z. B. der Gral das Wort, die Sache, die Seele und das Licht. Jenseits von Glauben und Zuversicht wäre es erkenntnistheoretisch zumindest auch zulässig, einmal in Erwägung zu ziehen, dass der Mensch mit seiner Betrachtung der Dinge nicht richtig liegt, sondern sich kein Haar auf dieser Welt krümmt ohne den Willen des Schöpfers aller Dinge.

Würde eine solche Betrachtung unsere materielle und geistige Sicherheit gefährden? Könnten wir uns unserer Errungenschaften nicht mehr so sicher sein? Welche Einflüsse hätte eine solche Realität, die wir ja in Wirklichkeit leugnen, auf unser Leben? Trügen wir mehr Verantwortung oder weniger? Dies könnte alles untersucht werden unter dem Aspekt selbstbestimmten Gestaltens unter Gottes Führerschaft. Der Gedanke wirkt unbehaglich, weil er uns zwingen könnte, etwas zu begreifen, was sich unserer gewohnten Definition entzieht.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski