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Nachrichten

Ist es denn schon so lange her, dass wir via Radio oder Fernsehen Nachrichten empfingen und uns auf das Gehörte den eigenen Reim machten? Nicht von ungefähr gibt es nun die „Heute-Show“. Alles ist Show. Wie sollten wir auch aus der „Tages-Show“ noch Nachrichten fischen? In einer Republik der Bekenntnisse zwingen Moderatoren Politiker bei Stimmverlusten zu bekennen, was sie als Partei oder höchstpersönlich falsch gemacht haben, denn nur so seien Stimmenverluste erklärbar.

Die Absurdität dieser Argumentation scheint weder dem Moderator noch dem Politiker aufzugehen. Es soll immer Schuldige geben. Dass der Wähler einfach wählt, was er gut findet und abwählt, was er schlecht findet, ist offenbar völlig nebensächlich. Warum diese Respektlosigkeit und welche Konsequenzen hat sie?

Das Warum lässt sich recht schnell beantworten: Wenn alles Show ist, bleibt der Nachricht nur noch der Platz des Stichwortgebers für permanentes Unterhaltungstheater. Dabei wird verlangt, dass alle sich präzise und genau äußern und Bekenntnisse ablegen. Kaum wird das Wetter davon verschont! Die Konsequenzen sind allerdings verheerend.

In einem ständigen Wirbel von Behauptungen, Meinungen, Emotionen und tatsächlichen Vorkommnissen entstehen Smoothies, die durch Kopf und Körper rauschen und dabei nichts Anderes verursachen, als Sodbrennen, Magenschmerzen, Kopfweh und schlechte Laune. Die als Fast- oder Convenience-Food aufbereiteten Nachrichten versehen mit allen Zutaten an Geschmackverstärkern, Zucker und Bitterstoffen machen krank. Wir leiden schon heute an einer medialen Krankheit, die natürlich durch die sozialen Netzwerke verstärkt wird.

Permanent wird uns eingehämmert, was wir zu denken, zu sagen, zu meinen und zu wählen haben. Nur abzuschalten, um den Kopf und das Herz wieder freizubekommen, wäre eine Möglichkeit. Aber, es ist schwer, sich heute angesichts des medialen Overflows noch mit den einfachen Dingen des Lebens zu vergnügen, zum Beispiel Taubenzucht oder Briefmarken zu sammeln. Das war aber Menschen einmal sehr wichtig. Sie hatten Gelegenheit, sich auf Ihre Tätigkeit zu konzentrieren und sich ihre eigenen Gedanken über die Welt zu machen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Menschenallergie

Oft tränen mir die Augen, manchmal muss ich husten und niesen, gelegentlich brennt meine Haut. Auf Anraten meines Hausarztes habe ich daher vor kurzem bei mir einen Allergietest durchführen lassen. Das Ergebnis war negativ. Keine der üblichen Reizmittel schlug an. Ich gestehe, dass ich auch nichts Anderes erwartet habe, denn ich bin in einer Zeit groß geworden, wo die Immunisierung durch die Natur Standard war. Aber, was ist es dann, was mich plagt?

Allmählich wage ich eine Selbstdiagnose: Ich leide unter Menschenallergie. Nicht, dass ich falsch verstanden werde, ich habe überhaupt nichts gegen Menschen und verstehe mich mit den meisten recht gut. Aber, was macht dann die Menschenallergie aus, an der ich möglicherweise leide?

Ich kann hier nur Behauptungen aufstellen. Diese in der Erwartung einer Fremdeinschätzung, die meiner Selbstdiagnose recht gibt. Ich finde, dass sich am Verhalten der Menschen etwas verändert hat, das Krankheiten auslösen kann. Es weichen die Regeln des menschlichen Umgangs auf, statt Rücksichtnahme Rücksichtslosigkeit, statt Gemeinsinn Egozentrik, statt Höflichkeit Rücksichtslosigkeit usw.

Die radikale Veränderung des menschlichen Umgangs kann gerade in unseren Großstädten deutlich gespürt werden. Wie überraschend, wenn wir in Kleinstädten oder ländlichen Bereichen noch freundlich grüßenden Menschen begegnen, statt mutwilliger und schnoddriger Selbstbehauptung. Ich fühle mich oft bedrängt durch herumpöbelnde Menschen auf Straßen und Plätzen, durch Mahlzeiten aus Pappbechern und Tüten in sich hineinstopfende Menschen in U-Bahnen und drängelnde Radfahrer auf Gehwegen.

Es ist im Übrigen völlig gleichgültig, woher die Menschen kommen. In einer Großstadt, wie Berlin, gibt es keinen Unterschied zwischen Touristen und denen, die schon länger hier sind. Der typische Berliner kommt ohnehin von irgendwoher aus dieser Welt. Sie alle können bei mir eine Allergie auslösen, mich veranlassen, meine Hände in der Jacke zu vergraben, zu versuchen, nicht angerempelt, beschmiert oder sonst wie belästigt zu werden. Die netten Menschen, die es zweifellos immer wieder gibt, sind dabei die Retter, die ein Wunderheilmittel für meine Krankheit haben, die mich zuweilen befällt.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski