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Nach 1968 (Teil 2)

Die Alt-’68er sagen, wir wollten etwas bewegen, Dinge inhaltlich verändern. Dies ist zum Teil richtig. Der andere Teil entsprach aber nicht einem überwältigenden Erkenntnisgewinn, sondern dem Drang, etwas zu wagen und dadurch im eigenen Leben neue Impulse zu setzen. Die Lebensvorstellung, wie die Eltern der Kriegsgeneration den Nachkriegsaufschwung zu verwalten und weiterzuentwickeln, schien den Jugendlichen trostlos. Paradox daran war allerdings, dass gerade die Gesellschaft aufgrund ihrer im Grundgesetz verankerten Bereitschaft, Handlungsoptionen zuzulassen, entscheidend dazu beitrug, dass die vielfältigen politischen und persönlichen Ausdifferenzierungen der Studentenbewegungen gelangen. Zwar hat die Springerpresse gehetzt und Politiker haben Studenten als Wirrköpfe bezeichnet, aber letztlich war jede Form des Protestes möglich, die Demonstrationsfreiheit blieb geschützt und die Proteste führten auch zunächst nicht zu großen sozialen Verwerfungen. Vielmehr unterstützten Kreise der Bevölkerung gerade diese Protestbewegungen zumindest heimlich, wahrscheinlich weil sie selbst Angst hatten, an der Biederkeit und Rechtschaffenheit dieser Gesellschaft zu ersticken. Selbst zu Zeiten der RAF und der „Bewegung 2. Juni“ war diese Form der Unterstützung noch spürbar, wobei es den Protagonisten dann nicht mehr gelang, eine Solidarisierung unter den Studenten aufrechtzuerhalten, sondern jeder versuchte auf seine Art und Weise das Geschehen zu erklären und die Eskalation mit seinem eigenen entwickelten Weltbild abzugleichen. Das war außerordentlich schwierig, ging die Betrachtung doch einher mit dem Eingeständnis, diese Form der Gewalt nicht erwartet zu haben, letztlich politisch gescheitert zu sein. Die RAF war nicht die Fortsetzung der studentischen Proteste mit anderen Mitteln, sondern offenbarte, wie anfällig eine Gesellschaft auf Provokateure des linken oder rechten Spektrums reagieren muss. Keiner wollte verführbar sein, sich eingestehen, dass eine Ensslin, ein Baader oder eine Meinhof genauso ihre intellektuellen Fähigkeiten und aggressiven Möglichkeiten genutzt haben, um sich durchzusetzen, wie z. B. auch jede faschistische Schlägertruppe dies bis heute tut. Nicht von ungefähr ist daher zu mutmaßen, dass Horst Mahler sich niemals in einem linken oder rechten Lager bewegte, sondern sich selbst treu blieb in seinen Beherrschungsfantasien. Wir, die Studenten, sind den Entwicklungen auf den Leim gegangen und haben später versucht, durch Differenzierungen wie „Gewalt gegen Sachen und nicht gegen Menschen“ uns abzusetzen von den furchtbaren Entgleisungen. Um uns nicht eingestehen zu müssen, völlig auf dem Holzweg gewesen zu sein und den Spielbetrieb aufrechtzuerhalten, sprachen wir nicht nur bei Benno Ohnesorg von Mord an einem Studenten, sondern bei der Erschießung von Ratthey auch vom „Berliner Blues“, etwas wie ein Mysterium staatlicher „Hinrichtungen“ in Berlin. Als sich nach der gescheiterten Entführung der Lufthansamaschine nach Mogadischu die Häftlinge in Stammheim töteten, war dies „Staatsmord“. So blieb noch länger etwas von der Identität der ’68er, nachdem diese Bewegung bereits schlimm gescheitert war.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Mehr davon gibt es im nächsten Beitrag …