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Der Philosoph

Gladiolus Tolschelinko entschloss sich, Philosoph zu werden. Doch wie? Er studierte seine Mitmenschen und stellte gewisse Unterschiede fest. Das war die erste Entdeckung. Es folgten weitere, teils aus eigener Beobachtung, teils aus Hinweisen im Fernsehen. Es traf sich gut, dass er – war es Zufall? – einen Bettler aus Aserbaidschan traf, der ihm sein Leben erzählte. Das genügte. Seiner Zimmerwirtin sagte er, sie solle ihn in Ruhe lassen, und auch von seinem Zimmernachbarn verbat er sich jede Störung. Er ordnete seine Gedanken und schrieb sie alle auf, dann subtrahierte und addierte er nächtelang – wobei ihn Sergej Iwanowitsch doch noch manchmal störte – bis er vor sich selbst erschauderte. Das Resultat war einfach überwältigend: Nichts ist, wie es ist, aber wenn es ist, kann es nicht so sein wie das Nichts, denn nichts ist nichts ohne alles und Alles ist nichts ohne Nichts. Er konnte nicht mehr schlafen ohne diese Gedanken, aber auch nicht mit ihnen. Er starrte an die Zimmerdecke.

HINWEIS:
Hiermit beende ich den Auszug aus „Beinahe russische Geschichten“.
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Hans Eike von Oppeln-Bronikowski