Bei aller Euphorie – woran liegt es, dass potenzielle Stifter statt zu stiften, oft lieber stiften gehen?
Kann man es einem Bürger unserer Gesellschaft verargen, wenn er nicht bereit ist, sich an einem Projekt zu beteiligen, von dessen Sinn, Nutzen oder Professionalität er nicht überzeugt ist? Im wirtschaftlichen Raum gibt es vielfältige erwerbsorientierte Energien, die genutzt werden können, es gibt Unternehmensberater, Geschäftsmodelle, eine Vielzahl von Marktorientierungen und -analysen. Im gemeinnützigen Bereich glaubt man, weitgehend darauf verzichten zu können. Im wirtschaftlichen Bereich stehen Investoren – angefangen von der „Gesellschaft bürgerlichen Rechts“ sozusagen als kleinstem Nenner – die unterschiedlichsten Verwirklichungsmodelle bis hin zur Aktiengesellschaft zur Verfügung, um das zu schaffende Produkt an den Mann oder die Frau zu bringen. Die Stiftung selbst dagegen taugt für viele nicht aufgeklärte Menschen allenfalls als Beteiligungsmodell an Gesellschaften, um Vermögen vor der Steuer oder der Familie zu retten. Wo sind heute die kühnen Gedanken eines Ernst Abbe, der im 19. Jahrhundert die Zeiss-Werke als unmittelbares Stiftungsunternehmen konzipierte mit dem Ziel, daraus ein Erfolgsmodell für die Belegschaft seines Werkes zu gestalten? Bis zum Jahre 2000 waren Zeiss und die Schott Glaswerke unmittelbare Stiftungsunternehmen. Angeblich taugen Stiftungen nicht als unmittelbarer Unternehmensträger, weil sie weltweit unbekannt, weniger kreditfähig, mangels Rendite unattraktiv, überhaupt antiquiert seien. Der Beweis für solche Thesen muss allerdings noch erbracht werden. Aktiengesellschaften werden heute verscherbelt, ausgebeutet, fusioniert und wie z. B. Arcandor nach Zerschlagung leicht in die Insolvenz geführt. Wenn Stiftungen als Unternehmen nicht taugen sollten, gibt es hierfür Gründe: Einer der Gründe ist die staatliche Kontrolle, die sie erfahren, das Kapital, welches in der Stiftung als Vermögen zu bleiben hat und nicht an sogenannte Investoren abfließen kann oder beleihbar ist. Gleichwohl ist auch die Stiftung in der Lage, selbst Unternehmen auszugründen und diese als Gesellschafter zu führen. In diesem Sinne ist die Stiftung eigentlich ein Erfolgsmodell und sollte gerade in Krisenzeiten neu erprobt werden.
Die Zukunft wird uns beweisen, dass es wichtiger ist, grundsätzliche Aussagen zu allen Bereichen unseres gesellschaftlichen Lebens zu wagen und sich nicht in Projekten zu verzetteln. Wir benötigen nicht nur eine grundlegende Beratung von Stiftungsunternehmen im organisatorischen und wirtschaftlichen Sinne, sondern die Stiftungen selbst müssen aktiv werden, anderen – d. h. auch traditionellen Wirtschaftsunternehmen – den Weg aufzeigen, wie sie mit ihren Mitteln und Ressourcen effektiver handeln könnten. Natürlich sind Wirtschaftsberater vonnöten. Deren Qualifikation wird sich künftig aber auch anders und unabhängiger erweisen müssen, als dies bei traditionellen Wirtschaftsunternehmen bisher der Fall war. Die Vermittlung von Vertriebs- und Absatzstrategien alleine wird nicht weiterhelfen. Auch Einsparmodelle an Menschen sind nicht gefragt, sondern gerade die Einbeziehung vieler Menschen („hands on“), die Erschließung von Mitwirkungspotenzialen und finanziellem Engagement bis hin zu einer kybernetisch verknüpften kooperativen Gestaltung von Produkten und Vertrieb sind Erfolgssignifikanten eines zukunftsweisenden Modells.
Hans Eike von Oppeln-Bronikowski