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Stadtbürger – Bürgerstadt

Etliche Städte waren früher nach meinem historischen Verständnis von einer starken und einflussreichen Bürgerschaft geprägt, denken wir zum Beispiel an Hamburg. Diese Bürgerschaft war nicht nur einflussreich, sondern sie war auch in der Stadt sichtbar, bestimmte nicht nur Politik und Wirtschaft, sondern sorgte für eine gewisse, wenn auch nicht abschließende Kohärenz der Stadtgesellschaft. Und, wie sieht dies heute aus?

Nehmen wir zum Beispiel die Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland: Berlin. Wo ist in dieser Stadt die Bürgerschaft verortet und welchen Einfluss hat sie auf die Gestaltung der Stadt und den Zusammenhalt der Menschen, die in dieser Stadt leben? Für Berlin ist diese Frage möglicherweise schon deshalb etwas schwierig zu beantworten, weil Berlin stark durch seine Bezirke geprägt ist und jeder dieser Bezirke schon traditionell eine unterschiedliche bürgerschaftliche Prägung in Bezug auf seine Urbanität aufweist. Berlin scheint sich hier von anderen Städten in Deutschland zu unterscheiden.

Und doch, wenn auch die Bürgerschaften in Berlin in der Vergangenheit bezirksnah konkurrierten, war jedem Bewohner die stolze Aussage geläufig: „Ick bin een Berliner!“ Hat sich dies, was sich Bürgerstolz nennen darf, gehalten? Ich bin da skeptisch. Ein Pariser bleibt weiterhin Pariser, ein New Yorker New Yorker, um von Rom, London und Madrid gar nicht erst zu sprechen. Wie verhält es sich nun mit Berlin?

Trotz der Nazis und auch des 2. Weltkriegs mit anschließender Teilung und Verlust von wirtschaftlicher und urbaner Bedeutung, konnte bis zur Wende Berlin den Nimbus des Besonderen ausstrahlen und dies sogar nach der Wende, als Hauptstadt aufgewertet, zumindest vorübergehend, noch verstärken. Die Erwartungen waren bei den Bewohnern Berlins groß, dass es gelingen möge, eine selbstbewusste Bürgergesellschaft in dieser Stadt zu erhalten und gar zu stärken. Ist dies gelungen? Und wenn nein, was könnten Gründe für das Scheitern sein?

Ich glaube, dass es viele Lieferanten für meine Skepsis gibt, die miteinander nicht konkurrieren, sondern sich ergänzen. Zum einen ist es die Übernahme Berlins durch die Bonner Politik. Berlin wurde neu als Hauptstadt auserkoren und nicht selbstverständlich aufgrund seines historischen Verständnisses als Hauptstadt anerkannt. Mit Berlin gab es keine politischen Schlachten mehr zu gewinnen, es wurde damit als Stadt politisch bedeutungslos und als wirtschaftlicher Kostgänger lästig. Es galt künftig als Gnade, in und für Berlin etwas zu tun und die Stadt bettelte um Beachtung. Dies durchaus erfolgreich bei jüngeren und älteren Menschen. Berlin war wohlfeil zu haben und im Bereich Kultur und Unterhaltung üppig ausgestattet.

Naheliegenderweise vollzog sich damit auch eine Transformation der Gesellschaft in dieser Stadt, der sich weder die Politik, die Wirtschaft, noch die Bürger entgegenstellen wollten oder konnten. Teilweise stolz, teilweise hilflos empfingen sie diejenigen, die ihr Rentenalter hier in Berlin verbringen wollten, als auch diejenigen, die Berlin als Sprungbrett ihrer Wirtschaftskariere planten. Man sprach jetzt Englisch als Hauptstadtsprache, knüpfte wirtschaftlichen Erfolg an Start-Ups, ließ junge Menschen bei der Übernahme von Straßen, Plätze und Parks für ihre nächtlichen Partys gewähren. Ist die Transformation einer Stadt in etwas anderes einmal eingeleitet, ist eine Schubumkehr kaum mehr möglich. Da vieles in dieser Stadt schon geduldet wurde, obwohl Gesetze, Verordnungen und Regeln eines rücksichtsvollen Zusammenlebens ständig verletzt wurden, scheint sich heute das Gefühl in dieser Stadt ausgebreitet zu haben, dass es besser sei, alles hinzunehmen, weil eine Änderung aussichtslos zu sein scheint. Diese Aussichtslosigkeit drückt sich vielfältig aus, angefangen vom Straßenverkehr bis zur Verwaltung. Nicht, dass der Wille nicht bestünde, etwas ändern zu wollen, aber keiner weiß in dieser Stadt mehr, wie dies zu bewerkstelligen sein könnte und ob es überhaupt noch sinnvoll sei, etwas zu tun.

Die Stadt selbst, die Verwaltung, aber auch viele Bürger, die hier leben, sind einfach von dieser Stadt überfordert. Auch, wenn sie infolge einer verständlichen opportunistischen Haltung noch mitmachen, innerlich haben sie sich bereits abgewandt und sehnen sich weg aus dieser Stadt. Es war einmal ihre Stadt gewesen. Heute ist sie im Griff derjenigen, die die Stadt nur noch als Kulisse für ihre Selbstdarstellung nutzen und denen die Bürger dieser Stadt und ihre Bedürfnisse fremd sind.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Zufälle

Ein flüchtiger Blick auf die Uhr. Es ist 12.12 Uhr. Eine nicht verbredete Begegnung mit einem guten Freund aus Berlin, zum Beispiel auf dem Jungfernstieg in Hamburg oder in der MoMA in New York. Oder, das richtige Kreuz auf dem Tippschein? Alles Zufälle? Ja und nein.

Wer nicht Lotto tippt, kann auch nichts gewinnen. Wer nicht nach Hamburg oder New York fährt, wird dort auch keinem Freund begegnen. Der Blick auf die Uhr mit ähnlichen symmetrischen Ergebnisse ist jede Stunde möglich. Wir zählen auch nicht, wenn es nicht klappt. Also, nichts Besonderes?! Ja und nein.

Bestimmte Menschen nehmen die ihnen zufallenden Umstände wahr, andere nicht. Zufälle sind abhängig von Zeit und Gelegenheit, auf die wir durchaus Einfluss nehmen können. Zufälle sind also geplante Ereignisse, die sich erst in einen bestimmten Moment bewähren. Den Herstellungsprozess für Zufälle können wir uns vielleicht so vorstellen: alle Möglichkeiten zum Beispiel eines Lottogewinns, einer Begegnung oder sonstigen Ereignisses werden durch Siebe geschüttet, die sich immer mehr verjüngen, bis schließlich nur noch eine Möglichkeit im bewahrenden Moment durch das Sieb aufgefangen wird. In dieser Sekunde wird deutlich, dass der Zufall folgerichtig und unausweichlich ist.

Es ist an uns, die Zutaten in Siebe zu geben und sie so fein zu filtern, dass sie den uns überraschenden Erwartung entsprechen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

In Berlin

Berlin. Berlin. Ich liebe meine Stadt. Es ist die Stadt, in der nicht nur viel los ist, sondern jeder Mensch die Möglichkeit hat, sich zu verwirklichen, ob er ganz jung ist oder alt. Die Stadt ist schön und auch auf eine herrliche Art und Weise etwas anarchistisch. Was aber kaum jemals in dieser Stadt erfolgreich war, ist Politik und Bürokratie.

Die Obrigkeit ist irgendwie beschäftigt, aber vorwiegend mit sich selbst, peinlich darauf bedacht, preußisch pedantisch einfach Obrigkeit zu bleiben. Von Bürgernähe war und ist in dieser Stadt nichts zu spüren. Dabei geht es mir nicht darum, noch ein weiteres Klagelied auf die an sich völlig unterforderte Bürokratie anzustimmen, wohlwissend, dass Unterforderung immer Überforderung hervorbringt, sondern festzustellen, dass diese Bürokratie und ihre politischen Anführer offenbar weder einen Plan für diese Stadt haben, noch wissen, was die Menschen, die in dieser Stadt leben, eigentlich von ihr erwarten.

Zugegeben, kulturell sind wir auf der Höhe, nicht nur Kultursenatoren mischen sich in jeden Spielplan von Theater und Oper ein, sondern jedes gesellschaftliche Ereignis wird von politischen Claqueuren selbstbereichernd begleitet. Das betrifft insbesondere die Feiern im Sommer, quer durch diese Stadt und der Straße des 17. Juni bis Charlottenburg oder Alexanderplatz. Viele Menschen kommen aus der ganzen Welt zu uns, um diese einzigartige Feiermeile im Sommer zu bestaunen. Das ist einerseits gut so, aber es wird dabei wohl verkannt, dass es in dieser Stadt auch Millionen von Bürgern gibt, die hier leben und arbeiten wollen bzw. müssen, ob es Winter ist oder Sommer.

Die Straße des 17. Juni ist gefühlt während des gesamten Sommers gesperrt, eine der wichtigen Verbindungsachsen zwischen West- und Ostberlin. So bleibt getrennt, was zusammengehört. Kein Bus, kein Autofahrer vermag dann in geziemender Zeit dieses Hindernis zu überwinden und verzichtet lieber ganz auf Begegnungen, einmal abgesehen von den durch Stau und Sperrungen verursachten Umweltschäden.

Nicht alle Berliner sind Fahrradfahrer, zumal dies in der Stadt gefährlich und obwohl auch der Zustand öffentlicher Verkehrsmittel teilweise unerträglich ist. Was in dieser Stadt fehlt, ist Bürgersinn, und zwar nicht der Bürger selbst, die diesen durchaus haben, sondern der Obrigkeit. Der Bürger will Sicherheit, Ordnung, passierbare Wege und die Gelegenheit haben, seine Stadt ausgewogen zwischen seinen Interessen und den Interessen der Allgemeinheit zu nutzen. Also, schaut auf diese Stadt, ob das Bürokratie und Führung irgendwann hinkriegen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Kreativwirtschaft

Junge Menschen, Berlin und Start-Ups. Da gibt es nur einen Nenner: Kreativwirtschaft. Was ist das eigentlich? Sind alle jungen Menschen, die etwas tun, kreativ, Künstler gar? Und was bewirtschaften sie dann, wenn sie kreativ sind? Etwa ihre Küche oder Schlafzimmer, wird dort aufgeräumt? Sicher wird ordentlich gewirtschaftet mit dem, was vorhanden ist. Das ist löblich, aber nicht kreativ, selbst dann nicht, wenn beim Wirtschaften in den Wirtschaften über die Stränge geschlagen wird.

Es ist so einfach, sich lustig zu machen über ein bescheuertes Kompositum, wie Kreativwirtschaft in „be Berlin“. Natürlich ist es böswillig zu unterstellen, dass diejenigen, die sich dieser Kreativwirtschaft verbunden wähnen, einer Verabredung angehören, die vor allem darauf hofft, dass andere für sie sorgen. Und das tun in Berlin tatsächlich manche Politiker sehr gerne, denn junge Menschen, Kreativität und Start-Ups sind „Bringer“ in dieser hippen Stadt. So glauben die Politiker zumindest.

Tatsächlich vermute ich, dass hier alles seinen sozialistischen bzw. kapitalistischen Gang geht, die Einen künstlerisch veranlagt sind und die Anderen zum Unternehmer taugen. Es ergeben sich Crossover-Situationen und Verbindungen, die harte Arbeit auch im künstlerischen Bereich zum Erfolg führt, aber das scheint mir nichts Neues zu sein. Zu jeder Zeit haben sich Künstler mit ihren Werken durchgesetzt oder Designer ihre Produkte an den Markt gebracht. Die Könner machen von ihren Fähigkeiten dabei wenig Aufhebens, arbeiten konsequent und setzen darauf, dass die Rahmenbedingungen in unserer Gesellschaft so sind, dass sie ihre Chance unter Gewährung von Freiheit und Unabhängigkeit wahrnehmen können. Es ist in dieser Stadt gut und befriedigend, das Selbstbewusstsein, die Professionalität und die Freude am Gelingen zu spüren. Wenn man all das unter Kreativwirtschaft verstehen sollte, dann ist Berlin ein guter Lehrmeister.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Mittenmang (vor 1968)

Der Krieg war aus und vorbei, die Menschen hatten es wieder zu etwas gebracht. Sie stellten Kerzen ins Fenster für die Brüder und Schwestern in der Zone (sowjetische Besatzungszone bzw. „DDR“). Ganz Deutschland existierte im Kopf noch in den Grenzen von 1938, auch wenn die Westdeutschen nur noch ein Teilchen davon besaßen. Weil das Angebot an Arbeit mehr war, als wir verkraften konnten, hatten wir im Westen „Gastarbeiter“ im Land und starke Gewerkschaften. Rationalisierungsmaßnahmen wurden beschlossen, Überstunden gemacht, die Samstagsarbeit abgeschafft und die Freizeitangebote wuchsen. Zu Gogo und Isetta gesellten sich Kadett und Opel Rekord. Die Gesellschaft legte los, Häuschen wurden gebaut und der Lebensstandard stieg. Dies verdankte Deutschland seiner fetten Mittellage. Abgesehen von erfolgreichem Reparationshandel, der der BRD den Aufschwung brachte, blieben Fragen zu Kriegsschuld und Holocaust ausgegrenzt. „Die Gnade der späten Geburt“ erfasste auch diejenigen, die zunächst nichts sagen wollten zu ihren frühen Naziberührungen. Die Alten schwärmten von ihrem Krieg und ihren Heldentaten. Ein Volk von Tätern gab es nicht, sondern allenfalls Verführte. Die „leichte“ Schuld drückte aber dennoch schwer. Es war einfach schlecht, ein Deutscher zu sein, und doch war man deutsch durch und durch. „Marmor, Stein und Eisen bricht, aber unsere Liebe nicht“, der 60er-Jahre-Hit von Drafi Deutscher, Peter Kraus und Conny Froboess’ „Pack die Badehose ein…“, Peter Alexander und der Frankenfeld, Höfers „Frühschoppen“ und das Testbild. Es ging uns rund um gut. Als Pfahl im Fleisch der DDR war Berlin ohnehin die Insel der politischen Glückseligkeit. Alles was Berlin an Waren erreichte und streifte wurde veredelt mit einer Berlinzulage, die gesamte Berliner Infrastruktur vom Bund gezahlt. Unsere Schutzmächte passten auf uns auf und der 1. Mai war nicht der Kampftag der Arbeiterklasse, sondern das Bekenntnisforum: „Wir sind das Inselvolk.“ Wir, die Deutschen, die wir eigentlich nur Glück gehabt hatten, dass wir vom Kalten Krieg profitieren durften, betrachteten uns plötzlich sogar als die „sieben Aufrechten“ der westlichen Welt. Spätestens seit dem Mauerbau 1961 und schon seit den unvergesslichen Ansprachen der Bürgermeister Reuter und Brandt war jedem verantwortlichen Berliner Bürger klar, wo er stehen musste, wollte er seinen Status als aufrechter Insulaner nicht verlieren. Sozusagen die Betriebszeitungen dieses Berlins waren Bild und BZ, die Morgenpost, aber auch Die Welt. Dort wurde zum Ausdruck gebracht, was der Berliner dachte und das von ihm nicht Gedachte mitgedacht, sodass eine behagliche Einheit entstand zwischen den Medien und dem Berliner Volk, seiner Verletztheit in der Mitte eines erstarrten Kommunistischen Meeres und seinem Frontwillen: „Die Festung wird nicht geräumt.“

Den Feind hatte der Bürger damals klar im Visier. Die bessere Welt des Westens wurde gestählt durch die Reden Eisenhowers, Kennedys, Johnsons und Nixons. Alle waren auf der Hut vor Leuten wie Chruschtschow und Breschnew. Nur wenige Kilometer von der Mauer entfernt gab es in Ostberlin noch die Stalinallee. Der linke Geist lebte. Die Bundesrepublik Deutschland hatte andererseits das Privileg, trotz bestehender Bundeswehr keine Kriege mehr führen, sich nicht beteiligen zu müssen an den Schlachten und Gemetzeln in der Welt, sondern in völliger Ruhe nur dem Frieden verpflichtet zu sein. Alles lief gut, das Unternehmen Bundesrepublik Deutschland konnte so nur durch Saboteure herausgefordert werden.

Der Angriff kam völlig unerwartet aus Liverpool. Die Beatles. Die Beatles mit ihren Liedern, die kraftvoll jede Harmonie zerstörten, einem Anspruch Ausdruck gaben auf eine provokante, vielfältige und verletzliche Identität. Die Haare, ein lächerlicher Umstand. Sie wuchsen erst durch die Züchtigung der Gesellschaft zu einem markanten Symbol der Selbstbefreiung. Diejenigen mit langen Haaren waren plötzlich Individuen, die nicht mehr mitmachten im allgemeinen, deutschen Streben nach Prosperität und Selbstbehauptung, sondern sich absonderten von einer Gesellschaft, die in Ost wie West kollektivistisch angelegt war. Entweder bist du einer von uns oder gegen uns. Die Rechnungen wurden meist ganz einfach aufgemacht. Derjenige, der plötzlich Cordhosen trug und lange Haare hatte, war ein anderer, war ohne spezifischen Vorwurf ausgegrenzt und konnte aufgrund der so gewonnenen Freiheit seine eigenen Ansprüche formulieren. Es gab die ganz Freien, die sich einem solchen – wie Camus in „L’Homme Révolté“ – der persönlichen Rebellion zur Verfügung stellten. Andere Individuen dagegen suchten zu ihrem Schutz ein neues Kollektiv und fanden z. B. in Sartre und Mao ihre Lehrmeister. Da sie das Kollektiv der Bürger ausgegrenzt hatte, mussten andere Gruppierungen das Vakuum füllen. Man stürzte sich auf bis dato fast unbekannte Helden wie die Anarchisten Bakunin, Netschajew und Durruti oder auf Fidel Castro und Che Guevara. Im Kopf entstand so der historische Kampf. Lieder von Ernst Busch tauchten auf. „Halt’ stand, rotes Madrid.“ Der Überfall der Legion Condor auf Guernica wurde plötzlich thematisiert, Tabus brachen auf und die Eltern begannen sich zu fürchten vor den Fragen ihrer Kinder. Noch aber war die Szene nur angerissen, die wechselseitigen Vorwürfe nicht ausformuliert. Argwohn und Misstrauen gegenüber den Konsequenzen dieses Wissensdurstes ihrer Kinder entstanden in der Elterngeneration. Wegen ihres unbekannten Verhaltens, ihrer Aufsässigkeit und wegen der langen Haare wurden Schüler ermahnt, sogar der Schule verwiesen. Es gab schlechte Zensuren und Versetzungsschwierigkeiten. Es waren noch die Probleme Einzelner, die Gesellschaft insgesamt davon noch nicht erfasst. Wie es in den Wald hineinschallte, so rief die Jugend zurück. Es schien sich am Anfang um Proteste zu handeln, wie es auch die „Halbstarken“ Anfang der 50er Jahre artikulierten. Die Bedeutung des Aufruhrs war noch nicht belastet. Die Lebensplanung war im Großen und Ganzen noch familiär vorbestimmt. Dies sowohl auf Arbeiter- als auch auf bürgerlicher Ebene. Die einen wohnten traditionell im Wedding oder in Neukölln, die anderen in Studentendörfern in Zehlendorf oder zu Hause bei ihren Familien. Viele fühlten sich durch Leben und Studium privilegiert, hatten berufliche Karrieren im Visier. Manche hielten sich in Berlin auf, weil sie den Bund schwänzten, d. h. nicht zur Bundeswehr wollten. So gab es ein paar Drückeberger und durch den freien Teil Berlins geformte Studenten an der Freien Universität Berlin, welche im amerikanischen Sektor lag, geprägt durch den Henry-Ford-Bau und großzügig unterstützt vom Bund und den Alliierten, einige sogar in Dahlemer Villen untergebracht, beschaulich und einladend, effizient und neotraditionell: Das war die Freie Universität Berlin.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

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