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Fragen

Wieso, weshalb, warum, wer nicht fragt, bleibt dumm! Wer kennt nicht diesen eindringlichen Appell aus der Sesamstraße? Kinder wissen zu fragen. Ihre Fragen sind wie kleine Torpedos. Sie durchlöchern uns. Sie reihen Fragen an Fragen, bis wir oft nicht mehr weiterwissen, erschöpft sind, aber die Kinder keineswegs.

Mit Fragen erschließen sie sich ihr Leben, diese Welt und sie sind sparsam mit Antworten. Irgendwann dreht sich der Wind. Statt Fragen nun Aussagen, Behauptungen, Meinungen. Die Kinder sind damit in der Erwachsenenwelt angekommen und genießen ihre Deutungsmacht. In allen Etappen des Erwachsenwerdens wird diese rigoroser, tatsächlich wissend oder auch rechthaberisch.

Dies geht einher mit einer sich entwickelnden Fraglosigkeit, die allerdings kaum geeignet sein dürfte, um neue Erkenntnisbereiche zu erschließen. Wer nicht fragt, bleibt dumm. Wie auch das frühe Kind sollte sich der Erwachsene nicht scheuen, seine Berufs- und Privatwelt mit Fragen um Antworten zu bitten, die wieder Fragen auslösen können mit dem Ziel, nicht nur den eigenen Horizont zu erweitern, sondern auch andere an Findungsprozessen teilnehmen zu lassen. Ein fragender Mensch zeigt auch, wenn seine Frage nicht nur rhetorisch gemeint war, Interesse an anderen Menschen, dessen Wissen und Meinungen.

Ein sich stets nur selbst veröffentlichender Mensch erfährt kaum Neues, sondern verharrt ggf. mit den Parallelmeinungen anderer in seiner Blase. Fragen hingegen erweitern Erkenntnismöglichkeiten, stärken das Wissen und vermitteln Bildung. Es ist richtig, dass Fragen viel anstrengender sind als Antworten, da der Fragende sich auf eine Antwort konzentrieren muss. Fragen setzen Verständnis voraus und dieses Verständnis muss geübt sein.

Das, was Kindern so leichtfällt, müssen wir fragenden Erwachsenen wieder lernen. Wir müssen lernen, die Antwort auf unsere Frage nicht vorwegzunehmen, sondern auf diese zu warten, sie zu begutachten, zu prüfen und einzufügen in unser Menschen- und Weltbild. Sind wir Erwachsenen dieser hochkomplexen Herausforderung gewachsen? Fragen wir doch bei bester Gelegenheit einmal bei den Kindern nach.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski