Karl Marx und Friedrich Engels werden als Zeugen dafür aufgeboten, dass die Produktionsverhältnisse des Kapitalismus den Menschen zum Objekt degradieren. Der Mensch ist nicht mehr der selbstbestimmt Handelnde, sondern als Warenproduzent und Konsument gleichermaßen Konsumer. Was nach Marx´ Ansicht für den maschinenbestimmten Kapitalismus gilt, scheint auch für den durch Digitalisierung getriebenen Kapitalismus gleichermaßen zu gelten.
Es hat sich nichts geändert. Wurde früher nach Marxscher Ansicht der Mensch durch Maschinen ausgebeutet, so erfolgt nunmehr seine Ausbeutung durch eine digitalisierte Gesamtverfassung der Wirtschaft. Das Ergebnis sind wenige Profiteure, sich selbst versorgende Maschinen und eine überwiegende Anzahl an Menschen, denen weder Arbeit geboten wird, noch eine Grundversorgung, die ihnen Leben ermöglicht.
Trotz rapide steigender Bevölkerungszahlen sinkt das Angebot an erwerbsgerichteter Arbeit und verstetigt sich das Phänomen Marxscher Kultur- und Wirtschaftskritik. Wir haben kein erprobtes Gesellschaftsmodell, um die Zentrifugierung unserer Gesellschaft aufzuhalten. Wir benötigen das Modell einer Gegengesellschaft, die trotz aller Anerkennung bisheriger Errungenschaften nicht nur Neues erprobt, sondern überhaupt uns Menschen zu neuem Denken geleitet, das global anerkennungsfähig ist.
Ein zentrales Anliegen einer solchen Gesellschaft müsste es sein, nicht mehr den Gelderwerb, sondern die Beschäftigung des Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Ein tätiger Mensch verwirklicht so den Lebenssinn und schafft Nutzen für sich und andere, ohne dass er sich permanent in den Wettbewerb zu einem anderen Menschen stellt, indem er seine Verdienste berechnet oder es zulässt, dass Andere ihn beneiden. Nicht Erwerbsarbeit, sondern Beschäftigung im Zusammenhang mit fortschreitender Verbesserung unserer Möglichkeiten ist auf der Lebensspur jedes Menschen vorbezeichnet. Lernen und dadurch zur Lebensverbesserung beizutragen, ist nicht nur ästhetisch, sondern auch unter Nützlichkeitsgesichtspunkten weit vorteilhafter als individuelle oder kollektive Arbeitsstrukturen.
Wieso sollte soziale Anerkennung mit Anhäufung von Geld verbunden sein? Wieso sollen Eigentumsverhältnisse mehr zählen, als die Verfügbarkeit über Gegenstände auf Zeit. All dies ist nur eine Frage der gesellschaftlichen Verabredung und nicht eines Gebots, weder religiös noch weltlich. In einer Gegengesellschaft lautet das Motto: „Ich arbeite für mein Leben gern.“ Es ist eine Frage der Souveränität eines jeden Menschen, dies zu tun und eine Frage an uns Menschen, ob wir in der Lage sind, mehr aus uns zu machen, als der Kapitalismus erlaubt.
Hans Eike von Oppeln-Bronikowski