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Superlative

„Das ist wirklich wahnsinnig nett von Ihnen, dass Sie dies schreiben.“ Ich bin mir nicht sicher, ob die Menschen überhaupt noch mitbekommen, wie ihre Sprache inzwischen mit Superlativen durchsetzt ist. Ich glaube, die meisten Menschen haben sich daran gewöhnt und nehmen diesen Zustand einfach hin oder nutzen selbst die Möglichkeit, ihrer Aussage eine besondere Bedeutung beizumessen, wohlwissend, dass diese Bedarfssteigerung vom Empfänger als korrekt und selbstverständlich angesehen wird. Nichts ist kaum mehr schön, nett oder gut, ohne, dass es durch das Attribut wahnsinnig verstärkt wird.

Das Wort „wahnsinnig“, dass entweder vermitteln soll, dass ich selbst wahnsinnig bin oder meinen Gesprächspartner wahnsinnig machen möchte oder erwarte, dass er von selbst wahnsinnig wird, wenn er meine Botschaft empfängt, durchschreitet offenbar unterschiedliche Bedeutungshöfe, um schließlich aber doch nur auszudrücken, dass etwas nett oder schön ist. Wenn man sich allerdings wahnsinnig freut, ist es schon nahe eines Zustandes, der nach einer psychiatrischen Betreuung ruft. Das ist aber nicht gemeint.

Ich will nur sagen, dass ich mich freue, und zwar richtig, also nicht nur so tue, als würde ich mich freuen. Damit wird ein weiterer Aspekt der Superlative deutlich: Ich als Verwender will von vornherein Zweifel an meiner Aufrichtigkeit und der Ernsthaftigkeit meiner Freude ausschließen. Da die Freude allerdings auch riesig oder zum Beispiel mega sein kann, werden stets neue oder andere Superlative benötigt, um der Ausdrucksform die erwünschte Endgültigkeit zu verleihen. Superlative sind aber nicht steigerungsfähig. Nur neue Wortschöpfungen können dafür sorgen, dass ich am „optimal-sten“ ausdrücken kann, wie die ungeheure Zahl an Attributen und Adjektiven noch gesteigert werden könnte.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Rumpelstilzchen

Es ist, was es ist, das Ganze und dessen Teil, das Einzelne und die Menge. Es erklärt sich selbst, wenn wir bereit sind, seine Botschaft anzunehmen. Das Unbestimmte hat seine eigene Methode der Entdeckung, den besonderen Zugang zu seinem Verständnis. Diesen verschafft unsere Bereitschaft, uns auf einen integrativen Prozess einzulassen und nicht zu meinen, wir vermögen den Weg jeder Erkenntnis selbst zu bestimmen, gar zu glauben, dieses sei uns vorgegeben.

Auch eine etwa von uns eingesetzte Dechiffrierungsmaschine muss scheitern, denn sie versteht nicht, dass jede Gesetzmäßigkeit sich auch an Opportunitäten und Vorteilsnahmen orientiert. Wie bei Rumpelstilzchen ist alles nur durch eine angemessene Zuordnung, die sich aus dem Anliegen selbst heraus sichtbar macht, erklärbar. Jede Zahl, jedes Blatt und jedes Atom, die großen und kleinen Dinge vermögen sich ausschließlich durch ihre energischen Selbstbehauptungen zu vergegenwärtigen.

Wenn wir uns auf das Verborgene einlassen, dann wissen wir Bescheid, ohne dass wir genötigt wären, den Gegenstand der Betrachtung zu zerlegen oder zusammenzusetzen. Alles kann im gleichen Augenblick manifest und flüchtig dadurch werden, dass wir unser Verständnis zeigen. Wenn wir senderorientiert wahrnehmen und uns gänzlich öffnen, dies mit allen unseren Sinnen und kognitiven Möglichkeiten, bleibt uns das Wesen des Ganzen nicht verborgen. Wir erkennen dann die Muster, die sich selbst entwerfen, als seien sie in Sand oder Schnee gemalt. Jede Erkenntnis ist in uns selbst und dem Gegenstand unserer Betrachtung angelegt. Wir müssen nur lernen, alles zu begreifen. Rumpelstilzchen weist uns einen Weg.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Fass Dich kurz

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, bei mir aber setzt die Schnappatmung ein, sobald ich einen überlangen Vortrag insbesondere mit Power-Point-Präsentationen oder die geballte Kraft des Wortes zentimeterdick in Heften, Zeitungen oder Zeitschriften ertragen muss. Nach meiner Wahrnehmung sind 80 % des mündlich oder schriftlich verarbeiteten Wortgutes elaborierte Verbreiterungen bereits bekannter Umstände, wenn auch im neuen Kleid, wie ich anerkennend anmerken sollte.

Nichtdestrotz beschleicht mich leider schon viel zu früh der Argwohn, dass es eigentlich nichts zu sagen gäbe oder die Botschaft so bescheiden ist, dass sie einen ausgedehnten Worthof benötige, um zu wirken. Irgendwann ist es mir dann auch alles egal, weil ich hoffe, dass die Zumutung ein Ende findet. Viel erfrischender wäre es aber, wenn sich alle Vortragenden und Schreibenden kurz fassen könnten und das Wesentliche ihrer Gedanken so aufregend zu vermitteln wussten, dass die stimulierende Wirkung für lange Zeit nachhält. Kurz gefasst: Sich kurz zu fassen, ist aus Empfängersicht megaerfolgreich.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski