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Distanziertheit

Populismus, was ist das eigentlich? Meist wird der Populismus – jedenfalls ist so meine Wahr­nehmung – aus einer Wirkung heraus erklärt. Die Wirkung selbst wird aber nur unscharf beschrieben, provozierend und/oder reaktiv auf ein Verhalten eines Teils der Bevölkerung hin. Politiker, die wir als Populisten bezeichnen, schaffen zwischen sich und dem angesprochenen Teil der Bevölkerung eine Wechselbezüglichkeit, die verbal stark ist und diesem Teil der Bevölkerung Wohltaten verheißt.

Mit dieser sehr unzulänglichen Betrachtungsweise sind wir aber dennoch dem Populismus nicht sehr nahe gekommen, denn verbale Kraftmeierei bei Politikern ist auch ohne populistische Absicherung möglich. Ist Verantwortungslosigkeit ein populistisches Zeichen?

Ich glaube, nein. Auch derjenige, der sich dem populistischen Raum zugehörig fühlt, also vorwiegend in seiner Echokammer verweilt, übernimmt durchaus Verantwortung durch seine Äußerungen und sein Verhalten. Er ist damit einverstanden. Mir scheint der Populist genauso facettenreich zu sein, wie jeder andere Politiker und Bürger auch. Es gibt diejenigen, die systemisch denken, frei nach dem Motto: „Macht kaputt, was euch kaputt macht.“ Es gibt Intellektuelle, die den populistischen Gemeinsinn als Möglichkeit begreifen, eigene und fremde Interessen so zu bündeln, dass sie wie ein neues gesellschaftliches Produkt aussehen.

Schließlich wird Populismus nicht nur durch kalkulierte, sondern auch durch freigewordene Emotionalität bewegt, denn daraus kann ein Lebenssinn entstehen, der angepasstes Bürgerverhalten nicht zu zeigen vermag. Populismus ist also nicht monokausal in seiner Ursache, geschweige denn phänomenal eindeutig bestimmbar.

Gerade der Chamäleon-Charakter des Populismus erschwert die Einordnung und die Möglichkeiten, Ihnen zu begegnen. Hilfelose Politiker reagieren auf Populismus entweder mit Abscheu oder Parolen, wie „wir müssen die Sorgen der Menschen ernst nehmen“ ohne durch geduldige Analyse Ursache und Wirkung zu erschließen. Schließlich kann Populismus auch nur dort gedeihen, wo nicht populistisch orientiere Gesellschaften für die Nahrung vorgesorgt haben, deren sich die Populisten bedienen.

Gelänge es dem Populismus, sich der Gesellschaft insgesamt zu bemächtigen, wäre diese erledigt. Der Populismus aber auch, weil er zwischenzeitlich an seinen eigenen inneren Widersprüchen zerbrochen wäre. Menschen haben es in der Hand, sich des Populismus zu entledigen. Verachtung ist dabei der falsche Weg.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski