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Frust

Seit schon langer Zeit ist aus den Medien der Frust zu vernehmen, den Menschen erleben, die von der Gesellschaft abgehängt sein sollen. Es sei erforderlich, auf deren Sorgen und Nöte einzugehen und sie ernst zu nehmen in ihren Ängsten, Befürchtungen und Bedürfnissen. Das hört sich gut an, enthält aber nicht mehr als eine katechetische Leerformel.

Es macht einen himmelweiten Unterschied, ob man etwas ernst nimmt oder die Auffassung derjenigen teilt, die der beschriebenen Bevölkerungsgruppe entsprechen. Dabei ist von dem Frust derjenigen in diesem Zusammenhang überhaupt nicht die Rede, die für Vernunft, Toleranz, Demokratie und menschliches Miteinander stehen und dabei herausgefordert werden von denjenigen, die dieses Gebot missachten. Frust ist allerdings keine Einbahnstraße und es ist zu befürchten, dass auch die Vernünftigen auf die Idee kommen könnten, den Bettel hinzuwerfen und nichts mehr zu tun.

Natürlich fährt dann unsere Gesellschaft gegen die Wand, Chaos bricht aus, ggf. Bürgerkrieg. Darf der Frust von Menschen so wirkungsmächtig sein, dass er unser aller Handeln bestimmt? Können wir den plakativen Sorgen und Nöten nichts entgegensetzen, außer einem ebenso plakativen Verständnis, obwohl wir eigentlich diese Art von Radikalisierung nicht verstehen können, ja nicht verstehen dürfen. Die radikale Realitätsverweigerung, die Ausschaltung von Vernunft und emotionale Überfrachtung ist krank. Ein Heilmittel findet sich ggf. in der alternativen Medizin, d. h. der Staat und wir alle müssen uns darum kümmern, unsere Gesellschaft in dem Prozess der Errungenschaften nicht nur auf wirtschaftlichen, sondern auch auf sozialen Gebieten weiterzubringen.

Nicht die Umverteilung, sondern die gleichmäßige Verteilung der Möglichkeiten, auch unter Berücksichtigung des Leistungsprinzips, ist unumgänglich. Es muss wieder Freude machen zu leben, zu arbeiten und sich zu engagieren. Vorschriften und Regeln und ständige Zumutungen schränken unser Leben schon derartig ein, dass die Freiheit und Selbstbestimmtheit des Menschen darunter leidet. Wir müssen Pläne entwickeln, Pläne unseres Zusammenlebens und des Nutzens unserer Möglichkeiten auf allen Gebieten. Ohne kollektive Lebensplanung wächst der Frust und damit auch die Gefahr des Scheiterns unserer Gesellschaft.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Von der Freiheit eines (Christen-)Menschen

Das Paradoxon liegt bereits in der Überschrift. Freiheit an sich gibt es nicht, sondern nur die Abwägung zwischen verschiedenen Fesseln. Weder sind die Gedanken frei, noch die Taten freiheitlich bestimmt. Alles am Menschen ist absolut unfrei. Er hat nichts für sich. Nach völliger Aufgabe sämtlicher Versuche, Freiheit für den Menschen zu reklamieren, besteht vielleicht die Möglichkeit, den großen Bereich der Unfreiheit so einzuschränken, dass zumindest die Idee der Freiheit für einen kurzen Augenblick aufleuchtet. Das Maß der Bindung des Menschen schafft ihm seine Ordnung, in deren Rahmen vermieden wird, dass Chaos entsteht.

Ein wichtiges Attribut der Freiheit ist also zunächst das Chaos. Als Zeichen seiner Freiheit wird vom Menschen auch begriffen, dass er sich töten kann. Das ist im Kern nicht richtig. Der Mensch richtet die Waffe gegen sich, weil er gerade unfrei ist, meint den Umständen nur dadurch entfliehen zu können, dass er sich selbst richtet. Hier verschleiert die Willkür den Akt der Unfreiheit. Kein Mensch weiß, was ein freier Gedanke bedeutet. In seiner Unbekümmertheit erschreckt er ihn. Im Gegensatz zu unseren Gedanken, die stets versuchen, die Flut der freien Assoziationen von Bildern und Empfindungen zu zähmen, ihnen sozusagen ein verlässliches Kostüm zu geben, entwickelt sich Freiheit dort, wo wir uns fluten lassen von dem, was in uns steckt. Nach landläufiger Meinung haben wenige die Freiheit, etwas zu gestalten. Der Bauer, der den Acker pflügt, oder der Tischler, der den Tisch leimt: Das sind freie Menschen.

Nur wer etwas tut, ist frei. In graduellen Unterschieden tut jeder etwas und damit ist wohl die Gleichheit zu begründen, nicht aber die Freiheit. Die Freiheit besteht darin, sich zu verweigern, gerade nicht dorthin zu laufen, wo alle stehen, gegen den Strom zu schwimmen und rückwärts laufend nach vorne zu gehen. Auf dem Platz der Freiheit wird nur derjenige besucht, der bleibt und nicht mit den anderen marschiert, ob diese Freiheitslieder singen oder nicht. Möglicherweise ist daher derjenige frei, der alles in sich zulässt und in völligem Chaos seelenruhig seinen Platz behauptet.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski