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Kontrollverlust

Profillosigkeit hat Methode. Ein Politiker ohne Profil fällt medial weniger auf. Die Kanzlerin ist dafür ein beredtes Beispiel. Möglichst keine Stellung beziehen. Wenn dies unumgänglich ist, dann Sachverhalte mit Worten ausdrücken, die einfach sind. „Wenn etwas kaputt geht, zum Beispiel bei der Bundeswehr, dann muss man es halt reparieren.“ Das sei ja beim Auto leider genauso. Wo sie Recht hat, hat sie Recht und mehr zu sagen hätte allenfalls die zuständige Verteidigungsministerin. Diese verweist ihrerseits auf Sachzwänge und Vorgänger. Sie steht dennoch etwas dumm da im Gegensatz zur Kanzlerin. Sie hat die Kontrolle verloren und muss befürchten, doch nicht unsere nächste Kanzlerin zu werden.

Für uns selbst schätzen wir aber die Kontrollverluste, denn sie bieten uns Gelegenheit, andere dafür verantwortlich zu machen, dass etwas schief geht. Irgendjemand wird letztlich schon für die Schadensbeseitigung sorgen. Das ist auch gut so. Dies ist auch gut für uns.

Ist das wirklich so? Einerseits sicher ja, andererseits aber reiben wir uns an dieser Profillosigkeit, dieser geschmeidigen Fürsorge, die jeden Elan beseitigt. Was ist an Libertinage noch liberal? Was ist noch Christliches an unserem Sozialsystem? Wie gerecht ist die gesellschaftliche Aufteilung des „Volks“-Vermögens? Viele Detailfragen und noch mehr Fürsorge und konstruktive Antworten der Politiker darauf. Doch wollen wir das, wir der Souverän, die Bürger? Sind uns die Parteien und ihre Programme noch vertraut, attraktiv und korrespondieren sie mit unserer Sehnsucht nach umfassenden Lebensentwürfen? Wenn Freiheit, direkte Demokratie und Liberalismus ausdekliniert sind, was sollen wir dann damit noch anfangen? Dies gilt für Christ- und Sozialdemokratie ebenfalls. Und es gibt andere Parteien wie die AfD, was machen die anders oder besser? Eigentlich nichts konkretes, aber sie wecken unsere Begeisterungsfähigkeit? Früher einmal war Liberalismus noch ein Kampfbegriff, heute eine Chimäre. Und, was sollen wir tun? Die vollmundigen Ideengeber wählen, die Führer, die sich vorgenommen haben, ihrerseits Kontrolle über uns zu erlangen? Das wäre Regen in die Traufe. Wir müssen selbst die Stichworte liefern für eine verheißungsvolle Welt, dies mit viel Realitätssinn, aber auch mit Visionen. Wir müssen uns wahrnehmen in einer Gesellschaft, in der wir leben wollen und dafür kämpfen, dass sie sich entwickelt. Freiheit gehört sicher dazu. Die Freiheit, nicht mitzumachen oder mitzumachen. Die Freiheit, auch davon verschont zu bleiben, was man nicht will. Zur Freiheit gehört Solidarität. Zur Solidarität gehört nicht nur zu nehmen, sondern auch zu geben. „Zu geben ist gerecht.“ Ein Appell an die, die das können, es ernst zu machen mit der Umverteilung, um nicht nur die Chancengerechtigkeit in unserer Gesellschaft zu erhöhen, sondern auch die Voraussetzung für ein entwicklungsfähiges Leben nach dem Eigenen für unsere Nachkommen zu schaffen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski