Das Schlagwort künstliche Intelligenz hört sich an wie Kunstblume, also die wirkliche Blume nachahmend, aber niemals erreichend und übertreffend. Verhält es sich bei der künstlichen Intelligenz – auch kurz KI genannt – tatsächlich so? Ich glaube nicht. Die künstliche Intelligenz ahmt die Intelligenz des Menschen nicht nach, ersetzt diese auch nicht, sondern ist etwas ganz anderes, eine Alternative. Es ist daher falsch von künstlicher Intelligenz zu sprechen, besser spräche man von alternativer Intelligenz, also kurz AI genannt.
Wenn wir von künstlicher Intelligenz sprechen und dies dabei auf uns selbst beziehen, bringen wir damit zum Ausdruck, dass wir etwas entwickeln, was uns eines Tages selbst in Frage stellt. Schaut man auf die Beispiele, insbesondere im spielerischen Bereich, dass Computer heute Weltmeister im Go und Schach besiegen, könnte man annehmen, die Angst sei berechtigt. Computer, so sagen Wissenschaftler, sind aufgrund der verarbeiteten Datenmenge bald auch in der Lage, Fehler zu erkennen, sich selbst zu programmieren und algorithmisch weiterzuentwickeln.
Die darin eingebettete Furcht lautet: Die Computer brauchen uns nicht mehr. Wähnen wir uns aber zu Recht in einer Konkurrenzsituation zum Computer? Billigen wir der durch Deep Learning entstehenden Intelligenz eine Alternative zu der unsrigen zu, können wir sie nutzen, ohne uns selbst zu belasten. Mag sein, dass das sich selbst programmierende Programm schon in ein paar Jahren eine intellektuelle Fähigkeit entwickelt hat, die der unseren bei weitem überlegen ist. Doch kein Programm wird in der Lage sein, echte Tränen zu vergießen, Verluste und Versagen als echten Schmerz wahrzunehmen und darauf gleich wieder eine ermutigende Antwort zu geben. Keine Maschine kann uns Gott erklären, sondern allenfalls religiöse Exegese betreiben und beschließen, was richtig oder falsch ist.
Kein Computerprogramm ist im wahrsten Sinne des Wortes unberechenbar, chaotisch und suizidal. Kein Roboter der Zukunft wird selbst dann, wenn er sich selbst erschafft, ein Ziehen im Bauch verspüren und sich erklären wollen oder können, dass er glücklich oder unglücklich verliebt ist. Da alles im Computer nicht stattfindet, was uns Menschen im Geist und Wesen auszeichnet, bleibt die Alternative. Eine Intelligenz, deren Bedeutung wir in Gang gesetzt haben und die uns herausfordern wird. Sie kann uns diese Welt verstehen helfen, sogar unseren Planeten retten, weil diese Intelligenz logisch ist und Argumente liefert, statt waghalsige Gefühle. Letztlich müssten wir aber als Menschen doch entscheiden, wem wir verpflichtet sind, dem Computerprogramm oder uns selbst.
Hans Eike von Oppeln-Bronikowski