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I. ASPEKT BILDUNG

1. Bildungsprovokation
Was unter Bildung zu verstehen ist, wissen wir recht genau. Eine Neubewertung der Bildung halten wir gleichwohl für erforderlich, weil wir wissen, dass wir im Begriffe sind, in der Unbildung zu ertrinken. Deshalb erweitern wir den Bildungsbegriff auf all diejenigen Fähigkeiten des Menschen, die nicht unmittelbar mit den notwendigen täglichen Verrichtungen zu tun haben. Lesen, Schreiben, Rechnen, Bild-, Ton- und Wortaufnahme erklären wir zu Bildungsexponaten, obwohl sie diese Auszeichnung allein stehend nicht verdienen. Bildung ist die Fähigkeit, unter der Fülle von Wissensangeboten  eine Auswahl zu treffen, diese zu verbinden, Eindrücke zu gestalten und sie gegebenenfalls auch sinnstiftend einzusetzen. Dazu gehört auch die Bereitschaft, sich mit mehr auseinanderzusetzen, als mit dem was z. B. Medien, Computer, Fernsehen aber zuweilen auch Erzählungen oder Theaterstücke vorrätig halten. Bildung beruht auf Erkenntnissen, seien diese geschichtlich, künstlerisch oder sprachlich bedingt. An dieser Hürde gemessen, sind wir inzwischen ein ungebildetes Volk, dessen Interesse mehr auf Konsum und Unterhaltung und weniger auf Erkenntnisse, d. h. das tiefe Eindringen in die Dinge, ausgerichtet ist.

Mit Lesen, Schreiben, Rechnen lässt es sich sicher komfortabel leben. Derartige Fähigkeiten sind auch unverzichtbar für die Aufrechterhaltung unserer Zivilisation. Sie reichen allerdings nicht aus, um unser Gemeinwesen unter Bildungsgesichtspunkten zu evaluieren. Es ist mehr vonnöten als das Pflichtpensum  an Schulen und „convenient living“. Wichtig ist es, einen Grundkonsens bezüglich des Lebens auszugestalten. Das Leben ist nicht Spaß, sondern Ernst. Das Leben bestimmt sich nicht nach Einschaltquoten, an denen gemeinhin auch Bildung gemessen wird, sondern an seiner Gegenwart, seinem Schöpfungsreichtum und seiner Vergänglichkeit. Das Beharrungsvermögen der Bildungsverweigerer mag an Anzahl der Personen und deren Hartnäckigkeit groß sein, jedoch ist es möglich, aufzuzeigen, dass die Wasser abfließen und eine ausgetrocknete Bildungslandschaft auch den Profiteuren der verantwortungslosen Spaßgesellschaft keine Lebensgrundlage mehr bietet. Wir müssen die Lyrik, die darstellende Kunst und das Theater, Opern und Konzerthäuser pflegen, damit die materielle Gier und die geistige Verwahrlosung diese letztendlich nicht selbst gefährdet. Ich setze darauf, dass eine Peripetie dadurch eingeleitet wird, dass infolge der Abflachung unseres Bildungsniveaus der Abstieg unseres Landes im internationalen Bildungsvergleich wahrnehmbar zu verzeichnen ist und daher der Wille zur Selbstbehauptung eine nachhaltige Umkehr bewirken wird. Statistiken sind nur dort verlässliche Gradmesser, wo sie Anhaltspunkte für eine sachorientierte Interpretation liefern.

Die Vermittlung von Bildung beginnt nicht erst im vierten Lebensjahr, schon gar nicht alleine durch sogenannte Bildungsinstitutionen. Der Bildungsauftrag kann weder an Schulen noch an Eltern delegiert werden. Bildung, die Vermittlung von Bildung an Kinder und junge Menschen ist eine Aufgabe unserer ganzen Gesellschaft. Dessen waren sich frühere Gesellschaften durchaus bewusst. Anregungen und Impulse bekamen Kinder und Jugendliche früher nicht nur aus dem eigenen Elternhaus, sondern auch von Dritten aus Erzählungen, Vorhaltungen usw. Ein potenzielles Korrektiv wäre wünschenswerterweise das Fernsehen gewesen. Dieses kann aber seiner Rolle nicht gerecht werden. Fernsehen vermittelt keinerlei Bildungsinhalte, sondern provoziert zum Abschalten. Konsumverhalten ist heute gefragt statt eigener kreativer Reaktionen. Es ist sicher richtig, dass eine große Verantwortung für die Bildung des Menschen bei den Schulen liegt. Es ist aber völlig irrig anzunehmen, dass hierbei wesentlich die Unterscheidung zwischen Privatschule und öffentlich-rechtlicher Schule eine Rolle spielt. Entscheidend ist die Lehrbereitschaft. Um Maßstäbe zu schaffen, haben wir Schule nicht nur zunehmend verrechtlicht,  sondern auch Standards festgelegt, die einerseits eine befriedigende Leistungsabgrenzung ermöglichen, zum Anderen aber gerade dasjenige vergesellschaften, was eigentlich evaluiert werden müsste, und zwar die Fähigkeit jedes Einzelnen, sich zu bilden.

Schule an sich institutionell ist völlig irrelevant. Relevant ist der ausbildungsfähige und ausbildungsinteressierte junge Mensch einerseits und der Lehrer andererseits. Beide müssen zusammenkommen. Üblicherweise wird dies heute so gestaltet, dass Kinder oft lange Schulwege auf sich nehmen, um in ein Schulgebäude einer Zentralschule zu gelangen. Welche verhängnisvolle Behinderung! Wäre es nicht eher sinnvoll, Bildungsangebote dort zu unterbreiten, wo Kinder und Jugendliche sind, damit sie sich in ihrem Gemeinwesen wohl fühlen, in ihrem Dorf oder ihrer Kleinstadt bleiben und dort ihr Leben führen? Was spricht dagegen, Lehrer auf die Wanderschaft zu schicken, ihnen Gelegenheit zu geben, mit Intensität Kleinst- oder Kleingruppen, gegebenenfalls auch im Schichtbetrieb auf dem Lande, in Dörfern oder Kleinstädten zu unterrichten, anstatt Kinder und Jugendliche von ihrem natürlichen Lebensumfeld zu entfremden? Offenbar sind wir nicht in der Lage, Bildung als ein umfassendes Menschenrecht und eine Verpflichtung zu begreifen, die nicht nur institutionell und zentral, sondern auch lebendig an den erforderlichen Stellen angeboten wird. Lehrer, die sich auf Wanderschaft begeben würden, könnten auch zusätzlich in mobilen Volkshochschulen ältere Menschen, gegebenenfalls auch für nicht berufsbezogene Ausbildungsinhalte, begeistern. Insgesamt glaube ich, dass wir zu den Anfängen zurückkehren und wieder neu und mit besserer Begründung unsere Schritte beginnen müssten.

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Hans Eike von Oppeln-Bronikowski