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Rücksichtnahme

Bin ich in den einschlägigen Medien unterwegs, verwundert mich die augenblickliche Diskussion im Zusammenhang mit dem Corona-Virus. Es ist einerseits von der grassierenden Ansteckung die Rede, andererseits gibt es Querdenker, die in Massendemonstrationen durch die Straßen ziehen und offensichtlich billigend in Kauf nehmen, dass sie mit Corona infiziert werden.

Ihre Aufmärsche rechtfertigen sie mit ihrem Grundrecht auf freie Meinungsäußerung und allgemeine Handlungsfreiheit, die nach ihrer Überzeugung den Verzicht auf Mundschutz mit einschließt. Was bei allem öffentlichen Lärm allerdings übersehen wird, ist, dass die politischen Entscheidungen einen eher untergeordneten Einfluss auf die Eindämmung der Pandemie haben.

Es geht nicht um Grundrechte und deren Verletzung, es geht nicht um Freiheit und die Zuweisung von Fehlern. Es geht vielmehr, und dies an erster Stelle, um menschliches Zusammenleben, um unser Grundverständnis des menschlichen Wesens, seiner Bedürfnisse und seiner Verpflichtung gegenüber Staat und Gesellschaft.

Hätten früher schon religiöse Hinweise ausgereicht, um Menschen an ihre Verpflichtungen gegenüber anderen Menschen zu erinnern, sind heute nach der Erosion der Religionen deutlichere Ermahnungen nötig. Es geht nicht um die im Grundgesetz verbriefte Handlungsfreiheit eines Menschen, sondern es geht um die Rücksichtnahme, die jeder Mensch einem anderen Menschen schuldet.

Es kann im Belieben jedes einzelnen Menschen stehen, sich mit Corona anzustecken und für die Folgen persönlich einzustehen, aber dies berechtigt ihn nicht, andere Menschen anzustecken, sondern im Gegenteil. Es ist ein auch für ihn geltendes Gebot der Menschlichkeit, dies zu verhindern. Derjenige, der ein solches Gebot weder aus seiner christlichen Überzeugung, noch aus seinem Menschenbild abzuleiten vermag, sollte Artikel 1 des Grundgesetzes prüfen, der den Schutz der Würde jedes einzelnen Menschen nicht nur gegenüber dem Staat sichern will, sondern auch als eine Selbstverpflichtung eines Menschen gegenüber einem Anderen ansieht.

Es ist mit der Würde eines Menschen nicht zu vereinbaren, einem anderen Menschen diese zu nehmen, indem er ihn der Gefahr aussetzt, sich bei ihm anzustecken. Daraus folgt, dass jeder Aufmarsch der Querdenker im höchsten Maße würdelos ist. Empathie bedeutet nicht, kranke Menschen zu bemitleiden, sondern alles zu tun, um deren Erkrankung zu verhindern. Was für den Krankheitsbereich gilt, umfasst auch alle anderen Lebensbereiche. Kein Mensch kann die Freiheit beanspruchen, sich zu Lasten anderer Menschen zu verwirklichen, sei dies körperlich, emotional oder geistig.

Unseren Handlungsoptionen sind durch unser Menschsein, unser soziales Zusammenleben und den Grundkonsens einer funktionierenden staatlichen Ordnung Grenzen gesetzt. Das Akzeptieren von Fakten, Respekt gegenüber anderen Menschen, demokratisch legitimierten Institutionen und Rücksichtnahme untereinander auch dann, wenn wir anderer Meinung sind, verbürgen zuverlässig unser eigenes Sein in der Gemeinschaft mit anderen Menschen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Kontrollverlust

Kann ich die Kontrolle, die ich verloren habe, auch wiederfinden? Wo soll ich suchen? Wer findet meine Kontrolle und bringt sie zurück? Zahle ich dann den Finderlohn? Wie hoch ist die übliche Vergütung? Was passiert, wenn weder ich, noch ein anderer meine Kontrolle findet und der Verlust endgültig eintritt? Wenn die Kontrolle abhandengekommen ist, was mag sie ersetzen? Sind das alles nur Wortspiele, Befürchtungen, die sich in unseren Medien wiederfinden oder schon eingetreten sind?

Das ist im unübersichtlichen Terrain der Meinungen kaum auszumachen. Bezogen auf die Politik ist von Kontrollverlust von Staaten die Rede, zum Beispiel an der Grenze zwischen der Türkei und Griechenland oder bei der Bekämpfung des Corona-Virus in Italien. Was ist das richtige Mittel, um dem Kontrollverlust entgegenzuwirken? An der Grenze zwischen Griechenland und der Türkei Menschen zurückzutreiben und auch die Grenzen aller Staaten zu schließen, damit das Corona-Virus nicht übergreift?

Vielleicht ist hier der Vergleich gar nicht so abwegig, wenn er zur Erkenntnis führt, dass einem Kontrollverlust nicht dadurch entgegengewirkt werden kann, dass man Grenzen schließt. Etwas, das viel stärker ist, als unsere Möglichkeit, es durch Grenzziehungen zu verhindern, muss Akzeptanz erfahren, eine Akzeptanz, die nicht lähmt und nur reaktiv wirkt, sondern mutig die Herausforderungen annimmt und flexibel die Kontrolle behält. Eine solche Manifestation des Willens schafft Vertrauen, sichert Handlungsmacht und sorgt dafür, dass ein Kontrollverlust behoben wird und künftig nicht mehr eintreten kann.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski