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Gender

Die Genderisierung unseres Lebens ist schon eine merkwürdige Angelegenheit, die mich beeindruckt, weil ich sie begreifen, aber nicht verstehen kann. Ich bin nicht „etwas“ und habe bei aller Selbstbetrachtung bisher nicht erkannt, dass ich gattungsmäßig sämtlichen Zuständen zu entsprechen habe. Dabei ist dies, so entnehme ich den Anforderungen, keine Entscheidung meinerseits, sondern verpflichtend und soll mittels der Sprache so auf mich einwirken, dass ich mich zumindest als Teil eines Ganzen empfinde.

Die Sprache ist dabei nur das prozessuale Mittel, um zu erreichen, dass wir alle nicht nur respektvoll miteinander umgehen, sondern uns auch nicht aussondern. Zu begreifen ist dabei allerdings wenig, dass in der Regel in Medien nur von dem Verbrecher oder dem Täter gesprochen wird und Verbrecherin nicht präsumtiv, sondern nur dann vorkommt, wenn im Einzelfall dies zur Debatte stehen sollte. Vielleicht handelt es sich hierbei um einen nicht abgeschlossenen Lern- oder Verstetigungsprozess.

Auch, wenn fast schon ermattet der Hinweis erfolgt, dass ein Student oder eine Studentin etwas anderes sei, als ein Studierender, weil Letzteres eine Tätigkeit darstelle, also prozessual wirke, trägt dies nicht zur Einschränkung des aufgenommenen Korrektureifers bei. Sprache ist sicher zum Gebrauch dar, aber stellt auch eine Herausforderung dar, über Sachverhalte nachzudenken, wie zum Beispiel über Denkmäler. Es ist vom Wachstum der Sprache die Rede und ihre Einzigartigkeit, die einem gesellschaftlichen Konsens entspricht. Besteht für das Gendern ein gesellschaftlicher Konsens? Ich weiß es nicht.

Wir müssen uns allerdings kritisch damit auseinandersetzen, welche Verluste damit einhergehen können, dass wir nicht nur die gegenwärtige Sprache, sondern auch all das, was bisher schon gesagt wurde, versuchen zu korrigieren, ungeschehen zu machen oder so zu verändern, dass es den gegenwärtigen Genderverpflichtungen entspricht. Bisher muss ich erkennen, dass die Anpassungsbereitschaft nicht Halt davor macht, bereits veröffentlichte Texte von der Genderisierung zu verschonen. Bisher konnte ich aber nicht feststellen, dass auch Gedichte in den Bannstrahl der gendergerechten Betrachtung gelangt sind.

Dies könnte sich ändern, zum Beispiel bei dem „Zauberlehrling“ von Johann Wolfgang Goethe, weil nicht einzusehen ist, dass es sich um einen Zauberlehrling und nicht um eine Zauberauszubildende handelt. Der Hexenmeister ist selbstverständlich auch eine Hexenmeisterin und in der vorletzten Strophe des Gedichts könnte man auch texten:

Herr*in und Meister*in! hör mich rufen! –
Ach, da kommt der/die Meister*in!
Herr*in, die Not ist groß!
Die ich rief, die Geister
Werd ich nun nicht los.

Auch Matthias Claudius würde mit seinem „Abendlied“ nicht ungeprüft davonkommen, und zwar schon deshalb, weil er nur Brüder und keine Schwestern kennt, nur einen kranken Nachbarn und keine kranke Nachbarin. Ich versage mir hier, viele weitere Beispiele aufzulisten, denn sicher wird bald eine engagierte Arbeitsgruppe sich auch die Gedichte vornehmen, was ich insofern als überaus erfreulich empfinde, als dass die Korrektur auch stets mit der Lektüre einhergeht und in Zeiten, in denen Gedichte kaum noch rezipiert werden, so eine Renaissance ihrer Wahrnehmungen geschieht.

Aber: Noch eins aus Kurt Tucholsky „Augen in der Gross-Stadt“:


Es kann ein Feind*in sein,
es kann ein Freund*in sein,
es kann im Kampfe dein(e)
Genosse*in sein.
Es sieht hinüber
Und zieht vorüber …
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider.
Was war das?
Von der großen Menschheit ein Stück!
Vorbei, verwehrt, nie wieder.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Das Böse lehren lernen

Denkmäler werden geschliffen. Nicht nur diejenigen von bekannten Sklavenhändlern, sondern auch von geschichtlichen Wegweisern wie Christoph Columbus. Nach Auffassung einiger Menschen kann deren Verhalten nicht gerechtfertigt werden, weil sie für Sklaverei, Menschenhandel, Diskriminierung anderer Menschen und Kolonialismus verantwortlich seien.

Ziel der Kampagne ist es aufzuzeigen, dass unsere Menschheitsgeschichte auch immer eine schreckliche, andere diskriminierende und verachtende Geschichte gewesen ist. Unter Benennung aller Einzelheiten, persönlichen und kollektiven Fehlverhaltens verbiete es sich, dieses Verhalten geschichtlich zu relativieren, in dem man den Vorgang nur in seiner Zeit und aus seinen Umständen heraus betrachtet. Vielmehr sei alles, was geschehen ist und Menschen sich wechselseitig angetan haben, höchst gegenwärtig und werden durch Verhaltensweisen und ggf. auch Denkmäler bezeugt. Deshalb müssten diese weichen und diejenigen, die entwicklungsgeschichtlich eher den Tätern zuzurechnen seien, sich in Buße üben. Buße bedeute dabei, sich der Rolle zu vergegenwärtigen, die die heutigen Menschen damals gespielt haben könnten, wären sie am Leben gewesen.

Keineswegs könnten aber heutige Menschen, die sich im Wahrnehmungskreis der Täter befänden, eine Opferdeutungsrolle übernehmen, ganz gleich, ob dies im geschichtlichen Kontext oder im Zusammenhang mit denjenigen stehe, die heute noch das Stigma des Opfers tragen müssten. Zwischen Opfer und Täter, ob geschichtlich oder gegenwärtig, gibt es so nur einen angestrengten Weg der Verständigung, nur über Buße und Nachsicht. Dabei gäbe es einen Weg, gemeinsam zu lernen und das Böse, das Menschen anderen angetan haben und immer wieder antun, als Lehrmeister auszubilden für das eigene Verhalten und daraus die Kraft des Verstehens, der Überwindung und der Vergebung zu schöpfen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Denkmal

Es erklingt der Zapfenstreich. Die Denkmäler sollen heim ins Reich ihrer fragwürdigen und niederträchtigen Vorbilder. Denkmäler werden geschleift, geschreddert, gevierteilt und gerädert. Mit ihnen soll geschehen, was man an denjenigen, die sie verkörpern, nicht mehr vollziehen kann. Die Jagdzeit für Denkmäler ist wiedereröffnet. Auch derzeit in den USA.

Alle Denkmäler stehen zur Disposition, sogar die der Gründerväter Washington und Jefferson. Nicht erst seit der französischen Revolution weiß man, dass jeder noch so bedeutende Mensch Dreck am Stecken hat oder haben könnte. Die kollektive Beseitigung von Störendem hat epidemischen Charakter. Was in den USA derzeit an Fahrt aufnimmt, greift auch über auf Frankreich und Deutschland. Weg mit Napoleon, den Kaiser- oder Bismarckdenkmälern! Schaffen wir uns aus den Augen, was uns stört!

Ja, darum geht es: Störendes soll beseitigt werden. Wir wollen uns nicht mehr daran erinnern lassen, was gewesen ist und uns nicht unserer Geschichte stellen. Denkmäler sind nicht nur Heroisierungen von Personen und Ereignissen. Denkmäler fordern zur Auseinandersetzung auf. Sie machen uns bewusst, dass sich unser Leben unter Irrungen und Wirrungen, aber auch in der Erkenntnis des Richtigen vollzieht. Diejenigen, die auf dem Sockel stehen, sind wie wir. Indem wir sie stürzen wollen, beabsichtigen wir auch, unsere eigene kollektive Verantwortung zu beseitigen.

Wir schulden es uns und künftigen Generationen daher, Denkmäler zu erhalten und dabei den Entwicklungsprozess zu verdeutlichen, den wir als Menschen notwendigerweise durchstehen müssen, um die gleichen Fehler nicht immer wieder zu begehen. Ist das Halali auf Denkmäler einmal eröffnet, gibt es kein Halten mehr. Je nach Macht und Möglichkeit werden gerade dann auch die Denkmäler beseitigt und Straßennamen überschrieben, deren Erhalt für eine verantwortungsvolle Gesellschaft unverzichtbar sind.

Was in den USA Projektionsflächen für tiefgreifende gesellschaftliche Auseinandersetzungen mit Toten und Verletzten bietet, wird auch auf Europa überschwappen und uns sprachlos werden lassen, wenn wir nicht jetzt einen eindeutigen Standpunkt beziehen. Denkmäler fordern uns auf zum Denken. Wir dürfen das Denken nicht verlernen, weil es keinen Gegenstand sonst mehr gibt, der das Denken auslösen kann.

Nach dem Bildersturm ist in Russland auch wieder Ruhe eingekehrt. Unweit des Flughafens in Petersburg steht ein Lenin, der bei längerer Beobachtung zu tanzen scheint. Der Künstler, der diese Skulptur schuf, vermittelte uns mit seinem Werk auch eine Botschaft, die den Auftraggebern überhaupt nicht passte. Schauen wir uns Denkmäler in der Zukunft genauer an. Vielleicht lernen wir mehr von ihnen als wir ahnen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski