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Alles Krimi oder was?

Meine Generation kann sich daran erinnern, dass Durbridge-Krimis früher die Straßen leerfegten. Sogar Studentendemonstrationen in Berlin wurden in den 60er Jahren von manchen verlassen, um rechtzeitig bei Spaghetti mit Tomatensauce und algerischem Rotwein am Samstagabend dem Kommissar zuzuschauen. Natürlich unvergesslich „Derrick“, „Liebling Kreuzberg“ oder Tatort-Krimis mit Götz George.

Und heute: alles Krimi oder was? Ich zumindest habe den Eindruck, dass es nur noch zwei Fernsehformate, abgesehen von Kochshows und Schnulzen gibt: Krimis oder Rateshows. Da ich grundsätzlich keine Lust habe, Privatsender anzuschauen, kann ich nur vermuten, dass auch dort nur Krimis, Rateshows und Superstarsendungen angeboten werden. Bei Rateshows schwitzt ein Großteil der Zuschauer mit, ob der Kandidat in der Lage ist, auch die absurdesten Fragen zu beantworten. Identifikation ist hier erwünscht und möglich.

Wie verhält es sich aber bei den Krimis? Die meisten Krimis, die ich in letzter Zeit gesehen habe, lassen die Seelenqualen der Kriminalisten und ihr gestörtes Sozialleben nicht nur erahnen, sie zeigen es sogar ausführlich. Es ist bald kein Unterschied mehr auszumachen zwischen Tätern und Verfolgern. Alles gestörte Menschen. Gehen die Macher dieser Produktionen davon aus, dass auch die Zuschauer gestört sind? Das muss man wohl unterstellen. Natürlich sind wir – die Zuschauer – schon einiges gewohnt an Reizüberflutung optischer und akustischer Art. Die Messlatte hängt daher recht hoch. Aber dürfen wir überhaupt nicht mehr zur Ruhe kommen?

Gibt es außer den Verbrechen in unserer Gesellschaft noch irgendeinen geschützten Zuschauerraum, in dem wir uns vergnügen können? Gibt es so etwas wie eine Normalität? Welcher Zuschauer kann, nachdem er gerade einen Film gesehen hat, bei dem ein Kleinkind zu Tode gekommen ist und/oder eine Frau vergewaltigt oder jemand verstümmelt wurde, noch selig einschlafen?

Wir leben doch nicht fürs Fernsehen und müssen uns dennoch konditionieren, damit wir in der Lage sind, diese verqueren Krimiprodukte in den Abendstunden zu ertragen. Irgendetwas läuft da völlig schief und wir bezahlen zwangsweise noch diese Peinigung. Dass der Markt das will, ist eine billige Ausrede. Es geht um das Produktionsinteresse der mit den Sendern verbundenen Firmen. Diese Produktionen sind einfacher und preiswerter zu erlangen, als solche, die von unabhängigen Produktionsfirmen geschaffen werden.

Gäbe es Alternativen? Natürlich. Es gäbe genug Geschichten zu erzählen, die nicht beweihraucht und/oder verkitscht mit Europa und seinen Regionen und unseren sozialen Erlebnissen zu tun hätten. Kiez-Geschichten, aber auch solche, die sich mit Humor unseren Schwächen widmen. Das alles gibt es zwar auch, aber nach meiner Einschätzung in verschwindenden Maße. Wenn das mit den Krimis und Rateshows anhält, werde auch ich fordern, dass man mir meine zwangsweise eingezogenen Beiträge für das öffentliche Fernsehen wieder zurückgibt.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski