Schlagwort-Archive: Deutschland

Weltbild

Das Leben der meisten Menschen, zumindest in Deutschland, ist von einem hohen Sicherheitsbedürfnis bestimmt. Da jedem Menschen bewusst ist, dass ein Sicherheitsbedürfnis nur dann wirksam bedient werden kann, wenn die Allgemeinverbindlichkeit eines bestimmten Weltbildes erreicht wird, schaffen die Menschen Strukturen, innerhalb derer sich eine gemeinsame Sichtweise entwickeln und verfestigen soll. Ob das durch diese Sichtweise geschaffene Weltbild mit der Wirklichkeit kongruent ist, ist dabei offenbar weniger bedeutend als die Verbindlichkeit, die durch die gemeinsame Anschauung dieser Menschen begründet wird.

Das so gewonnene Weltbild grundsätzlich in Frage zu stellen, ist ausgeschlossen, abweichende Sichtweisen werden nur dann akzeptiert, wenn sie im Kern keiner Aufgabe des bisherigen Standpunktes, sondern nur dessen Bekräftigung dienen. Allerdings führt dies für den Fall, dass sich Weltbild und eine sich stets verändernde Wirklichkeit auch nicht mehr ansatzweise decken, dazu, dass sich Menschen nicht mehr in dieser Welt zurechtfinden.

Verschiebt sich der Fokus der Betrachtungsmöglichkeiten, mag der Einzelne noch Korrekturen für möglich erachten, innerhalb einer Gruppe fördern dagegen Anzeichen von tatsächlichen Veränderungen die Angst, wieder in den unsicheren Zustand vor der Festigung eines Weltbildes zurückzufallen. Wenn Weltbild und Wirklichkeit nicht mehr übereinstimmen, weil sich die Wirklichkeit verändert, dann fördert dies zudem die Bereitschaft von Menschen, die Wirklichkeit entsprechend ihren Vorstellungen anders zu gestalten, ggf. unter Einsatz von politischer und physischer Gewalt.

Sollte dies eintreten, dann ist es naheliegend, dass die so neu geschaffene Wirklichkeit nunmehr wieder Projektionsfläche für ein Weltbild wird, das ebenfalls Anspruch auf Allgemeinverbindlichkeit bis zur nächsten durch Gruppeninteressen rückversicherten Sichtweise auf die Welt erhebt.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Rosige Zukunft (Teil 1)

Die Welt scheint aus den Fugen geraten zu sein. Das Lamento ist allenhalben groß. Kein Mensch kann es dem anderen noch recht machen. Dies schließt Politiker, Verkehrsteilnehmer und Nachbarn mit ein. Es gibt nichts, was bei uns nicht beklagenswert wäre. Ich kann es mir wohl ersparen, all dies aufzuzählen, weil ohnehin jeder Leser weiß, um was es geht und fast alle Menschen etwas zu beklagen haben. Wenn der beklagenswerte Gegenstand der Betrachtung nur weit genug weg ist, also den Klagenden eigentlich nicht berührt, klagt es sich am besten.

Das mag man Klagen auf hohem Niveau nennen. So weit würde ich allerdings nicht gehen. Ich halte das Niveau der meisten Klagen für eher bescheiden. Oft bringt schon eine einfache Frage, was der Klagende denn so beklage, ihn völlig aus dem Konzept: „Ja, weil ….!“ Die selbstverständlich nicht ausgesprochene Antwort ist, dass, wenn alle klagen, keiner am Rande stehen will.

Wenn nun der verständnisoffene Empfänger dieser Klage nach Abwägung aller Umstände meint, dass es doch noch nicht so schlimm sei, denn Ungerechtigkeiten, dumme Po­litiker, Volksverführer, Rassisten, Zerstörer und Migranten habe es schon immer gegeben und man habe doch zumindest in Europa schon erhebliche Fortschritte in der – zum Beispiel –Kriegsvermeidung gemacht, so folgt sofort ein: „ja, aber…“.

Wenn der Empfänger des Klagegesangs auch noch meint, dass wir in Deutschland vielleicht in einem der schönsten, erfolgreichsten und sichersten Plätze der Erde leben, dämmert allmählich das „Aber“ dahin und es folgt die Irritation des Klagenden, wenn der Empfänger der Klage den Spieß umdreht und selbst gedankenvoll auf die Probleme im Klimaschutz, Müllvermeidung und Bevölkerungswachstum hinweist.

Darüber ordentlich und nachhaltig zu klagen, fällt aber schwer, weil diese beklagenswerten Gegenstände komplex sind und sich einfachen Zuordnungen entziehen. Wir sollten eine Verständigung darüber finden, dass wir unsere ganze Hoffnung in unsere Kinder und Enkelkinder setzen, das bereits begonnene Werk der Verbesserung unserer Welt in allen wesentlichen Fragen fortzusetzen, wie dies trotz aller Rückschläge schon immer gewesen ist. In der Erwartung der fortschreitenden Verbesserung unseres Lebens haben wir unsere Kinder in die Welt gesetzt und beabsichtigt, ihnen Aufgaben anzuvertrauen oder etwa nicht?

Sollte es auch im Interesse unserer Kinder darum gehen, unseren Planeten zu erhalten, müssten wir allerdings drastische Maßnahmen ergreifen, obwohl wir uns davor fürchten, dies zu tun. „Es ist ja schon immer gut gegangen ist.“ Wir sind es nicht gewohnt, in größeren Zusammenhängen als den lokalen zu denken. Wenn Deiche brechen, schleppen wir Sandsäcke bis zur Erschöpfung, wenn allerdings sämtliche Deiche brechen und der Klimawandel unaufhaltsam ist, stehen wir im Norden Deutschlands permanent knietief im Wasser, und zwar auf Grundstücken, die wir nicht mehr die unseren nennen dürfen, sondern der Natur zurückgegeben haben werden. Das ist dann reichlich spät für grundsätzliche Überlegungen.

Wir sind dann mit der plötzlichen und permanenten Migration in höher gelegene Regionen, mit Verteilungskämpfen und Überlebensstrategien beschäftigt. Was folgt, ist mutmaßlich der Bürgerkrieg.

Können wir das noch verhindern? Ja! Gibt es einen anderen Weg? Nein!

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Herrschaftszeiten

Ich sollte es mir ersparen, alles aufzuzählen, was der Welt in unserer Zeit zugemutet wird. Es sind jedenfalls viele involviert, uns den Garaus zu machen. Dabei geht es nicht nur um Politiker, Medienschaffende und Wissenschaftler, Urlauber und Handynutzer, keiner bleibt verschont, ich auch nicht.

Wir leben in Deutschland wie die Maden im Speck und finden das auch richtig. So soll es bleiben, Speckleben ist in Deutschland Menschenrecht. Keiner ist hier zur Umverteilung verpflichtet, keiner ist bereit, dort zu helfen, wo wirkliche Not ist, es sei denn, er hat etwas ganz Einfaches begriffen: Unser Speckleben in Deutschland ist purer Zufall.

So wenig es einen Anspruch auf Leben gibt, gibt es auch keinen Anspruch auf Speck. Neben umfangreichen theologischen Vorbehalten, ist unser Leben letztlich eine den Menschen überraschende Naturgabe, die uns auffordert, sie zu würdigen und gemeinsam mit anderen Menschen zu erhalten. Es geht dabei nicht um Geld, sondern es geht darum, das angenommene Leben zu gestalten. Es geht nicht um Fettlebe, sondern um Tun. Es geht nicht um Rechthaberei, sondern um Lernfähigkeit. Es geht auch nicht um Schönfärberei, sondern um Realitätssinn. Es geht also nicht um Dekor, sondern um Inhalt.

Sicher, die Neider, Gierhälse, Verächter und Anspruchsteller haben immer recht, denn sie sind ja so viele. Aber, hätten sie recht, wenn sie nicht schon im Speck leben würden? Könnte es sein, dass sie sich einfach weigern, ihre eigenen Potentiale zu entwickeln? Der tätige Mensch erwartet nicht, dass andere für ihn tätig werden, sondern ist Selbstgestalter. Da das Leben eine wunderbare Veranstaltung für jeden Menschen ist, kann gemeinsam das Werk gelingen, wenn – anstatt zu jammern – jeder anpackt.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Fußballweltmeisterschaft

Deutschland ist ausgeschieden! Deutschland? Das frage ich mich. Dass die Spieler die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen, bezweifle ich natürlich nicht. Sie sind nun mal Passdeutsche, mit oder ohne Migrationshintergrund, ob sie sich als Deutsche fühlen oder als Engländer, Spanier, Italiener, Polen oder Amerikaner. Völlig belanglos ist natürlich auch, in welchem Fußballclub sie weltweit seit längerem spielen, wo Familie und Kinder leben, möglicherweise ihre Kinder geboren wurden und ob diese vorwiegend oder ausschließlich spanisch, polnisch, kroatisch oder japanisch sprechen. Aus einem breiten Angebot der Bewerber werden vom Bundestrainer 11 Spieler mit deutschem Pass ausgewählt, von den Ersatzspielern nicht zu sprechen.

Das bedeutet bei 80 Mio. deutschen Einwohnern und geringfügig weniger Passdeutscher und 30 Mio. aktiven oder passiven Fußballspielern 11 Spieler, die Deutschland verkörpern. Für mich ergeben sich da Unstimmigkeiten, die dringend geklärt werden müssen. Wie kommt es, dass 11 Spieler, die ansonsten irgendwo in dieser Welt spielen, 30 Mio. deutsche Fußballer bei der Weltmeisterschaft repräsentieren?

Ich kann mich auch nicht erinnern, dass wir sie oder den Bundestrainer jemals gewählt hätten? Und dennoch sollen wir unseres deutschen Gemüts wegen mit ihnen mitfiebern, für sie schreien, Bier trinken, tröten und konsumieren. Wir sollen es auch ertragen, dass nicht etwa sie, sondern Deutschland verliert, also wir 30 Mio. Fußballdeutsche, obwohl sich nur 11 Spieler erfolglos auf einem Fußballplatz in Russland tummelten.

Dass Deutschland verloren haben soll, das geht zu weit, wir haben keineswegs verloren, sondern nur die sich Deutschland anmaßenden Spieler einschließlich ihrer Funktionäre. Entweder bekommen wir künftig ein Mitspracherecht oder die Spieler und ihre Funktionäre müssten sich ein anderes Land suchen, dass nicht so bekloppt ist, diese nicht im eigenen, sondern im Landesnamen verlieren zu lassen. Wir sind eine große und stolze Fußballernation, oder?

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Germania

Wir holen uns Deutschland zurück, so lautet eine Kampfansage einer kleinen Partei, die die große Welt nicht mehr versteht. Befreit werden sollen wir von der Knechtschaft Europas und der Tyrannei kultureller Einflüsse weltweit. Unser armes Deutschland, erniedrigt, beleidigt und besudelt von den Freiern fremder Völker und Staaten. Wie kann das sein?

Ist aus Germania als unserer stahlbeplankten Heroin ein schutzloses und hilfsbedürftiges „Mädchen mit den Schwefelhölzern“ geworden? Wir reiben uns die Augen. Zumindest manche. Germania, die Streitrosse, Kriegsgeschrei und Glanz und Gloria gewohnt ist, gehört sie auf den Leiterwagen der AfD und sollte sich auf den Weg in die Schutzbunker deren Völklichkeit machen? Sind wir dem germanischen Mädchen nicht mehr gewachsen? Muss es in eine Besserungsanstalt, Klippschule oder Sommerlager, muss es mit nackten alten Männern an einen FKK-Strand oder in die Küche von Aschenbrödels Stiefmutter? Wartet vielleicht stattdessen auf Germania eine schöne Rolle als Rapunzel oder Lorelei?

Nein, was zu viel ist, ist zu viel! Wir lassen uns unsere Germania nicht nehmen, weil wir sie nicht besitzen. Germania hat sich emanzipiert. Sie ist heute eine moderne junge Frau, die viele Sprachen spricht und unterschiedliche Kulturen kennengelernt hat, sich sicher in dieser Welt bewegt und ihre eigene Meinung zur rüpelhaften, ungebildeten und anmaßenden Verwandtschaft hat. Sie ist klug genug, diese nicht allzu wichtig zu nehmen, sondern selbstbewusst und freibestimmt ihren Weg zu gehen. Wir sind heute gern in der Nähe dieser Frau und helfen ihr, sie gegen Zudringlichkeiten und die Anmaßung autoritärer Besserwisser zu verteidigen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Deutsch

Der Politiker Jens Spahn musste sich einiges anhören, nachdem er angemahnt hatte, dass in der Bundeshauptstadt Berlin auch in Restaurants wieder mehr Deutsch gesprochen werden sollte. Das hört sich zunächst so an, als ob wieder ein Politiker – wie seinerzeit Herr Thierse mit den Schwaben – einen Weckle-Streit entfache. Ist es aber so nicht. Wir leben in Deutschland.

Unsere Gesellschaft hat sich dazu verständigt, dass hier Deutsch gesprochen wird, anderenfalls müssten wir darüber abstimmen, ob wir das künftig ändern wollen. Dass Sprachen aussterben, ist nicht ungewöhnlich, vielleicht wollen dies einige von uns, dann müssen sie sehen, ob sie dafür eine Mehrheit bekommen. Ich glaube allerdings nicht, dass es hier um eine Grundsatzentscheidung geht, sondern um Konsumentenverhalten. Wenn der Konsument weltweit schon auf Linie gebracht wird, warum dann nicht auch in der Sprache.

Es ist einfacher, Werbebotschaften in Englisch zu schreiben, um die Wiedererkennung weltweit zu fördern, anstatt Einzelansprachen in den einzelnen Sprachräumen entwickeln zu müssen. Englisch ist nunmehr Lingua Franca. Wollen wir das, müssen wir das hinnehmen?

Ich bin nicht dazu bereit, auch wenn ich nicht verkenne, dass manche Sachverhalte im Englischen einfacher auszudrücken sind, als in der deutschen Sprache. Dort, wo Englisch und Deutsch schon Synthesen eingegangen sind, würde ich nicht dafür sorgen wollen, dass Begriffe mühevoll eingedeutscht werden. Jede verkrampfte Überführung von Begriffen ins Deutsche, wie dies zum Beispiel Franzosen mit ihrer Sprache pflegen, halte ich nicht für vernünftig. Aber dort, wo die deutsche Sprache zur Verfügung steht und keine Umstände dagegenstehen, sie auch zu nutzen, halte ich sie auch primär für verpflichtend. Es grenzt schon an Lächerlichkeit, wenn ich zu Vorträgen eingeladen werde und die Vortragssprache Englisch ist, obwohl der Vortragende selbst und sein Publikum weit mehr als überwiegend deutschsprachkundig sind.

Auch, wenn Dolmetscherdienste vorgesehen werden, ist zu beobachten, dass kaum einer es wagt, nach dem „Headset“ zu greifen in der Angst, als der englischen Sprache nicht mächtig erkannt zu werden. Diese Selbstverleugnung der deutschen Sprache hat nichts mit Souveränität zu tun, sondern ist Ausdruck von Unterwürfigkeit und Schwäche. Wenn wir uns aus dem deutschen Sprachraum zurückziehen und damit zum Ausdruck bringen wollen, dass wir über kosmopolitische Kompetenz verfügen, provozieren wir genau das Gegenteil. Das Vakuum, welches wir überlassen, wird zunächst sprachlich, dann aber auch inhaltlich besetzt.

Nach der Begrifflichkeit Convenience Food zum Beispiel bekommen wir als nächstes auch deren Inhalt serviert. Junge Menschen, mit denen ich spreche, erzählen mir gelegentlich, dass sie seit über 7 Jahren in Berlin wohnen, aber weiterhin Englisch sprechen. Auf meine Frage, warum sie dies tun, gibt es die einleuchtende Antwort: „Alle, auch meine deutschen Geschäftspartner sprechen Englisch und daher habe ich bisher keine Notwendigkeit gesehen, deutsch zu lernen. Man versteht mich überall.“

Als Notar wurde ich zuweilen gebeten, Englisch zu beurkunden, dann könne man sich die Kosten für einen Dolmetscher sparen. Wenn ich dann in einem solchen Fall die nächste Beurkundung in Deutsch ankündigte, dann stieß dies nicht auf Unverständnis, sondern oft auf ein Interesse, welches davor überhaupt nicht vorhanden war.

Und tatsächlich, es gelang mir manchmal, meinem Gesprächspartner zu vermitteln, dass er in Berlin und im ganzen Land viel mehr erleben würde, wäre er der Sprache mächtig. Wenn es geklappt hat, dann war die Freude des Entdeckens mit diesem neuen Sprachwerkzeug groß. Im Übrigen: Ich würde in Deutschland nie eine Restaurantbestellung in Englisch, Französisch oder Italienisch aufgeben. Ich halt´s halt mit Polt: Man spricht deutsch hier.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Leitkultur

In einem Vortrag, den ich neulich hörte, beschrieb der Historiker Prof. Rödder als heute maßgebliche Leitkultur die Inklusion. Viele Zuhörer waren erstaunt, weil die meisten Nichtfachleute unter Inklusion die Eingliederung von Behinderten zum Beispiel in den Schulbetrieb mit anderen nichtbehinderten Kindern sehen. Dass der Begriff Inklusion so weit gefasst ist, dass er als Oberbegriff taugt, unter den sich unterschiedlichste Lebenssachverhalte subsummieren lassen, war auch mir nicht geläufig.

Eingedenk der Debatte darüber, ob es in Deutschland überhaupt eine Leitkultur gibt, erscheint es unmöglich, dass gerade Inklusion dazu taugen soll. Im gesellschaftlichen Sinne kann unter Inklusion integrale Bildung verstanden werden, die Eingliederung von Fremden und die Auflösung eines monozentristischen Weltbildes. Ist zunächst der Mann nicht mehr das Maß aller Dinge, dann später auch nicht der Mensch. Die Maschine holt uns ein. Manche, wie zum Beispiel Donald Trump haben dies instinktiv erkannt und wettern gegen alles, um das Mannsbild zu erhalten. Sie sind aber Excluder.

Auch in Deutschland gibt es inzwischen diese Haltung. Ob es gelingen wird, die Aufnahme von Fremden zurückzudrängen? Ich weiß es nicht. Aber taugt als Leitkultur ein Phänomen, das noch auf dem Prüfstand steht, der Prozess der Auseinandersetzung darüber andauert und auch die Befürworter noch verunsichert sind? Selbst diejenigen, die Fremde bei uns haben wollen, fügen ihrer Bekräftigung ein „ja aber“ bei. Zum Beispiel Schulen mit Jugendlichen unterschiedlicher Herkunft, bildungs- und körperlichen Voraussetzungen in einer Klasse: einverstanden, „ja aber“.

Multikulti war „in“, dann hieß es, geht doch nicht und jetzt sollen die, die zu uns kommen, Deutsch lernen und sich hier integrieren. Tun sie das aber auch? Wie steht es um die Inklusion, wenn wir insgeheim erwarten, die Flüchtlinge behalten ihre ehemals ausländische Identität und gehen später dann wieder nach Hause. Ist Inklusion ein Willensakt unserer Gesellschaft oder eine Zufallserscheinung, weil zum Beispiel diejenigen, die doch bleiben, sich hier integrieren müssen? Ich denke nur an die Gastarbeiter der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts.

Eine Leitkultur der Inklusion nicht unter dem Aspekt des Anspruchs, sondern der einer Verwirklichung, vermag ich nicht zu erkennen. Wenn Inklusion alles umfassen soll also auch die Wirtschaft, die Kunst und das politische Verständnis, kann ich diesen Zusammenhalt schon gar nicht bejahen. Bei der Wirtschaft ist von destruktiven Entwicklungen die Rede, politisch geht die Bewegung weg von der Mitte und in der Kunst: „anything goes“. Wenn ich die Leitkultur von heute zu beschreiben hätte, würde ich behaupten, es gäbe keine. Es scheint mir, als würden wir versuchen, etwas zu finden, was uns zusammenhält, versuchen, die Voraussetzungen zu erarbeiten, die den Abschluss eines Contrat Social erlaubten. Es wäre höchste Zeit, eine europäische Kulturverfassung zu entwickeln. Auch wenn wir nicht die ganze Welt für unser Anliegen gewönnen, Deutschland allein ist viel zu klein, um auf alle Zeitfragen eine Antwort zu haben.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Wut

Wut klebt heute an Bürgern wie Gesinnungsabzeichen. Wut reklamiert derjenige als Antriebsaggregat, der für Pegida oder die AfD auf die Straße geht genauso, wie derjenige, der skandaliert, dass jemand die AfD wählt. Beide werden neudeutsch als Wutbürger bezeichnet. Sie verbindet, dass sie beide einen Gegner haben, und zwar jeweils den Anderen. Sie vereint auch, grob gesagt, der gleiche Sachverhalt.

Wutbürger 1 meint, dass sein Deutschland bis auf feine Nuancierungen frei zu bleiben hat von fremden Einflüssen. Er nennt dies Werterhaltung. Wutbürger 2 meint, dass sein Deutschland dadurch bereichert wird, wenn andere zu uns kommen, auch er will Deutschland mit allen Regeln und Gesetzen erhalten. Er setzt auch darauf, dass Zuwanderer eine sinnvolle wirtschaftliche Investition in unsere deutsche Zukunft sind.

Dies sieht der Wutbürger 1 anders. Er befürchtet, das Sozialschmarotzertum derjenigen, die zu uns kommen und dass die Sicherheit schwindet. Dies sowohl wirtschaftlich, was Arbeitsplätze und die Rente anbetrifft, aber auch im Sicherheitsbereich mangels sozialer Angepasstheit und religiöser Einmischung. Wutbürger 2 will ebenfalls, dass der säkulare Staat nicht in Frage steht und betrachtet im Übrigen unseren Rechtsstaat als stark genug, um Integrationsprozesse zu steuern und Übergriffe abzuwehren. Er wirft dem Wutbürger 1 vor, kein Vertrauen in unsere Demokratie zu haben und dem selbstverständlichen Schutzversprechen des Staats gegenüber allen Bürgern. Wutbürger 2 will im Verhalten des Wutbürgers 1 ein komfortorientiertes egozentrisches Verhalten erkennen. Wutbürger 1 wirft dasselbe dem Wutbürger 2 vor, bescheinigt ihm zudem Blindheit und soziale Arroganz.

Urteile und Vorurteile wechseln wie im Ping-Pong-Spiel die Seiten, auch darin sind sich beide Wutbürger einig. Der Schiedsrichter lügt, also „Lügenpresse, Lügenpresse“. Falschberichterstattung und Fehlinformationen zum Überdruss. Die sozialen Netzwerke, deren sie sich beide bedienen, die lügen aber nach ihrer Auffassung nicht. Sie geben ja ihre ins Netz gestellte Meinung wieder und die beruht auf Tatsachen, ist also richtig. Damit das Werk gut gelingen möge, sind beide Bürger mit Emotionen ausgestattet, die den Durchbruch ihres enormen Wissens über Fakten und Sinnzusammenhänge hinaus erst ermöglichen. Am Anfang war das Wort, hier nationalkonservativ, dort gutmenschlich, dann folgten Gesten, dann Waffen. Irgendwann stimmen wir dann das alternative Deutschlandlied an. „Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt, Deutschland, armes Vaterland…“

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Falsche Optik/Wortwahl

Deutschland schafft sich ab. So lautet die gewagte These des Erfolgsautors Thilo Sarrazin. Ich halte sie für falsch. Wir Deutschen sind viel zu skeptisch gegenüber Veränderungen und Neuerungen als dass wir das Wagnis eingehen würden, uns selbst abzuschaffen. Aber zu unserem Wesen scheint auch eine Verunsicherung zu gehören, die uns zu drängen scheint, es allen recht zu machen und dabei selbst den Überblick zu verlieren. Vom Altbundespräsidenten Wulff stammt der seltsame Satz: „Der Islam gehört zu Deutschland.“ Was wollte er mit dieser Aussage bezwecken? Den Religionsfrieden schaffen? Nein, er wollte ausdrücken, dass hier eine Willkommenskultur bestünde, Muslime auch in Deutschland so selbstverständlich seien wie Christen und Juden.

Aber, warum hat er dann nicht gesagt, dass Muslime zu Deutschland bzw. unserer Gesellschaft gehören, soweit sie deren Errungenschaften wertschätzen und unsere Gesetze und Regeln achten? Hierzu sind die Kirchen und Moscheen verpflichtet. Der Religionsausübung kann und darf ein gesellschaftlicher Vorrang vor unserem Grundgesetz nicht eingeräumt werden.

Nicht die Religion, sondern der Staat und unsere säkulare Gesellschaft genießen Priorität und Menschen jeden Glaubens können nur in diesem Rahmen durch Haltung überzeugen und Vorbild sein. Es gilt hier stete Überzeugungsarbeit zu leisten, ob als Christ, Jude oder auch als Moslem. Das ist eine Bringeschuld der Religionen gegenüber unserer Gesellschaft und keinesfalls darf die religiöse Überzeugung oder die Kirche einen höheren Stellenwert einnehmen als die Leitbilder dieser Gesellschaft, damit sich deren Toleranz entfalten kann.

Eine falsch verstandene Toleranz oder sogar die Vereinnahmung von Religion durch die Gesellschaft behindert den Integrationsprozess und sollte dringend abgeschafft bzw. verhindert werden.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Ein Prosit auf das mir vertraute fremde deutsche Land!

Rothenburg ob der Tauber bei Regen. Mein Schlüsselsatz, um Deutschland überall auf der Welt zu jeder Zeit zu begehren. Die Magie Deutschlands ist gegenwärtig. Sie ist in unser aller Gemüt, wenn auch unterschiedlich ausgeprägt. Ich bin ein Deutscher. Ich bin in Deutschland geboren. Ich habe deutsche Vorfahren und unterschiedliche deutsche Heimaten. Es ist nicht das Anderssein, welches mich gestaltet, sondern die Identität mit meinem Land, meinem Volk und meiner Geschichte. Daran knüpfe ich keine Erwartungen, sondern ich stelle einen Sachverhalt fest. Ich beschäftige mich mit meinem Deutschsein in unterschiedlichster Weise. Zunächst denke ich darüber nach, wie weit der Stammbaum meiner Familie in die Vergangenheit zurückwirkt. Nicht der Stolz begleitet meine Gedanken, sondern die erwartete Gewissheit einer mittleren Ewigkeit des Daseins. Nachdem ich die Anker wieder gelichtet habe versuche ich, die Fahrt nachzuempfinden, die ich in dem Familienkahn die vielen hundert Jahre zurückgelegt habe. An fremde Gestade wurde das Schiff gespült, Polen, England, Schweden und sogar Russland. Immer wieder hat das Boot Fahrt aufgenommen und ist hier- und dorthin geeilt. Der eine wurde ausgeladen, der andere an Bord genommen. Das war die für mich bestimmte Fahrt, eine Fahrt, die mich zum Deutschen gemacht hat. Deutsch sind die Erfahrungen unserer Gesellschaft, deutsch ist aber auch jeder aktuelle Aspekt der Gegenwart. Wie in einem Kaleidoskop spiegeln wir uns vielfältig in jedem Augenblick unserer Geschichte und stellen dabei fest, dass das Glück des Deutschen darin besteht, lernen zu dürfen. Indem er das Guckrohr dreht, bricht sich das Bild und offenbar neue, zumindest aber andere Bilder als die in seiner bisherigen Wahrnehmung entstehen. Der ständig lernende Mensch, das sollte des Deutschen Stolz sein.

Des Deutschen Stolz ist durch das Dritte Reich erschüttert worden. So empfinden wir es mehrheitlich zumeist. Das Selbsterschrecken des Holocaust.

Es gibt keine Möglichkeit, die Schoah zu relativieren. Sie entzieht sich jeglicher Ausdeutbarkeit und lässt nur erahnen, was in uns allen Menschen, also auch dem deutschen Menschen steckt.

Das furchtbare der Wahrnehmung ist dabei aus dem Gesetz abzuleiten. Franz Kafka hat mit seiner Erzählung aus der „Strafkolonie“ die Rituale für die geistige, körperliche und seelische Verwüstung aufgezeigt. Die Deutschen waren fähig so zu handeln, wie dies geschah, weil ihre rechtspositivistische Einstellung ihrem „Führer“ Gelegenheit gegeben hat, sie zu beherrschen. Deutsche waren und sind gesetzestreu. Das ist an sich nichts Schlechtes, aber das Gesetz an sich ist noch kein überzeugendes Argument. Es ist ein politisches Argument, in einem Rechtsstaat sogar ein rechtsstaatliches, am Gemeinwohl orientiertes Argument. Es ist aber kein Argument, welches ipso jure sich über alle anderen Argumente erheben dürfte, d. h. über alle Argumente der Sinnlichkeit, der Rationalität, der Vernunft, der Menschlichkeit, des Empfindens und des integren Handelns. Gilt ausschließlich das Gesetz, macht es denjenigen, der das Gesetz bricht, zum Verräter und schafft demjenigen, der sich an das Gesetz hält, die scheinbare Ruhe eines aufrechten Menschen. Nur so ist es erklärbar, dass manche Deutsche sich trotz ihrer mehrheitlich schlimmen Verbrechen aufrecht und ehrbar haben fühlen können.

Kein Deutscher muss an der Vergangenheit seines Volkes verzweifeln. Die deutsche Geschichte ist auch eine solche der Aufklärung und des mutvollen Handelns. Alexander von Humboldt als Naturwissenschafter, Martin Luther als Theologe oder Friedrich Hölderlin als ungestüm empfindsamer Dichter haben aus dem deutschen Wesen das herausgewendet, was uns Würde verleiht. Es geht nicht nur um die Würde jedes einzelnen Menschen, sondern auch um die Würde unserer aller Menschen, um die Würde unserer Gesellschaft und unseres Volkes. Wenn wir uns darin spiegeln, erblicken wir die Verantwortung, die uns allen und jedem Einzelnen von uns auferlegt wird, um die kulturellen Gegenwarts- und Zukunftsaufgaben zu meistern.

‚Deutschland, das Land der Erfinder’, so wird getitelt. Deutschland, das Land der Dichter und Denker, der Philosophen und Schriftsteller, Techniker und einer außerordentlich gewissenhaften Arbeiterschaft. Deutschland als Exportweltmeister, Deutschland als Zukunftsland der Gesundheit und Bildungsoffensive ohne seinesgleichen. Deutschland, ein Land, welches andere Menschen, aus anderen Heimaten, aufnimmt, integriert, ihnen wieder Heimat gibt, ihnen erlaubt, auch Deutsche zu sein. All dies stellt man sich vor, erwartet und erträumt man sich.

Deutschland, der deutsche Mensch, ist dazu fähig, sich dieser Herausforderung zu stellen. Da bin ich mir ganz sicher. Aber oft gewinne ich den Eindruck, dass er dies gar nicht will. Noch immer scheint der Deutsche auf der Flucht vor seiner Verantwortung zu sein, am Arbeitsplatz oder der Familie oder gar vor sich selbst. Deutschland ist ein Land der immerwährenden Ferien, Events und Belustigungen. Am liebsten würden wir alle Freizeitaktivitäten über das Jahr so verknüpfen, dass es kein Ende und keinen Start gibt. Dabei ist nicht die Vergnügungssucht der eigentliche Motor unserer weltumspannenden Hetze nach Frohsinn und Urlaub. Wir versichern uns durch unser Verhalten der ständigen Anwesenheit in der Realität. „Wir sind noch da!“ ist ein beständiger Schlachtruf nach dem Zweiten Weltkrieg. Indem wir uns im Internet verknüpfen, ständig in Vereinen, Lokalen und Bierwirtschaften herumhängen, versichern wir uns wechselseitig unseres Daseins. Um ganz sicher zu gehen, dass sich diese Form der Wahrnehmung gleichmäßig auf die gesamte Gesellschaft verteilt, achten wir auf eine allumfassende Versicherung unseres Lebens in jeder nur denkbaren Hinsicht.

Versicherungen sind einer der Triumphe unseres deutschen Wesens. Wir haben nicht nur Kranken-, Lebens-, Pflege-, Auto-, Hausrat-, Rechts- und Reisekostenversicherung, sondern sämtliche Formen der Versicherung gegen jedes Lebenswagnis einschließlich der Kosten für unsere Beerdigung. Wir sind abgesichert, sogar gegenüber unserem eigenen Übermut. Wir können nicht ohne Weiteres kündigen, was wir selbst so fest gezurrt haben. Wir müssen Bezugsberechtigungen ändern und Altersvorteile neu regeln, Doppelversicherungen in Kauf nehmen und schließlich doch noch Regelungslücken erkennen. Regelungslücken und deutsche Gründlichkeit. Das ist einer der Supergaus, die leider so häufig vorkommen und uns schmerzlich unsere Verletzlichkeit vor Augen führen. Erkennt der Politiker eine Regelungslücke, wird er sofort alles daran setzen, diese zu schließen und dabei auf Gerechtigkeit zu achten.

Gerechtigkeit ist das Banner einer homogenen deutschen Gesellschaft, die Heuschreckenschwärme vertreiben und Korruptionssümpfe austrocknen soll. Ist Gerechtigkeit eher auf der Nehmer- oder Geberseite? Wer bestimmt das Maß? Eines der Rätsel unserer Gemeinschaft ist die Delegation jeglichen selbstbestimmten Verhaltens an die Politik. Der Staat soll es richten. Früher der Fürst, jetzt der Staat? Wahr ist womöglich, dass wir in guten Zeiten die Demokratie nur eingeschränkt benötigen, eher die starke, austeilende und gerechte Hand. Aber in schweren Zeiten ist Demokratie besonders vonnöten, d. h. die Kontrolle der Verhältnisse durch den Bürger. Wann kann man wie lange noch zuwarten? Die deutsche Demokratie darf nicht nur, sondern muss selbstbewusst sein angesichts bisheriger geschichtlicher Verhängnisse. Der Bürger ist der Souverän und nicht die Politik. Der Bürger schließt seinen Vertrag mit dem Staat und vertraut diesem Aufgaben an, die dieser für ihn erledigen soll. Eine nachhaltig wirksame deutsche Bürgergesellschaft fertigt Politikentwürfe, leitet hierzu den großen gesellschaftlichen Diskurs ein und überantwortet das Ergebnis der Politik zur Prüfung der Umsetzbarkeit und des Vollzugs.

Wir brauchen keine weiteren Museen, in denen wir die deutsche Geschichte anstarren wie eine Maus die Schlange. Wir benötigen zentrale Plätze wie z. B. das Humboldtforum in Berlin-Mitte, das Stadtschloss als Ersatz des Palastes der Republik, um in diesen Räumen den gesamtdeutschen Dialog mit unserer ganzen Gesellschaft und unseren europäischen Nachbarn zu fördern, um aus Deutschland einen Impuls zu setzen für die Schaffung eines geeinten integrativen bürgerschaftlichen Gemeinwesens aller europäischen Heimaten.

Ein solches Deutschland, ein solches Europa würde auch mir nicht mehr fremd sein und Barbarossa unter dem Kyffhäuser könnte endlich seinen Bart aus dem Tisch ziehen und dadurch ein Märchen wahr werden lassen.

Dann würden alle Märchen wahr.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Mehr davon gibt es im nächsten Beitrag …