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Geistesblitz

Seit 2013 schreibe ich Beiträge für einen Blog, der von Frau Jette Klame mit ihrem Unternehmen administriert wird und in dem etwa 3 Veröffentlichungen zu unterschiedlichen Themen monatlich erscheinen. Trotz einer Reichweite weltweit, eines offenbaren Interesses, welches an den Klickzahlen und an der Verweildauer festzumachen ist, habe ich schon oft darüber nachgedacht, die Veröffentlichungen wieder einzustellen, weil sie keinen Diskurs mit den Lesern erlauben.

Natürlich habe ich ziemlich früh angeregt, eine Kommentierung meiner Beiträge zuzulassen, aber auf Rat erfahrener Freunde davon abgesehen, weil die Befürchtung bestände, dass statt eines Dialogs und inhaltlicher Auseinandersetzung ich auch mit persönlichen Angriffen rechnen müsste. Eine solche Erwartung habe ich natürlich überhaupt nicht, aber leider weist die Erfahrung von Menschen, die Kommentierungen zulassen, in diese Richtung.

Schade, denn so bin ich bis auf den Austausch mit Freunden, die meine Blogbeiträge lesen, nur im Zwiegespräch mit mir. In diesem Gespräch muss ich klären, worüber ich schreiben möchte und was mögliche Leser interessieren könnte. Ich versuche, empfängerorientiert die Themen zu wählen, wobei natürlich persönliche Begegnungen oder auch die Auseinandersetzung mit Erfahrenem und Gelesenem meine Auswahl prägen. Ich mache mir Notizen, aber selten ´schreibe´ ich kurze Texte, denn alle meine Beiträge werden von mir diktiert und dann vom Diktat in den Text übertragen. Das hat Vorteile, denn das Diktat ist näher am Dialog.

Ich spreche also, wenn ich schreibe. Vieles entwickelt sich erst während des Diktats und bezieht dabei auch meine jeweilige Stimmung mit ein. Allerdings wird jeder Text anschließend kritisch bearbeitet und nach Möglichkeit auf Fehler hin überprüft. Dennoch ist es nicht zu vermeiden, dass ich nicht nur mit meinen Ansichten danebenliege, sondern mich auch sprachlich und grammatikalisch vertue. Jeder, der schreibt, geht ein Risiko ein, so unbekümmert die Texte zuweilen erscheinen mögen, Geistesblitze sind eher selten dabei.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski

Unangenehmes zuerst

Sprichwörter, auch wenn sie zunächst trivial erscheinen, liefern oft treffende Orientierungsrahmen. „Aus den Augen aus dem Sinn.“ Dieser Spruch kann leichtsinnig gemeint sein, verrät aber Tiefe, wenn der Mensch bereit ist, sich dieses Merkspruchs bei der Bewältigung seiner täglichen Aufgaben zu bedienen, z. B. Unangenehmes zuerst zu erledigen. Das bedeutet, nicht zuzuwarten, bis der Druck, der auf einem lastet, so groß ist, dass man sich der Bewältigung der Aufgabe überhaupt nicht mehr entziehen kann. Bis zum Eintritt dieses Ereignisses ist meist schon viel passiert. Der Mensch befindet sich in einem ständigen Dialog mit seinen Aufgaben. Dieser Dialog ist zeitraubend und anstrengend, wird bestimmt durch die Aufforderung, etwas zu tun, die Rechtfertigung, es nicht getan zu haben, das einsetzende schlechte Gewissen, den Versuch der Selbstberuhigung, den Versuch das Unterlassene verschwinden zu lassen, und die anhaltende Konfrontation mit diesen nicht bewältigten Aufgaben. Der Aufwand nicht nur an geistiger und emotionaler Kontrolle ist enorm, sondern auch die tatsächliche Verwaltung dieser immer vor Augen stehenden Aufgabe. Zum Beispiel: Der Inhalt einer Akte liegt auf dem Tisch und muss stets wieder kontrolliert werden. Nach einiger Zeit wird der Vorgang fremd, bedarf eines erneuten Einlesens, der Orientierung, der Einholung von Informationen, bei deren Beschaffung der Bearbeiter womöglich in Zeitnot gerät. Die Anstrengung der Verwaltung und der Druck der Bewältigung wachsen. Ist dieser Moment erreicht, der keine andere Entscheidung als die sofortige Bewältigung der Aufgabe mehr zulässt, fördert dieser Druck das Gefühl, gezwungen zu werden. Nicht Gelassenheit ist angesagt, sondern Auflehnung, Blockierung, Wut und der verzweifelte Versuch, das Ruder noch einmal herumzureißen, der Erkenntnis des bisher Versäumten zu entgehen. Es gelingt nichts mehr oder nur mit knapper Not, meist fragwürdig und inkompetent, vielleicht auch auf Kosten anderer Menschen, denen man das eigene Versäumen nun anlasten will. Für das eigene Verhalten werden Andere beschuldigt, der Druck weiter erhöht und Fehler provoziert. Der Mensch, der dagegen sofort erledigt, was auf ihn zukommt, ist nicht abhängig von seinem Gedächtnis, von der gerade verfügbaren Zeit, den Zufällen und einem ausufernden Bearbeitungsmanagement. Er hat Zeit und kann sich jederzeit neuen Aufgaben stellen, bestimmt den Rhythmus seiner Tätigkeit und setzt sich keinem Rechtfertigungsdruck aus. Er mag für Andere zunächst unbequem sein, aber sie werden seine Nähe suchen, weil sie hoffen, ihre Unfähigkeit hinter seinem Einsatz zu verstecken. Dies gelingt nur scheinbar, da er alleine gestaltet und sie jederzeit vorführen kann. Die, die das wissen, sind daher auf der Hut und versuchen, sich den „Macher“ zu erhalten. Das schafft ihm Vorteile, und zwar auch dann, wenn ihm in den Sinn kommt, wie viel effektiver es wäre, würden sich alle Menschen an seiner Verhaltensweise orientieren. Er spürt oft die Einsamkeit seines Verhaltens. Es bleibt ihm aber das gute Gefühl, zumindest im Rahmen seiner Möglichkeiten alles getan zu haben und vielleicht auf Dauer auch Beispiel zu werden.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski