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Ferien vom Ich

In japanischen Restaurants ist zu beobachten, dass der Gast unter einem Vorhang, der unterhalb des Türrahmens angebracht ist, durchgehen muss und sich dabei wie selbstverständlich verbeugt. Diese Demutsgeste ist nicht nur der Höflichkeit gegenüber dem Gastgeber geschuldet, sondern schafft auch das Maß an Vorbereitung und Einkehr, welches es dem Gast erlaubt, den Innenraum aufnahmebereit zu betreten und Platz zu nehmen zum Genuss eines großen kulinarischen Ereignisses.

Dem vergleichbar ist der Zugang zu „Ferien vom Ich“. Um in diesen Ferien eines Menschen wieder zusammenzufügen, was oft getrennt ist, wie die Person und die Persönlichkeit, die Seele und der Verstand, die Weisheit und das Gemüt, ist es erforderlich, die Außenwelt der ständigen Selbstvergewisserung zu verlassen und die Innenwelt entdeckend zu besuchen. Dies geschieht auch hier in der Bereitschaft, beim Überschreiten der Schwelle zur Innenwelt das trennende Tuch nicht einfach zur Seite zu schieben, sondern den sich öffnenden Raum in demütiger Haltung zu betreten.

Demut bezeichnet das, was uns kräftigt, ohne uns zu schaden. Eine Persönlichkeit wird während des gesamten Lebens geformt. Daher ist nicht zu verantworten, den Menschen zu sagen, dass sie alles falsch machen würden. Das Leben ist Üppigkeit und Vielfalt, Erfahrung, Enttäuschung und grenzenloses Vertrauen. Innerhalb dieses ganzen Kosmos begreift sich der Mensch allerdings alleine und wird mit diesem Alleinsein entweder durch aufopfernde Hingabe oder durch Aggressivität und andere persönliche Ausdrucksmöglichkeiten fertig.

Jeder Mensch kennt Freude, erfährt aber oft auch tägliche Zumutungen, Herabwürdigungen oder auch Gleichgültigkeit gegenüber seinen Anliegen. Menschen begreifen, dass entgegen aller verbalen Beteuerungen viele Menschen wenig Anteil nehmen an den Problemen Anderer, sei es persönlicher oder finanzieller Art. Deren Probleme sind uns allerdings wohl bekannt, denn wir erkennen, wenn wir uns mit diesen beschäftigen, unsere eigenen Zumutungen. Die wollen wir aber nicht kennen, deshalb verhalten wir uns auch anderen gegenüber abweisend. Wir sind oft innerlich kalt, auch wenn wir das Gegenteil behaupten. Die äußere Emotionalität kann nicht verdecken, dass wir hoffen, selbst davongekommen zu sein. Zu beobachten ist, dass Rührseligkeiten und Emotionen in Zeiten starker Gefühlsdefizite besonders hervorquellen. „Ferien vom Ich“ könnte einen Versuch darstellen, durch Sehen, Kennenlernen und Begreifen das eigene Ich neu zu entdecken und damit vielleicht auch besser andere zu begreifen und uns dadurch ebenfalls zu bereichern.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski