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Raum

Als ich jüngst den deutschen Astronauten Maurer in etwa 22 Stunden auf die Internationale Raumstation entschweben sah, wurde mir wieder einmal dieser ungeheure Raum, in dem wir leben, bewusst, nahm dabei aber auch unsere Fähigkeit wahr, diese Tatsache eher zu observieren und zu konstatieren, als tatsächlich an uns heranzulassen. Wir vermeiden Konfrontationen mit der Ungeheuerlichkeit, seien diese anschaulich wie beim Weltraum oder im übertragenen Sinne wie zum Beispiel bei Zumutungen, die wir anderen zufügen. Solange wir trotz aller Ungeheuerlichkeiten noch Bezugspunkte haben, seien dies vertraute Planeten oder verlässliche Erwartungen, können wir uns zumindest vorübergehend der Ungeheuerlichkeit und Dimension eines Raumes aussetzen.

Auch wenn wir in Bezug auf den Raum von Entgrenzungen sprechen, so erhält er implizit dennoch seine Begrenzung durch unsere Sprache, weil wir die Ungeheuerlichkeiten des Raumes nicht mit Worten erfassen können. So verhält es sich nicht nur mit dem offensichtlichen Raum, sondern mit jeder Ungeheuerlichkeit, mit der wir konfrontiert werden.

Das Offensichtliche können wir nur beschreiben, aber mit Worten niemals zu der Wesentlichkeit des Ungeheuren vordringen und dieses durch dessen Beschreibung sichtbar machen. Und doch, eines ist dennoch gewiss, die Ungeheuerlichkeit eines Raumes oder jeglichen sonstigen Vorkommnisses können wir empfinden, falls wir bereit sind, dieses Empfinden bei uns zuzulassen.

Dabei wird zwar die Ungeheuerlichkeit nicht umfassend wahrnehmbar, aber die Qualität der Ungeheuerlichkeit spürbar, weil wir, wenn wir uns darauf einlassen, die Fähigkeit haben, Eindrücke mit unserem Verstand durchaus komplex zu verarbeiten. Allerdings erlaubt uns unsere persönliche Begrenztheit nicht, aus dem Wahrnehmbaren Schlüsse zu ziehen, die das mit einschließen, was unsere analytischen Möglichkeiten übersteigt. Da es aber etwas gibt, das, um in einem Bild zu sprechen, jenseits des Horizontes liegt, begleiten uns bei der Betrachtung von Ungeheuerlichkeiten unsere Empfindungen, die sich durch Sehnsucht, Angst und Entsetzen bemerkbar machen und den Ungeheuerlichkeiten Konturen verleihen.

Hans Eike von Oppeln-Bronikowski